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“Das IT-Management spielt die zentrale Rolle in einer Bank” – Interview mit Ellen Thonfeld

 

Ellen_ThonfeldMeine Kollegin Ellen Thonfeld betreut als gelernte Bankerin vor allem Kunden in der Finanzbranche. Wer, wenn nicht Ellen, könnte uns einen guten Überblick über die aktuellen Herausforderungen im Banking geben und wie agile Methoden dabei helfen können.
 

Christoph: Ellen, du bist ausgebildete Bankkauffrau und kennst das Business aus eigener Erfahrung. Was hat sich in den letzten Jahren für die Banken wirtschaftlich verändert?

Ellen: Seit der Finanzkrise und der daraus folgenden Eurokrise hat sich sehr viel für die Banken verändert. Ich selbst habe während dieser Zeit in einem genossenschaftlichen Institut gearbeitet  und die Auswirkungen auf den genossenschaftlichen Sektor erlebt. Später bin ich zu einer deutschen Großbank gewechselt und habe auch dort in verschiedenen Abteilungen die sehr vielfältigen Auswirkungen der Finanz- bzw. Eurokrise unmittelbar mitbekommen.

Eine der größten Herausforderungen für die Bankenwirtschaft ist die seit beinahe einem Jahrzehnt anhaltende Niedrigzinsphase am europäischen Finanzmarkt. Für das stark auf dem Zinsergebnis beruhende Geschäft der Banken wird das unweigerlich zum Problem. Durch die niedrigen Zinssätze können innerhalb des Einlagengeschäfts nicht mehr die gleichen Margen wie vor der Finanzkrise erwirtschaftet werden. Vor allem für kleinere und mittelgroße Institute bedeutet das einen erheblichen Einbruch auf der Ertragsseite. Großbanken sind davon nicht ganz so stark betroffen. Trotz verstärkter Regulatorik können sie durch Gewinne im Investmentbanking die Verluste aus dem Einlagengeschäft teilweise ausgleichen.

 

Christoph: Insgesamt schon keine einfache wirtschaftliche Lage. Und jetzt schlägt auch noch die Digitalisierung voll ein. Welche Herausforderungen kommen hier noch hinzu?

Ellen: Die Digitalisierung wird in meinen Augen von einem Teil der Branche immer noch nicht ernsthaft verfolgt. Es gibt ein sehr treffendes Zitat von Bill Gates: Banking is necessary, banks are not!

Geld- und Finanzgeschäfte müssen wir tätigen, dazu brauchen wir aber nicht unbedingt eine Bank. Da müssen wir nur an die Geldbehebung im Einzelhandel denken. Das Zitat von Bill Gates spiegelt die aktuelle Veränderung wider, die wir durch die zahlreichen Fintechs erleben.
Aus dem breiten fachlichen Spektrum des Bankings nehmen sie sich jeweils einen kleinen Bereich heraus und verändern diesen schnell und vor allem nachhaltig: mit modernster Technologie, simpel und einem starken Fokus auf die Kunden bzw. Endanwender.

Das geschieht in einer Geschwindigkeit, von der große Bankinstitute mit ihren alten IT-Systemen und Prozessen nur träumen können. Begünstigt werden Fintechs von Entwicklungen im Bereich Big Data und Cloud Computing und der mittlerweile flächendeckenden Verbreitung von Smartphones, Tablets und Laptops. Bankkunden wollen heute ihre Bankgeschäfte rund um die Uhr und überall auf der Welt tätigen können. Das ist aber nur ein Beispiel von vielen, das die großen Institute mit ihren veralteten Technologien und Servern vor große Probleme stellt.

 

Christoph: Wie reagieren die Banken auf diese Veränderungen und sind diese aktuell zielführend?

