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„Und täglich grüßt das Murmeltier“ – eine Retrospektive

Der Hintergrund

Ich begleite eine etwa zwanzigköpfige Gruppe, die sich alle drei Monate trifft, um zwei Tage zusammen zu liefern. Die Constraints? Fluktuation, Heterogenität, wer weiß, ob er beim nächsten Mal dabei ist? Getagt wird in – was sonst? – Tagungshotels. Sie kennen das: kilometerlange Flure, gemusterter Teppich. Der monotone Rhythmus aus Essen, Arbeitssession, Essen, Arbeiten. Tag für Tag.

Ich möchte den Fokus in der abschließenden Retrospektive auf ein „Was kann ich anders machen?“ lenken, weg vom verführerischen „Man sollte mal … jemand wird sicher beim nächsten Mal …“

Der immer gleiche Teppich, Fahrstuhl-Piepen, Kaffeemaschinen-Röcheln, die immer gleichen Hotelgeräusche … Was wäre, wenn nur ich etwas ändern könnte? Und da war sie: die Murmeltier-Retro.

Die Retro

Check-In

Herzlich willkommen zur Retro! Unsere heutige Check-in-Frage lautet: Wenn du jeden (!) Morgen vom gleichen Lied geweckt werden müsstest, welches suchst du dir aus? Bitte nehmt euch einen Moment Zeit, um diese schwerwiegende Entscheidung zu treffen und teilt dann reihum das Ergebnis dem Team mit*.

(Die Gruppe nennt ihre Wunsch-Lieder)

Cineasten oder Kollegen, die Anfang der 1990er bereits im kinofähigen Alter waren, ahnen es vielleicht schon: Unsere heutige Retro wurde vom Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ inspiriert. Wer von euch kennt den Film nicht?

(Vereinzelt werden Handzeichen gegeben und Stirnen gerunzelt.)

Worum geht es in dem Film?

Wir schreiben das Jahr 1993. Bill Murray war noch knackig und trat an, um die Welt inklusive der agilen Community an seiner zweitwichtigsten Lernerfahrung** teilhaben zu lassen. Bill Murrays Charakter Phil ist Reporter und wird nach Punxsutawney, Pennsylvania, geschickt, um dort live vom Murmeltiertag zu berichten. Dabei gerät Phil in einen 24-stündigen Zeit-Loop und wacht fortan jeden Morgen im gleichen Hotelzimmer auf. Es ist der gleiche Tag, der 2. Februar, es läuft das gleiche Lied im Radio – nur dass Phil, im Gegensatz zu euch, nicht das Glück hat, sich das Lied aussuchen zu können, sondern mit „I Got You Babe“ von Sonny und Cher vorlieb nehmen muss. Wieder und wieder. Egal, wie der Tag verläuft oder was Phil tut, er wacht wieder am 2. Februar auf.

Wie geht Phil damit um?

Er merkt, dass er als Einziger von der Zeitschleife weiß. Daraufhin beginnt er, dieses Wissen für sich auszunutzen – schließlich drohen ihm keine Konsequenzen für sein Verhalten! Mit der Zeit wird er ob der ewigen Wiederholungen depressiv. Eines Tages nimmt er den Toaster mit in die Badewanne – nur um am nächsten, äh, selben Morgen wieder von „I Got You Babe“ geweckt zu werden. Schließlich beginnt Phil, die geschenkte Zeit und seinen Wissensvorsprung zu nutzen. Er tut Gutes, verhindert zum Beispiel Unfälle in Punxsutawney, und lernt Neues. Mit der Zeit*** ändert sich sein Wesen und er findet ein romantisches Happy End, das für ihn auch den Ausbruch aus der Zeitschleife bedeutet.

Und was hat das mit uns zu tun?

