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Agile Banking – Die Zukunft?

Das Zinsumfeld ist herausfordernd, die Regulierungszyklen werden immer kürzer und junge Fintechs knabbern an den wenigen verbliebenen Profit-Bringern der Bankhäuser. Die Antwort der etablierten Bankenwelt: Start-up-Mentalität und Agilität – eine Art Verjüngungskur für die Veteranen. Doch warum sind es genau diese zwei Zutaten, die in Zukunft den großen Erfolg bringen sollen? Für die Vorbereitung eines Vortrags habe ich mir diese zwei Fragen mit Jakob Etzel gestellt, der mit Partnern sein eigenes Fintech „predictr“ gegründet hat. Aber der Reihe nach.

Start-Ups sind Vorbild für alle großen Konzerne, wie unlängst einmal mehr die Tageszeitung „Die Welt“ feststellte („Silicon Valley ist der Ballermann der Tech-Szene“). Was ist das Magische an diesen Organisationen? Viele der ehemaligen Start-ups sind bei weitem nicht mehr so klein, dass behauptet werden kann, es liege an der geringeren Größe und den damit einhergehenden Vorteilen. Klar, die schlankeren Strukturen schaffen einen Vorteil, aber viel wesentlicher ist, dass Start-ups die Agilität in ihrer DNA haben. Sie müssen in der Regel immer schnell Lösungen entwickeln, um erstens zu überleben und zweitens die nächste Finanzierungsrunde zu überstehen. Wichtig ist, als Start-up nicht der Verführung eines Shareholder-Ansatzes in neuen Kleidern zu erliegen und somit den Kunden bzw. die Lösung komplett außer Acht zu lassen. Das zeigt ein prominentes Beispiel der letzten Zeit: Theranos, ein Unternehmen, das seine bisherige Finanzierung auf einem großteils auf zweifelhaften Methoden basierenden Geschäftsmodell aufbaute und versuchte, die Investoren mit dem Wecken großer Erwartungen ohne wirkliche Substanz zufrieden zu stellen. Wir sollten jedoch nicht von einzelnen Beispielen auf die Gesamtheit schließen. In der Regel orientiert sich ein Großteil der Start-ups stringent an den Kunden, um ein möglichst ertragreiches Geschäftsmodell zu entwickeln. Das bedeutet auch, dass im Falle eines nicht maximal erfolgreichen Modells einfach flexibel weiter evaluiert wird, ob eine andere Variante des Modells oder ein gänzlich anderes nicht noch sinnvoller sein kann.

Methoden und Prinzipien sind überall einsetzbar

Dank des Sparrings und der Diskussion mit Jakob bin ich mir heute noch viel sicherer als zuvor: Viele der Ideen, die Start-ups verwenden, um flexibler zu sein, können tatsächlich auch problemlos in großen Unternehmen angewendet werden – wir schreiben immerhin das Jahr 2016. Methoden wie Design Thinking und Rapid Prototyping sind heute weit verbreitet und sollten zum Repertoire jeder Produktentwicklungsabteilung gehören. Das funktioniert in vielen Branchen: Werden im Mobile-Bereich Papier-Prototypen erstellt, so bedient man sich in der Hardware moderner 3D-Drucker oder eines speziellen Prototyping-Equipments. Was, wenn gar kein Produkt erstellt wird? Auch das ist kein Problem, der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Die Bankfiliale der Zukunft? Mit Hilfe von Lego ist schnell ein Modell gebaut, das mit Hilfe von Passanten vor der Filiale getestet werden kann.

Agilität ist das zweite Mittel zum Erfolg. Auch hier zeigen diverse Transformationsvorhaben in Großbanken, dass diese Ambitionen durchaus ernst genommen werden. Die niederländische ING Bank hat es vorgemacht: Nach einem jahrelangem Veränderungsprozess hat sie nun eine Organisationsstruktur, in der einzelne Teams tatsächlich end-2-end verantwortlich sind – und das auch außerhalb der IT (siehe dazu das Video „Agile way of working at ING Netherlands“).

Die Bremsklötze

Doch was sind die großen Herausforderungen speziell im Bankenbereich? Ein wesentlicher Aspekt neben dem regulierten Umfeld sind sicher die Kernbankensysteme, die in der Regel bereits seit Jahrzehnten im Einsatz sind und alles andere als optimale Voraussetzungen für eine agile Entwicklung bieten. Diese Tatsache bremst die Innovation. Die IT hindert das Business, neue und bessere Produkte auf den Markt zu bringen, und das nur, um die Altsysteme nicht weiter zu belasten. Die gute Nachricht ist: Es gibt Auswege und Strategien, um diese Monolithen mit Hilfe moderner Softwarearchitekturen wie Microservices schrittweise und in vielen kleinen Iterationen abzulösen und so einer flexibleren Zukunft entgegen zu gehen.

Eine weitere Herausforderung ist die Verbindung der analogen und digitalen Kanäle: offline in der Filiale und am Schalter und online in den unzähligen Finanzportalen und Apps. Hier sind nicht nur neue Systeme nötig, sondern auch grundlegende Veränderungen in den Strategien, um diese zwei Welten in Einklang zu bringen. Das e-Commerce-Business hat es erfolgreich vorgemacht; es gibt zahlreiche gute und vor allem funktionierende Multi-Channel-Konzepte.

Ich denke, dass sich der Weg der Reise hin zu einer agileren Bank lohnt. Mit Hilfe der agilen Werte und Methoden wie Scrum und Kanban können bei richtigem Einsatz viele der erhofften Vorteile – insbesondere die Nähe zum Kunden, die kürzere Time-to-Market und eine flexiblere Releaseplanung – erzielt werden. Tatsache ist, dass die Reise anstrengend wird und viele alte Denkmuster durchbrochen werden müssen. Auch müssen wir uns von den Rucksäcken der Vergangenheit befreien und wenn notwendig, alte Relikte entsorgen, um Neues entstehen lassen zu können – auch wenn das vielleicht das Ende des Kernbankensystems in seiner bisherigen Form bedeuten mag.