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Design Sprint oder lockerer Prozess – welcher Ansatz des Design Thinkings passt wann?

 

Bei der Begleitung von Digitalisierungsinitiativen haben wir mehrere Ansätze des Design Thinkings ausprobiert: von stark strukturierten Ansätzen wie jenem von Google (Design Sprint) bis hin zu selbst designten, freieren Varianten. In diesem Beitrag will ich diese Ansätze beschreiben und euch allgemeine Tipps für das Setup von Design-Thinking-Workshops geben.

 

Die gute Nachricht: Egal, welchen Ansatz wir verfolgt haben – die Ergebnisse waren in jeder Hinsicht absolut wertvoll. Man kann gar nicht oft genug betonen, wie wichtig die Anwender selbst im Prozess der Ideenentwicklung und vor allem -verfeinerung sind. An dieser Stelle auch ein erster Hinweis: Seid streng zu euch, verfallt nicht nur dem Buzz-Word “Design Thinking”. Setzt einen Prozess auf, der sich tatsächlich am Anwender orientiert und diesen aktiv einbezieht!

 

Design Thinking Prozess_Quelle_ Wikimedia (CC-BY-SA 4.0)

Quelle: Wikimedia (CC-BY-SA 4.0)

 

Google Design Sprint

Der Google Design Sprint ist ein ideales Format für den Einstieg in das Design Thinking. Es liefert einen vollständigen Plan inklusive Methoden für einen gesamten Prozessdurchlauf innerhalb von fünf Tagen (üblicherweise wird dieser Prozess innerhalb eines Tages durchlaufen). Am Tag 1 versucht man, die Empathie für den Kunden und Anwender zu entwickeln und legt den weiteren Fokus fest. Tag 2 widmet sich der Ideengenerierung und Tag 3 der Entscheidung für die beste Idee als Basis des weiteren Prototypings. Am Tag 4 wird der tatsächliche Prototyp gebaut, den echte Anwender am Tag 5 ausprobieren können.

Durch die Ausdehnung der Design Thinking-Phasen auf fünf Tage erlaubt die Methodik des Design Sprints, intensiv in die Thematik einzutauchen. Gerade für noch sehr offene Gedankengänge ist dieses Format das Richtige. Ein Nachteil ist, dass der Design-Thinking-Prozess “nur” einmal durchlaufen wird und so das Feedback der Anwender zumindest nicht im Rahmen des Workshops in die Weiterentwicklung des Prototyps einfließen kann.

In einem Design Sprit, den ich begleiten durfte, konzentrierte sich die Fragestellung auf die Bedürfnisse an eine moderne Banking-App, die über klassische Use Cases wie Kontostandabfrage und Überweisung hinausgehen. Gelandet sind wir bei einer App, die Menschen bei der Optimierung ihrer Kosten und beim Sparen unterstützt. Ich habe viele Workshops moderiert – allerdings habe ich selten so einen positiven Spirit in der Zusammenarbeit erlebt wie in diesem Setup. Ich führe das vor allem auf den starken Willen, die gemeinsame Vision in einem tollen Produkt zu verwirklichen, zurück. Dabei half sicher auch der Zeitdruck, am Tag 5 die echten Kunden mit einem Prototyp zu begeistern.

Freiere Ansätze des Design Thinkings

Andere Design-Thinking-Ansätze sind wesentlich freier. Sie erlauben den Durchlauf der einzelnen Phasen innerhalb weniger Stunden in einer Vielzahl von Iterationen. Dabei folgt der Workshop einem nicht linearen Muster, die nächste Handlung wird stets auf dem zuvor erhaltenen Feedback und dem aktuellen Informationsstand begründet. Solche Prozesse lassen sich schwer beschreiben und skizzieren, aber das Video über das Nordstrom Innovation Lab gibt einen guten Einblick.

In meinen Workshops beginnen wir meist mit einer Customer Journey und Personas, um die Bedürfnisse näher zu ergründen. Anschließend sammeln wir mit diversen Kreativitätsmethoden (6-3-5, Sketching) so viele Ideen. In einer strukturierten Entscheidungsfindung (Heatmapping, Dot-Voting) wird im Nachgang eine Idee ausgewählt und ein erster Prototyp konzipiert. Spätestens zu diesem Zeitpunkt verlassen wir die „sicheren“ Räumlichkeiten und wagen uns auf das Territorium des Anwenders. In kurzen Iterationen verfeinern wir an Ort und Stelle den Prototypen weiter, bis die zuvor gesetzte Timebox zu Ende ist. Im Gegensatz zum Design Sprint gibt es als Output eines solchen Prozesses einen bereits mehrfach verfeinerten Prototyp.

