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Buchrezension: The Second Machine Age

Vor kurzem habe ich mich dem Buch „The Second Machine Age“ von Erik Brynjolfsson and Andrew McAfee gewidmet und gleich vorneweg: Es hat mir gut gefallen. Die Rahmenbedingungen für hohe Erwartungen waren gegeben: Das Buch wurde von zwei Professoren des Massachusetts Institute of Technology (MIT) geschrieben und wurde mit dem Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2015 ausgezeichnet. Das MIT ist die weltweit führende Universität für Technologie. Wenn Sie noch nie etwas vom MIT gehört haben, stellen Sie sich einfach einen riesigen Campus vor, auf dem man Toiletten per App steuern kann, Pizza vermutlich mit Drohnen ausgeliefert wird und Wirtschaftsökonomen Schokolade verschenken und Bierexperimente mit Essig machen (wer mehr über wirtschaftsökonomische Experimente erfahren möchte, dem sei an dieser Stelle das Buch: „Denken hilft zwar, nützt aber nichts“ von Dan Ariely empfohlen). Darüber hinaus durfte ich im Rahmen meiner Doktorarbeit zum Thema Human Machine Interaction im Automobilbereich mit zwei Professoren des MIT zusammenarbeiten und habe deren Rat sehr zu schätzen gelernt. Kurz gesagt, es gibt auf der ganzen Welt wohl wenige Orte, wenn nicht sogar keinen, an denen man besser ein Buch an der Grenze zwischen Ökonomie und Technologie schreiben könnte.

Eine Menge guter Fragen …

Und ich wurde in meinen Erwartungen bestätigt. Die beiden Autoren starten mit einer Zusammenfassung der aktuellen Entwicklungen in der Hochtechnologie. Von Computern, die in GO und Schach besser als Menschen sind bis zur Entwicklung von humanoiden Robotern. Nachdem die Autoren selbst feststellen, dass das digitale Zeitalter eine exponentielle Entwicklung an immer neuen Ideen und kreativen Erfindungen produziert, kommen Sie an den Punkt, die politische und soziale Frage aufzuwerfen: Welche Implikationen hat das für uns als Menschen? Wird die technologische Entwicklung zu einer Verbesserung des Lebensstandards führen oder werden wir Menschen vielleicht selbst gar nicht mehr gebraucht werden, weil Rechner zunehmend ein eigenes Bewusstsein entwickeln? Sind Computer uns Menschen bereits haushoch überlegen? Werden wir vielleicht in Zukunft mit den Computern verschmelzen und unser Hirn hochladen? (Das mag eine seltsame Frage sein, aber laut Ray Kurzweil, einem der führenden Experten zum Thema exponentieller Entwicklung, könnte dieses Ereignis um 2045 eintreten.) Diese und viele andere Fragen erörtern die Wissenschaftler in ihren Ausführungen.

… und einige Antworten …

Die Stärke des Buches liegt darin, eindeutige Antworten zu geben, wo die Datengrundlage aus der Vergangenheit es möglich macht: So erfahren wir, dass Hochschulabsolventen auch in Zeiten größerer Veränderungen der Arbeitsmarktsituation kontinuierlich mehr verdient haben, während Kollegabsolventen im Laufe der letzten Jahre sinkende Löhne hinnehmen mussten. Hinzu kommt die Tendenz, dass Superstars ein Vielfaches mehr verdienen als die Zweit- oder Drittplatzierten und dass diese Schere in Zukunft möglicherweise noch weiter auseinander klaffen wird.

… führen zu glaubwürdigen Erkenntnissen.

In vielerlei Hinsicht sind die Antworten vage, wenn es um Prognosen geht, was einiges zur Glaubwürdigkeit des Buches beiträgt. Schließlich gibt es unzählige Wissenschaftler, die sich in ihren Prognosen sehr sicher waren, aber die Realität hat sich dann doch völlig anders entwickelt als vorhergesagt. Die Stärke des Buches liegt daher auch nicht in seiner Vorhersage einer möglichen Realität, sondern im Aufzeigen eines positiven Bildes für den ökonomischen und sozialen Wandel, der aufgrund der technologischen Entwicklung auf die eine oder andere Weise stattfinden wird. Es setzt sich mit der Frage auseinander, was passiert, wenn menschliche Roboter uns obsolet machen. Darüber hinaus zeigt es noch ein ganz anderes Bild auf. Ein Bild, in dem Menschen und Computer das machen, was sie bereits in der Vergangenheit gut konnten: miteinander kooperieren. So zeigen die Autoren am Beispiel einer Schwachweltmeisterschaft, dass ein Menschen im Zusammenspiel mit mehreren leistungsschwachen Computern anderen Superrechnern und Schachweltmeistern überlegen war. Da stellt sich dann durchaus die Frage, welche Möglichkeiten sich ergäben, wenn wir unsere Kreativität und unsere Innovationskraft mit den strukturellen und taktischen Stärken von Computern verbinden könnten. Denn eines sagen die Autoren auch klar: Neue kreative Lösungen generieren, das können Computer nicht, und gerade darin sind wir Menschen unschlagbar.

Fazit

Das Fazit am Ende des Buchs ist für mich vor allem eines der Veränderung. Die Autoren zeigen auf, dass wir uns in einer Zeit befinden, in der wir mehr denn je daran scheitern, die Zukunft vorherzusagen, weil wir in einem Zeitalter leben, in dem uns in den nächsten 20 bis 50 Jahren ein exponentielles Innovationswachstum bevorsteht. Anhand der im Buch präsentierten Daten wird ersichtlich, dass andere Erfindungen wie die Dampfmaschine oder die Erfindung des Feuers zwar notwendige Schritte in die richtige Richtung waren, im Vergleich zu den Innovationen der letzten Jahre aber nur Randerscheinungen sind. Wir befinden uns also in einer Zeit, die in vielerlei Hinsicht unglaublich interessant ist und in der wir, wenn wir Daten aus der Vergangenheit ansehen, bis jetzt kontinuierlich unseren Lebensstandard erhöhen konnten. Wo die Reise zukünftig hingeht, kann wohl keiner sagen, aber das Buch zeigt auf, dass es die schnellste und mehr denn je alles verändernde Reise ist, die wir in der Menschheitsgeschichte jemals miterleben durften.

Umso interessanter ist es, in dieser Zeit mit agilen Methoden zu arbeiten. Gerade Scrum mit seinem Fokus auf kurze Feedbackzyklen, Transparenz und Berücksichtigung des Kundennutzens ist ein exzellentes Framework, um schnell auf kurzfristige Veränderungen zu reagieren. Und von diesen haben wir nach Meinung der Autoren noch einige zu erwarten.

Ich spreche eine klare Leseempfehlung nicht nur für Agilsten, sondern für alle aus, die über die technologischen Möglichkeiten der heutigen und zukünftigen Zeit informiert sein wollen und die dabei auch bereit sind, in die damit verbundenen sozialen, ökonomischen und politischen möglichen Implikationen abzutauchen. Viel Spaß beim Lesen.