Stellt euch vor, ihr erlebt den letzten Sprint wieder und wieder und … wieder. Beim ersten Mal haltet ihr es noch für einen Zufall, beim zweiten Mal versucht ihr, mit euren Kollegen darüber zu reden. Doch als wäre die Zeitschleife allein noch nicht skurril genug – keiner, dem ihr davon erzählt, glaubt euch! Jeder bemerkt als Einziger diese Wiederholungen!

Die Reflexion

Angesichts dieser Situation: Was machst du wieder so während des Sprints, da es gut funktioniert hat? Vielleicht sogar noch mehr davon? Und andererseits: Was machst du anders? Was verbesserst du?
Die Hypothese dahinter: Wenn du immer wieder die gleichen Ineffizienzen, Sackgassen oder Missverständnisse erlebst und es als Einziger merkst, erfindest du Interventionen, die du selbst bewirken kannst.

Bitte notiert eure möglichst konkreten Antworten auf Post-its. Anschließend vergemeinschaften wir die Ergebnisse und wahren dabei das Schneeflockenprinzip: Das heißt, dass die Punkte reihum auf zwei Flipcharts gesammelt werden, wobei keine Doppelungen vorgetragen werden.

(Nach Ablauf der Timebox stellen die Teilnehmer nacheinander ihre Beiträge zu den beiden Fragen „Was machst du wieder?/Wovon mehr?“ und „Was anders?“ vor. )

Die Erlösung aus der Zeitschleife

Herzlichen Glückwunsch, hiermit ist euer Bann gebrochen! Die Zeitschleife hört auf, endlich könnt ihr euch über das Erlebte austauschen.

Auf Basis der Erkenntnisse aus der Zeitschleife erarbeitet nun bitte im Pairing mit einem Kollegen Experimente/Maßnahmen, mit denen sich im nächsten Sprint die Zusammenarbeit verbessern lässt. Ein Experiment pro Post-it. Bitte schreibt eine konkrete Anleitung, sodass jedes Gruppenmitglied die Maßnahme pullen könnte. Wir sammeln die Ergebnisse danach wieder auf einem Flipchart mit zwei Spalten. Wer die Maßnahme selbst umsetzen möchte, schreibt bitte seinen Namen dazu und hängt das Post-it in die „committet“-Spalte. Wenn ihr die Maßnahmen anderen zum Pull zur Verfügung stellen möchtet, hängt sie bitte in das Feld „to pull“.

(Die Gruppe tauscht sich im Pairing aus und schreibt Post-its. Nach Ablauf der Timebox werden die gefundenen Experimente vorgestellt. Ein Teil wird direkt von den Autoren gepullt, ein paar weitere Maßnahmen werden nach der Vorstellung von Teamkollegen gepullt.)

Vielen Dank für eure Zeit! Die Frage zum Check-out lautet: Für welche konkrete Begebenheit im letzten Sprint (eine Geschichte, ein Kaffee, ein Tipp, ein Gespräch …) möchtest du danke sagen?

 

Es war spannend, diese Retro zu facilitaten und zu erleben, was passiert ist. Denn wer von uns kennt nicht das Gefühl, aus einer Situation nicht herauszukommen, in einem Teufelskreis festzusitzen und nichts tun zu können? Diese Retro gibt die Möglichkeit, aus diesem Horror-Szenario Chancen abzuleiten.

Probieren Sie es mal aus und genießen Sie so wie ich die veränderte Stimmung im Raum und die Experimente, die dort entstehen werden. Welche Experimente bringen Ihre Teams aus der Zeitschleife mit?

 

*Bei mir wäre es übrigens Bohemian Rhapsody 
**Wer dieses Sternchen nachliest, weiß die Antwort doch eh selber. 1984 kam folgende Erkenntnis
*** Grundsätzliche Wesenszüge verändern sich natürlich nicht von heute auf morgen. Es wird geschätzt, dass Phil mehrere Jahrzehnte in diesem Zeit-Loop verbrachte

Foto: CC0 Creative Commons – b_kowsky, pixabay