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Scrum Spaces oder Agilität braucht Raum

Ich habe ein neues Team, ein neues Projekt, eine neue Herausforderung. Einige der Tätigkeiten scheinen jedoch auf den ersten Blick nur wenig mit den Aufgaben eines ScrumMasters, wie man ihn aus den Lehrbüchern kennt, zu tun zu haben. Ich möchte, dass mein Team sich wohlfühlt, schließlich wird es hier, im Teamraum, die meiste Arbeitszeit verbringen. Mein Ziel: Ein Raum, in dem alle Lust haben zu arbeiten.

Scrum muss gelebt werden und um etwas zu leben, muss man es spüren – jeden Tag aufs Neue. Es ist ein aufregendes Gefühl, Teil von etwas Neuem zu sein. Scrum heißt, gemeinsam an einem Ziel zu arbeiten. Dieses Wir-Gefühl soll sich auch im Arbeitsraum widerspiegeln. Eine gute Stube. Hier sitzen ALLE Entwickler zusammen. Idealerweise finden auch ScrumMaster und Product Owner in der guten Stube ein Plätzchen zum Arbeiten. An diesem Punkt kommt oftmals die Frage: „Warum denn alle zusammen? Ich habe doch mein Büro …“ Eine einfache Antwort: Face-to-face- Kommunikation. Eine Frage oder ein Problem ist im direkten Gespräch viel schneller geklärt. Ohne Telefon, ohne E-Mail, ohne Chat. Ein Problem? Wir kreieren gemeinsam die Lösung! Tasks können in einem Teamraum einfach leichter und schneller gemeinsam bearbeitet werden. Durch das gemeinsame Arbeiten werden Wissen und Erfahrung direkt ausgetauscht und die Qualität des Arbeitsergebnis steigt dadurch erheblich.

Im Agile Manifesto liest man:
Individuals and interactions over processes and tools
Working software over comprehensive documentation
Customer collaboration over contract negotiation
Responding to change over following a plan

Doch wie schaffe ich es als Scrum Master, diese Prinzipien in das tägliche Arbeitsumfeld meines Teams zu implementieren? Bei der Frage nach dem perfekten Teamraum für agile Teams gibt es kein Schwarz oder Weiß. Alles, was sich gut anfühlt, ist erlaubt. Teams sitzen gerne zusammen, ob in Arbeitsinseln oder in einer U-Form. Fühlt sich das Team wohl, ist es die richtige Form. Und wenn nicht? Dann nutzen wir doch einfach zehn Minuten nach dem Daily, um ein wenig zu experimentieren … agil sein … anpacken und testen.

Wie sieht unser Teamraum nun aus?

Als ich die Teammitglieder gefragt habe, was für sie wichtig ist, stand an erster Stelle das Taskboard. Das Team wünscht sich, immer einen guten Blick auf seine Aufgaben zu haben. Wichtig ist den Teammitgliedern auch, die Sitzplätze je nach Zusammenarbeit wechseln zu können.

Wir wissen, wie wichtig die gemeinsame Arbeit an einer Tätigkeit und der disziplinenübergreifende Austausch sind. Also haben wir die Trennwände zwischen den Arbeitsplätzen abgebaut und Raumteiler entfernt. Nichts, abgesehen von den Bildschirmen, steht nun den Entwicklern und ihrem täglichen Austausch im Weg. Jeder kann so mit jedem kommunizieren und arbeiten, aufstehen, Sitzplatz wechseln, alles ist erlaubt. Feste Sitzplätze schränken das agile Arbeiten für gewöhnlich ein. Daher kann die tägliche Teamaufteilung (Pairs oder MiniMobs) je nach Bedarf wechseln. Das bedeutet auch, dass sich die Sitzordnung mit jeder Anforderung ändert. Platzwechsel als ein kleiner Ausdruck von Agilität – den Blickwinkel auch auf den Teamraum einmal ändern.

Viele Teams zeichnen und teilen gerne ihre Ideen, sie wollen die Strukturen oder Abhängigkeiten ihrer Storys und Tasks sehen. Am besten funktioniert das auf Whiteboards oder Flipcharts. Hier können neue Ideen ergänzt, Optimierungen direkt eingearbeitet und am Ende alles auf einem Foto festgehalten werden. Die zu Beginn noch weißen und leeren Wände füllen sich dann im Laufe der Zeit mit zahlreichen Visualisierungen, Zeichnungen und Artefakten. So bekommt der Raum einen teamindividuellen Ausdruck (oder Anstrich). Wichtig ist dabei, auch darauf zu achten, dass kein Information-Overflow entsteht, sondern dass nur Informationen vorhanden sind, die das Team wirklich braucht.