Ellen: Das traditionelle Kreditgeschäft ist stark vom Zinsertrag abhängig. In der gegenwärtigen Niedrigzinsphase versuchen Banken dem Ertragsdruck auszuweichen, indem sie das Volumen innerhalb des Kredit- und Einlagengeschäfts ausweiten und vermehrte Fristentransformation durchführen. Dabei wird Geld auf der Passivseite mit langfristigem Anlagehorizont kurzfristig auf der Aktivseite entliehen und umgekehrt. Kurzfristig gesehen kann diese Vorgehensweise für eine gewisse Entspannung auf der Ertragsseite sorgen. Langfristig gesehen ist es allerdings nicht sinnvoll, so die fehlenden Erträge zu kompensieren. Die geringen Unterschiede zwischen kurz- und langfristigen Zinsen lassen ebenfalls die Erfolgsbeiträge aus der Fristentransformation sinken.

Im Zuge der Digitalisierung fangen nun einige Banken an, entweder ihr Onlinebanking zu modernisieren oder ihre internen Standardprozesse zu automatisieren. Modernisierung bzw. Automatisierung soll die Komplexität dieser Prozesse reduzieren, um zum Beispiel  Personal- und Sachkosten einzusparen. Andere Institute gründen Startups oder Inkubatoren, um ihre eigene Veränderungsfähigkeit zu steigern.

Das sind grundsätzlich richtige Vorgehensweisen, allerdings sind sie nicht weit genug gedacht. Was bringt der eigene Inkubator, wenn die darin entwickelten Produkte mit den Prozessen oder der Hardware nicht kompatibel sind? Die größte Anstrengung bei der Automatisierung von Standardprozessen hilft nur bedingt weiter, wenn man nicht in der Lage ist, die neuesten Technologien einzusetzen und das Altsystem mit dem neu Entwickelten zu verbinden. Der Wow-Effekt des modernsten Onlinebankings verpufft, wenn der Fokus auf die Kunden fehlt und man deren Anforderungen wie zum Beispiel die ständige Erreichbarkeit nicht erfüllen kann.

Vieles läuft darauf hinaus, dass das IT-Management einer Bank die zentrale Rolle in der Digitalisierung spielt. Innovative Informations- und Kommunikationstechnologien sind die Grundlage zukünftiger Geschäftsmodelle. Wie soll eine Bank innovativ sein, wenn sie zum Beispiel Zahlungsverkehr, Einlagengeschäft, Kredit- und Vermögensgeschäft immer noch mit traditionellen Ansichten verknüpft?

 

Christoph: Wie können agile Methoden helfen, den Umbruch zu bewältigen und möglicherweise sogar gestärkt daraus hervorgehen?

Ellen: Agile Methoden haben den großen Vorteil, dass man mit ihnen schnell kleine Erfolge erzielen kann. Dazu ist der intensive Austausch zwischen allen Beteiligten nötig. Es ist unglaublich, welche Ideen ein crossfunktionales Team auf den Weg bringt, wenn man es räumlich zusammenarbeiten lässt und ihm die Möglichkeit gibt, Dinge auszuprobieren.

Es würde den traditionellen Banken leichter fallen, ein zukunftsträchtiges Geschäftsmodell zu entwickeln, wenn sie sich mit erfolgreichen Fintechs, ihren eigenen Kunden und Vertretern anderer Branchen, die in der Digitalisierung voraus sind, an einen Tisch setzen würden. Welche Bank fragt ihre Kunden, für welche Leistungen sie zu zahlen bereit wären? Richtig, keine. Stattdessen verlangen manche Banken und Sparkassen mittlerweile Geld, wenn man das eigene Ersparte am Automaten abheben möchte.

Agile Methoden rücken den Kunden wieder in den Fokus der täglichen Arbeit. Methoden wie Scrum oder Design Thinking sind ausschließlich darauf ausgerichtet, was der Kunde braucht. Dadurch werden innovative Ideen generiert, die in zukunftsträchtige Produkte und Geschäftsmodelle für die Unternehmen münden. Da spreche ich nicht nur vom Bankkunden, sondern auch von den Mitarbeitern. Auch sie sind “Kunden” der internen Systeme und brauchen mitunter eine ganz andere Beratungssoftware als jene, die gerade für sie entwickelt wird.

Auch bei der Umsetzung regulatorischer Anforderungen können agile Methoden unterstützen, diese schneller und einfacher zu implementieren als bisher.

Christoph: Vielen Dank für das Interview, Ellen!