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Interview mit Damla Nalbant

 

Damla ist schon lange bei borisgloger consulting. Sie hat viele Teams in großen und kleinen Unternehmen gesehen und sich in den letzten Jahren auf Scrum-Implementierungen in großen SAP-Umfeldern spezialisiert. Sie orchestriert dann schon mal einige Dutzend Menschen auf zwei Kontinenten. Damla lebt in Wien und fliegt, wie viele Consultants, montagmorgens zu ihren Kunden.

 

Damla Nalbant

BG: Damla, wie ist das so als Scrum Consultant in einem großen Konzern? Gibt es da etwas Besonderes, etwas das anders ist als bei einem kleinen Unternehmen?

Damla: Wenn ich es einfach beantworten müsste, würde ich sagen: Alles ist größer, mächtiger und komplizierter, als es bei einem kleinen Unternehmen je sein könnte. Jeder Prozess und jedes Vorhaben beinhaltet mehrere Schritte, Abteilungen und Personen. Ich habe zwei Großunternehmen in zwei agilen Projekten begleitet und in beiden Unternehmen waren mehrere Hundert Personen beteiligt. Das führt automatisch zu mehr nötigen Absprachen. Entscheidungen können nur über mehrere Hierarchien bzw. Freigaben getroffen werden. Jede noch so kleine Anforderung involviert mehrere Abteilungen, Fachbereiche oder Hierarchien, die diese absegnen, freischalten oder auch nur kennzeichnen müssen, dass sie es zur Kenntnis genommen haben. Es fühlt sich in einem Großunternehmen meistens sehr bürokratisch und langsam an.

 

BG: Du hast dich auf das Gelingen von SAP-Projekten mit Hilfe von Scrum spezialisiert. Was gefällt dir an SAP oder besser, weshalb findest du gerade dieses Feld spannend?

Damla: SAP sagt von sich als Unternehmen, dass es agil ist und seine Produkte agil implementiert. Viele Unternehmen sagen, dass sie ebenfalls agil sind und ihre Projekte agil umsetzen. Wenn man sich die Projekte jedoch genauer ansieht, sind SAP-Implementierungen oft mit langen Laufzeiten, großem Frust und unzufriedenstellenden Ergebnissen behaftet und kaum agil. Viele Projektleiter und Unternehmen kommen gar nicht auf die Idee, ihre SAP-Implementierung agil umzusetzen, da sie der festen Überzeugung sind, dass SAP-Projekte nicht agil umgesetzt werden können. Meistens lautet die Aussage: ”Agil ist schön und gut, aber bei SAP-Projekten geht es nicht.” Für mich persönlich gibt es kein “geht nicht” und umso spannender ist es für mich, Kunden bzw. Neukunden zu erzählen, dass es geht und dass wir mit mehreren SAP-Projekten erfolgreich waren.

Einer der Gründe, warum ich ERP-Projekte agil machen möchte, ist der Wille sowohl des Kunden als auch des Lieferanten, agil zu arbeiten. Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, dann muss man einfach mal machen, und genau an diesem Punkt setzen wir an. In der Umsetzung finde ich persönlich SAP-Projekte sehr herausfordernd, da es meistens Großprojekte sind und mit einigen 100 Personen umgesetzt werden. Agile Skalierung (Skalierungsmodelle) und der Umgang mit fachlicher Komplexität, die vereinfacht werden muss, sind nur zwei Beispiele von Herausforderungen, die in SAP-Projekten auf einen zukommen, und genau diese Herausforderungen treiben mich persönlich an.

 

BG: Du warst lange dabei, als wir bei einem großen Kunden ein agiles Transition Team begleitet haben. Was ist ein agiles Transition Team und wie unterstützen wir so ein Team?

Damla: Ein agiles Transition Team ist jenes Team, das sich mit Impediments der Organisation beschäftigt, die nicht mehr auf der Ebene eines Scrum-Teams gelöst werden können. Diese Impediments können zum Beispiel mehr Bedarf an Trainings und Schulungen sein, aber auch Testautomatisierung oder der Bedarf an agilen Tools. Viele Unternehmen starten mit mehreren Scrum-Teams, die nach einer Weile sehr gut liefern und alles läuft bestens bis zu jenem Punkt, an dem die Teams auf Impediments stoßen, die sie nicht beeinflussen können und für die es auch keine Verantwortlichen im Unternehmen gibt. An diesem Punkt entscheiden sich viele Unternehmen, ein Transition Team aufzusetzen, das wir vor allem in seinen Anfängen unterstützen. Wie sieht diese Unterstützung aus? Wir erstellen gemeinsam mit dem Transition Team ein Backlog, das sich aus den Impediments der Scrum-Teams erschließt. Diese Impediments werden priorisiert und in einem Sprint Rhythmus abgearbeitet und vorangetrieben.

 

BG: Hast du einen Tipp, worauf man bei der Einführung von Scrum im SAP-Umfeld besonders achten sollte?

Damla: Es gibt vieles, das man beachten muss. Die folgenden Punkte stellen sich allerdings immer wieder als große Herausforderungen heraus, unabhängig davon, ob das Projekt agil oder klassisch geführt wird:

  • Configuration vs. Coding: Man muss sich bewusst sein, dass man eine Standardsoftware einführen möchte. Daher ist es essenziell, die eigenen Prozesse dem Standard anzupassen und nicht umgekehrt. Meine Empfehlung hierzu ist immer, so viel wie nötig zu konfigurieren und so wenig wie möglich zu kodieren.
  • Test – und Implementierung: Vermeiden Sie zu lange Releasezyklen. Versuchen Sie, so schnell wie möglich zu releasen.
  • Migration: Die Migration stellt sich in SAP-Projekten als die größte Hürde und der größte Schmerz für jede Implementierung dar. Auch hier gilt es, so schnell wie möglich zu migrieren und auf Veränderungen zu reagieren.
  • Als letzten Punkt: Verschwenden Sie nicht zu viel Zeit mit Fach- und IT- Konzepten, gehen Sie so schnell wie möglich in die Umsetzung und arbeiten Sie eng mit Ihrem Fachbereich zusammen.

BG: Danke für deine Zeit.

 

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