Wenn der Teamraum groß genug ist, würde ich als ScrumMaster noch eine Time-out-Zone einführen. Bequeme Sessel, ein Sofa – Open Areas. Dieser Bereich ist ideal für ad-hoc-Meetings, so muss nicht extra ein Meetingraum gebucht werden. Auch kann dieser Open-Space-Bereich einfach für 10 Minuten kreative Pause genutzt werden. Diese kurzen Auszeiten können für die Produktivität wahre Wunder wirken.

Agile Räume sind in meinen Augen genauso wie ihre Teams: individuell und anpassungsfähig.

  • Christian Koehler

    Hier wird aber eines übersehen: Es werden nicht „Teams“, sondern Menschen untergrbracht.
    Grossraumbüros ohne Sichtschutz sind für viele Menschen sehr unangenehm. Auch leistungsfähige und motivierte Mitarbeiter fühlen sich unter Druck gesetzt, wenn sie sich unter dauernder Beobachtung sehen.

    Manchmal muss man auch respektieren, dass konzentrierte Arbeit nötig ist und damit Ruhe. Ein Softwareentwickler, der dauernd kommunizieren „muss“, kann seine Arbeit nicht gut machen.
    Die Lautstärke wird schnell zum Problem. Anderen Gesprächen kann man im Kopf schlecht „ausweichen“, auch wenn man will.
    Jedes kurze Aufstehen fällt auf und wird als störend wargenommen. Der Druck ist hoch, stundenlang ohne Unterbrechung zu sitzen. Dies kann man mit Schrittzählern leicht beobachten und ist auf Dauer schlecht für die Gesundheit. Telefone werden abgeschafft und durch stille – und unpersönliche Instant Messanger ausgetauscht.
    Ich habe solche Büros schon gesehen. Das Ergebnis sind Mitarbeiter, die sich mit dicken Kopfhörern abschotten. Auf ein freundliches „Hallo“ folgt dann ein erschrockenes und lautes „Waaas“? So macht man jede Kommunikation kaputt.

    Häufige Platzwechsel machen Personalisierung schwierig. Wenn ich den Stuhl dauernd verstellt wiederfinde, sitze ich irgendwann ungesund. Und wenn jemandem das Foto seiner Tochter hilft, die Überstunden besser zu ertragen, warum dann nicht?
    Eine typische Tastatur hat mehr Keime als eine Toilette. In der Erkältungszeit ist bei häufigem Platzwechsel schnell die gesamte Mannschaft krank.

    Mir kommt Scrum mehr und mehr wie eine „Sekte“ vor, die das „Gesamte“ über den Menschen stellt.

    • bgloger

      Hallo Christian, ich verstehe deine Einwände, sie sind uns nicht fremd und natürlich gibt es oft „Menschen“, die sich sehr schwer damit tun, in den von Alicia beschriebenen Teamräumen zu sitzen. Niemand bestreitet, dass es auch Arbeiten gibt, in denen ein z.B. Entwickler einmal für ein paar Stunden „eintauchen“ oder will. Dafür muss natürlich auch gesorgt werden. Wir haben jedoch auch in viele Firmen und „Teams“ hinein gesehen. Dort sitzen in großen Räumen unterschiedliche Teams gemeisam.

      Es gibt Teppichböden, die Wände sind mit Stoff ausgekleidet und dort ist es leise, obwohl jeder mit jedem jederzeit und ständig arbeitet. Kopfhörer sind dort verboten, weil man miteinander arbeiten will, weil es eine klare Ansage dafür gibt in Paaren zu arbeiten. Mittlerweile wird sogar in vielen dieser Entwicklungsteams das sogenannte Mob-Programming durchgeführt, alle sind beteiligt. Hier gibt es kein ein (1) „Entwickler, oder Tester oder Architekt“ löst ein Problem. Hier wird permanent zusammen gearbeitet.

      All das hat mit Scrum übrigens nichts zu tun. Wir wissen seit den 70er Jahren, dass high performance teams deshalb so produktiv sind, weil sie es schaffen, ihre Kommunikationsbeziehungen extrem effizient zu gestalten und auf diese Weise die Vorteile der Spezialisierung des Einzelnen mit der übergeordneten Generalisierung des Teams komplimentieren. Scrum orchestriert das nur ein wenig und effektive ScrumMaster oder Agile Coaches wollen diesen beobachteten und immer wieder wissenschaftlich belegten Effekt nutzen.

      Ich führe das nur an, weil du das Wort „Sekte“ benutzt. Im Übrigen ist Scrum, meiner Meinungn nach, schon lange über dieses Status des Schattendasein, oder der Nieschenbewegung hinaus. Das wäre nicht so, gäbe es nicht harte nachvollziehbare Fakten, dass dieser Managementframework effektiv ist. „Sekten“ beruhen auf dem Glauben an etwas und finden sogar dann einen Grund an das in Ihnen zu glauben, wenn die wissenschaftliche Methode, an die sich alle effektiven Scrumcoaches halten, das Gegenteil gezeigt hat.