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Selbstorganisation: Freiheitsgrade = Freiheitsstrafe?

Als ich etwas über „Freiheitsgrade“ aufschreiben wollte, hat meine Autokorrektur direkt „Freiheitsstrafe“ als vermeintlich korrekte Alternative angeboten. Nach einem kurzen Schmunzeln kam mir der Gedanke, dass da vielleicht etwas dran ist. Denn für manche Menschen kann sich eine plötzliche „Freiheit“ auch wie eine Strafe anfühlen (siehe dazu „Manager, entscheidet euch oder entscheidet euch!“). Da arbeitet man seit Jahren nach einem gefühlt funktionierenden System und Prozessen. Diese ergeben nicht immer Sinn und manches Mal begehrt man dagegen auf, doch irgendwann sind die meisten Menschen „geschliffen“, wie diese kleinen bunten Glasscherben, die man manchmal am Strand finden kann.

Und dann kommt eines Tages eine Truppe agiler Berater ins Haus und es heißt: „Ab heute arbeiten wir anders. Wir werden agil und machen jetzt Scrum.“ Es wird erklärt, was zu tun ist und wie Scrum funktioniert. Die Methode an sich, mit ihren Regeln und Rollen, ist relativ leicht zu verstehen und zu erlernen. Doch der eigentliche Knackpunkt – das stellen wir in unserer täglichen Arbeit immer wieder fest – ist die Haltung, welche die Grundlage des agilen Arbeitens bildet.

Agiles Arbeiten basiert unter anderem auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Auf einmal soll man nicht mehr nur das tun, was einem gesagt wird, sondern selbst entscheiden, wie man etwas umsetzt? Nur das Ergebnis zählt, der Weg ist mir überlassen? Das ist für viele Menschen neu. Eine große Verantwortung, denn Selbstorganisation bedeutet, Dinge „SELBST“ zu tun.

Und da kommt der menschliche Faktor ins Spiel. Ich habe immer wieder Diskussionen mit einem meiner besten Freunde und Kollegen über Schwarmverhalten, agiles Denken, Organisationsentwicklung. Alle Theorien haben ihre Vor- und Nachteile und können sehr gut funktionieren. Gleichzeitig ist der menschliche Faktor nicht von der Hand zu weisen: Status, Anerkennung, Sorge, Angst vor dem Unbekannten, Unzufriedenheit, weil man vielleicht nicht ganz so schnell mitkommt, keine Lust auf Veränderung zu haben, sich angegriffen fühlen, weil es bisher doch gut geklappt hat, Überforderung, jetzt selbst entscheiden zu sollen, plötzlich in der ersten Reihe zu stehen. Wenn man selbst entscheidet, dann muss man vorher auch darüber nachdenken.

Das hört sich nicht wirklich nach Spaß an, oder? Ich verstehe daher, wenn Menschen die neue Freiheit erstmal als Strafe empfinden und unsicher werden.

Was können Sie als Führungskraft tun?

Verlieren Sie – falls Sie agile Arbeitsweisen integrieren wollen – diesen menschlichen Faktor nicht aus den Augen.

Nehmen Sie ihn eher als weitere Person im Raum wahr. Er ist da und er ist vielfältig. Manchmal nicht direkt ersichtlich, manchmal sehr klar und laut im Raum.

Sage ich, dass jede menschliche Regung im Raum sofort aufgegriffen und diskutiert werden sollte? Nein, das sicherlich nicht. Unser Chef bezieht hier sehr klar Stellung und sagt: „Arbeite mit denen, die wollen, und ignoriere die, die es nicht wollen.“ Das hört sich im ersten Moment hart an und es fällt jedem von uns (menschlich) schwer, dies zu tun. Jedoch ist es nur die konsequente Umsetzung des Prinzips der Freiwilligkeit, ohne das der Freiheitsgrad nicht erlangt werden kann. Niemand MUSS mit uns arbeiten. Jeder sollte frei entscheiden können, ob er das tun möchte oder nicht.

Es ist so eine Sache mit der Freiheit. Jeder hat das Recht, jede für sich sinnvolle Entscheidung zu treffen. Immer. Überall. Solange er sich der Konsequenzen bewusst ist und bereit ist, diese zu tragen. Wenn jemand also keine Lust hat, an einem Daily teilzunehmen, dann ist das seine Entscheidung. Die Informationen, die er dort bekommen würde, muss er sich dann auf anderem Wege beschaffen. Aber er hat die Wahl.

Stellen Sie also zu jeder Zeit transparent und klar heraus, welche Konsequenzen die verschiedenen Entscheidungsmöglichkeiten für einen Menschen haben.

Richten Sie sich darauf ein, dass Sie mit Entscheidungen ihrer Kollegen konfrontiert werden, die sie nicht nachvollziehen können, weil es für Sie selbst vielleicht keinen Sinn macht. Das ist die interessante und herausfordernde Facette an der Freiheit und der Freiwilligkeit. Es ist nicht nötig, dass Sie die Entscheidungen immer verstehen. Sie werden nicht nur mit den Wertvorstellungen/Entscheidungen Ihres Gegenübers konfrontiert, sondern dürfen diese auch immer wieder neu mit Ihren eigenen abgleichen.

Die ersten Schritte in Freiheit können interessante Auswirkungen haben. Manche Menschen tasten sich vorsichtig ran, gewöhnen sich Schritt für Schritt an die Freiheit und ihre Möglichkeiten. Andere wiederum werden ihre neue Freiheit vielleicht auch mal ausreizen wollen, um die neuen Grenzen auf ihre Festigkeit zu überprüfen, sie verfallen vielleicht ins andere Extrem. Ein Ausspruch von Wilhelm Busch kommt mir hierbei immer wieder in den Sinn: „Ein erfüllter Wunsch bekommt augenblicklich Junge.“

Egal, welche Auswirkung die neue Freiheit hat, die Menschen brauchen einen Rahmen. Ob nun, um sich langsam an ihn heranzutasten oder mit Wucht dagegen zu springen. Der Rahmen ist wichtig.

Bleiben Sie also transparent und klar in dem, was Ihr Rahmen und auch Ihr Fokus ist.

Sollten Ihre Mitstreiter einmal überfordert sein von der „Qual der Wahl“, können Sie helfen, indem Sie Fragen wie die folgenden stellen. Und niemand hält Sie davon ab, Sie sich ebenfalls immer wieder selbst zu stellen:

  • Hält mich etwas davon ab, entscheiden zu können? Wenn ja, was könnte das sein?
  • Habe ich alle relevanten Informationen, die ich für eine Entscheidung benötige?
  • Welche Auswirkungen hat diese Entscheidung auf mich und mein Umfeld?
  • Habe ich die nötigen Ressourcen, um konstruktiv mit diesen Auswirkungen umzugehen?
  • Welche Ressourcen sind das?
  • Was passiert, wenn nichts passiert?

Eine meiner Lieblingsfragen ist und bleibt die letzte. Denn klar ist: Man kann nicht nicht entscheiden. Alles so zu belassen wie es ist, ist ebenfalls eine Entscheidung, die getroffen werden darf und die Konsequenzen hat.

Vielleicht versuchen Sie es also einmal anders und entscheiden sich, auf diesen spannenden Weg zu gehen, selbst zu entscheiden, was auch immer gerade in Ihrem Kontext entschieden werden muss.

Ich bin der Ansicht, dass man das lernen kann und wir helfen Ihnen gern dabei, einen Rahmen zu schaffen, in dem dies möglich ist.

 

Foto: CC0 Creative Commons – Gellinger, pixabay