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Eine Geschichte von Freiheit, Zufriedenheit und gelebter Agilität

Was macht für einen Endzwanziger einen tollen Arbeitgeber aus? Für ein Kind der Neunziger, das alle Möglichkeiten hat und alles machen kann, das es sich vorstellen kann. Noch nie waren die Möglichkeiten und Freiheiten so vielfältig und noch nie waren die Angst und Unsicherheit so ausgeprägt wie heute. Was wünscht man sich als Vertreter der Generation Y, der schon seit mehreren Jahren als Agiler Coach arbeitet, von einem Arbeitgeber?

All I Wanna Do

Wenn ich den Gedanken verfolge, kommen zahlreiche Begriffe hoch:

wordcloud

Ich weiß, wie es ist, in einem großen Konzern zu arbeiten. Und wenn ich mir die Liste der Begriffe durchlese, merke ich, dass sie gar nicht mit dem Bild eines typischen Konzerns vereinbar sind. Die vielfältigen Möglichkeiten, die Finanzstärke und die schiere Größe haben gewiss ihren Reiz. Die Sicherheit, die man mit einem Konzern verbindet, habe ich jedoch eher mit Unbeweglichkeit verbunden und als Einschränkung wahrgenommen. Solange man in seinem Bereich bleibt, passt alles. Versuche aber bloß nicht, etwas zu verändern. Der kleine Gestaltungsspielraum auf der einen Seite und die Möglichkeit, meinen technischen Hintergrund um Führungs- und Managementexpertise zu erweitern auf der anderen Seite, hat mich bewogen, in die F&E-Managementberatung zu wechseln. Dort konnte ich lernen, was wichtig ist, um eine Entwicklungsabteilung zum Erfolg zu führen. Ich konnte aber auch sehen, dass es bei vielen Unternehmen schon an den Grundlagen gemangelt hat.

Happiness is a warm gun

Irgendwann hat sich das Thema Agile/Scrum wieder verstärkt in mein Leben gemischt. Ich durfte zahlreiche Unternehmen begleiten und ihnen die Vorteile einer agilen Arbeitsweise zeigen. Ich konnte sehen, wie durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit aus Arbeitsgruppen echte Teams wurden. Ich konnte sehen, wie verzweifelte Mitarbeiter zu echten Kollegen wurden und die Zufriedenheit spürbar zunahm. Ich beschäftigte mich in dieser Zeit intensiv mit dem Thema Agilität, habe Bücher zu Komplexität, Führung, Zeitmanagement, Prototyping, Startups und agilen Methoden verschlungen. Je stärker ich mich damit beschäftigte, desto klarer wurde mir, dass die dahinter stehenden Gedanken und Prinzipien genau jene waren, die ich auch für mich realisieren und selbst erleben wollte. Weil das im damals aktuellen Umfeld nicht geklappt hätte, fasste ich den Entschluss, den nächsten Schritt zu machen.

It’s not about the money

Ich habe meine bisherigen Arbeitgeber nicht verlassen, weil die Bezahlung schlecht war oder weil ich mich mit meinen Kollegen nicht verstanden habe. Auch inhaltlich habe ich in großen Teilen dasselbe gemacht wie jetzt. In einem Punkt unterscheidet sich meine Arbeit heute aber ganz massiv von allen anderen Erfahrungen: Bei borisgloger consulting kann ich Agilität nicht nur weitergeben, sondern auch selbst in allen Aspekten leben. Ich kann selbst Teil eines selbstorganisierten Teams sein und darf in einem Unternehmen arbeiten, das sich Agilität nicht nur aus Verkaufszwecken auf die Fahnen schreibt, sondern selbst mit Leib und Seele lebt. Ein Unternehmen, das die agilen Werte Fokus, Commitment, Respekt, Offenheit und Transparenz im beruflichen und privaten Alltag lebt.

Wenn man in unser Unternehmen kommt, merkt man sofort, dass hier ein anderer Geist herrscht. Man spürt den Spirit, den alle Mitarbeiter aufgesogen haben. Alle Menschen sprechen auf Augenhöhe miteinander, egal ob Junior oder alter Hase, Berater oder Buchhaltung. Die Meinung jedes Einzelnen zählt, auch wenn das manchmal zu längeren Diskussionen führt. Am Ende führt das aber zu besseren, nachhaltigeren und ausgewogeneren Entscheidungen.