Ich habe sowohl als Teilnehmer als auch als ausführender Facilitator an Design Thinking Workshops mitgewirkt. Die besten Erfahrungen habe ich immer gemacht, wenn das crossfunktionale Entwicklungsteam tatsächlich nahe am Anwender gearbeitet hat. So kann jeder sein spezifisches Wissen einbringen und gemeinsam die “richtige” Lösung für den Anwender erarbeitet werden. Im Bereich des Digital Bankings hatten wir zum Beispiel die Möglichkeit, in einer echten Filiale zu arbeiten. Einmal stand die Untersuchung von Bedürfnissen an eine mobile Banking App im Fokus, dann das Erlebnis eines bestimmten Geschäftsprozesses in der Filiale.

Tipps für die Teamzusammenstellung
Design Thinking Teamzusammensetzung

Die Zusammenstellung des Teams ist essentiell für den Erfolg des Prozesses. Gebraucht wird ein crossfunktionales Team mit heterogenem Wissen, um das Bedürfnis des Anwenders aus mehreren Perspektiven betrachten und eine Lösung dafür finden zu können. Eine ausgewogene Mischung besteht aus Experten aus dem Business (dem Fachbereich), der Technik (zum Beispiel aus der IT) und dem User Experience Design. Die Gesamtzahl sollte dabei neun Kollegen nicht überschreiten.

Tipps für das Prototyping

Natürlich kann ein erster Prototyp, wie auch oft empfohlen, auf Papier erstellt werden. Das hat in der weiteren Evolution aber seine Grenzen, beispielsweise was die Flexibilität bei Änderungen betrifft. Gerade bei Ideen mit Bezug auf User Interfaces haben wir sehr gute Erfahrungen damit gemacht, die Screen Designs nur kurz am Beginn des Prozesses zu scribbeln. Anschließend bietet sich der Einsatz von Prototyping Tools wie InVision oder Marvel an. Diese erlauben eine schnelle Änderung von Kleinigkeiten innerhalb weniger Minuten, was wiederum die Iterationszyklen zwischen Anpassung und Feedback verkürzt.

 

Prototyping Quelle: 123rf.com (scyther5)

Quelle: 123rf.com (scyther5)

 

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Design Thinking eine Methode ist, die sich in verschiedenen Kontexten und Umfeldern bewährt hat, da es den User und seine Bedürfnisse in das Zentrum der Beobachtung stellt. Im Gegensatz zu anderen Methoden ist Design Thinking kein vorgeschriebener Prozess, sondern einer, der individuell für den jeweiligen Kontext gestaltet werden kann. Dementsprechend gibt es zahlreiche unterschiedliche Möglichkeiten, den Prozess für sich zu gestalten.

Ein Einflussfaktor ist zum Beispiel, wie klar die Vorstellungen von der Produktidee schon sind. Für einen sehr offenen Kontext bietet sich der intensivere Design Sprint an.

Ein zweiter Einflussfaktor ist der Zugang zu Anwendern: Ist dieser Zugang sehr einfach, wie etwa in einem Store, dann können die Iterationen viel kürzer, im Bereich von Minuten bis wenigen Stunden, gestaltet werden.

Ein dritter Einflussfaktor ist das Produkt: Handelt es sich um Software, sind Prototyping-Tools eine tolle Wahl. Ist es ein Hardware-Produkt, können 3D-Drucker und LEGO ideale Hilfsmittel sein. Sollen Organisationskonzepte oder Geschäftsmodelle entwickelt werden, ist alles erlaubt, was hilft, das Ergebnis möglichst realitätsnah testen zu lassen – auch Rollenspiele sind eine Option!

Wichtig sind in allen Fällen die äußeren Rahmenbedingungen, wie ein crossfunktionales Team und eine Verprobung in der Praxis mit echten Anwendern. Wenn darauf geachtet wird, ist Design Thinking eine der besten Methoden, um in kurzer Zeit Produktideen zu entwickeln und ihre Markttauglichkeit zu überprüfen.