Freedom

Unser Unternehmen ist wie ein Labor für agile Geister. Ein Experimentierfeld für menschengerechte, zukunftsträchtige Führung. Hier haben wir die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren, die man in anderen Unternehmen oft noch gar nicht denken darf oder für die manche Organisationen nicht reif genug sind. So gilt bei uns grundsätzlich das Prinzip Freiwilligkeit:

„Scrum als Framework unserer Arbeit auf allen Leveln. Bring dich ein, wenn du es dir zutraust. Mach mit, wenn du willst. Entscheide, was du denkst entscheiden zu können.“

Jedes Meeting, jede Veranstaltung, auch die Auswahl der Projekte, in denen wir arbeiten wollen, basiert auf Freiwilligkeit. Auf die Frage, was passieren würde, wenn in ihrem Unternehmen alle Meetings plötzlich freiwillig stattfinden würden, reagieren Trainingsteilnehmer meist mit einem ungläubigen Lachen, gefolgt von nachdenklicher Bedrücktheit. Man merkt, dass sie in ihren Gedanken die zahllosen nutzfreien Meetings durchgehen und die verschwendeten Stunden zählen, die sie in irgendwelchen Besprechungen verbringen mussten. Was mich dabei erstaunt: Warum ist der Gedanke, dass jeder Mensch selbst entscheiden darf, wie und wo er seine Zeit verbringt und in welchen Meetings er seine Zeit am sinnvollsten nutzen kann, in den meisten Unternehmen so absurd?

Seit ein paar Monaten sind auch transparente Gehälter ein heißes Thema. So haben wir freiwillig intern veröffentlicht, wer wie viel verdient. Wir wollen damit im ersten Schritt zu mehr Fairness, Transparenz und Gerechtigkeit innerhalb unsers Unternehmens kommen. Dadurch wird Vertrauen aufgebaut und verhindert, dass es zu Neid, Unzufriedenheit, oder Geheimniskrämerei kommt. Außerdem führt das mehr an Vertrauen zu mehr Verständnis und besserem Teamzusammenhalt. Wenn jeder das Gehalt der anderen kennt, gibt es keinen Grund mehr, darüber zu spekulieren und man kann sich auf die wirklich wichtigen Sachen konzentrieren. Alle zu Beginn geäußerten Bedenken: verpufft. Die Diskussionen wurden vor der Entscheidung teilweise sehr emotional geführt. Und jetzt? Transparente Gehälter sind das Normalste auf der Welt. Im nächsten Schritt wollen wir jeden selbst entscheiden lassen, wie viel er verdienen möchte. Durch die Vorgaben des deutschen Arbeitnehmerrechts ist es jedoch wichtig, hier ein paar Regeln aufzustellen, damit es nicht zu Situationen kommt, die dem Arbeitsrecht widersprechen oder das Unternehmen in Gefahr bringen. Mein Zwischenfazit: Auch wenn wir die Lösung noch nicht kennen, sind wir experimentierfreudig genug, um neue Wege auszuprobieren und eine passende Lösung für uns zu finden.

Eine weitere wichtige Ausprägung des Prinzips Freiwilligkeit ist der konsultative Einzelentscheid, den wir vor ein paar Monaten eingeführt haben. Kurz zusammengefasst bedeutet das:

  • Jeder im Unternehmen darf alles entscheiden.
  • Der Entscheider hat die Verpflichtung, vor seiner Entscheidung Personen zu konsultieren, die von der Entscheidung betroffen sein werden und jene, die Ideen zur Entscheidung beisteuern können.
  • Die so gewonnenen Informationen sind zu prüfen und zu berücksichtigen. Sie entsprechen jedoch keinem Veto.
  • Wer die Entscheidung trifft, der trägt die volle Verantwortung für die getroffene Entscheidung.

Somit können wir Entscheidungen dezentral fällen, was uns mehr Flexibilität und Geschwindigkeit ermöglicht. Als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dürfen wir mehr Verantwortung übernehmen, haben aber auch ein besseres Verständnis für die Folgen einer Entscheidung.

Patience

Wie Boris in seinem Buch „Selbstorganisation braucht Führung“ beschreibt, ist es nicht damit getan, sich als Chef zurückzulehnen und die Mitarbeiter einfach machen zu lassen. Selbstorganisation ist harte Arbeit, sowohl für die Manager als auch für die Teams. Es braucht Rahmenbedingungen und klare Regeln, viel Vertrauen und jede Menge Geduld. Die Anstrengung ist es aber auf alle Fälle wert.

Klar, auch wir sind nicht perfekt. Aber wir nutzen Scrum auf allen Ebenen. Dadurch können wir ständig daran arbeiten, unsere Probleme und Herausforderungen zu meistern. Wir verschließen uns unseren Problemen nicht, sondern sprechen sie offen an, auch wenn wir noch keine Lösung haben. Wir versuchen, aus der aktuellen Situation das Beste zu machen, streben aber auch ständig danach uns zu jedem Zeitpunkt noch ein kleines Stückchen weiter zu verbessern. Es ist ein großartiges Gefühl, all diese Herausforderungen mit einem tollen Team meistern zu dürfen.