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Wissen ist ein Raum

Vor Kurzem wurde ich von einer Kollegin auf einen Artikel aufmerksam gemacht: „From Knowledge-Creation to the Perfecting of Action: Tao, Basho and Pure Experience as the Ultimate Ground of Knowing“ von Robert Chia, Professor an der University of Glasgow mit 16 Jahren Industrieerfahrung.

In seinem Artikel verfolgt Professor Chia die Hintergründe zwischen den unterschiedlichen Denkweisen in der westlichen und fernöstlichen Welt. Seine Argumentation lautet, dass wir im Westen durch den Einfluss von Philosophen und die Entwicklung einer buchstabenbasierten Sprache sehr stark den retrospektiven Erklärungsmodellen verhaftet sind: Wir versuchen, die Zukunft aus der Vergangenheit abzuleiten und suchen also kausale Wirkungszusammenhänge.

Die bildhafte Sprache der Länder des fernen Ostens deutet hingegen das an, was hinter den Bildern steckt, aber nicht klar fassbar ist. Man versucht das Unfassbare durch beispielhafte Beschreibung erfahrbar zu machen. Dementsprechend sei man dort stärker auf die direkte Wissensvermittlung zwischen Lehrer und Schüler aus. In den Kampfsportarten und -künsten wird sogar explizit die Wissensvermittlung in schriftlicher Form verweigert. Wahre Wissensvermittlung kann nur durch ein konstantes Lehrer-Schüler-Verhalten erreicht werden.

Warum ist das jetzt für mich beziehungsweise im agilen Kontext interessant? 

Ich für meinen Teil mache in meinen Reflektionen immer wieder die Erfahrung, dass es eine tiefere Ebene des Wissensaustauschs zwischen Personen zu geben scheint, die über den Gehalt der geschriebenen Information hinausgeht. Dabei gilt es, Informationen von Wissen/Erkenntnis zu trennen. Ich stelle immer wieder fest, dass ich zwar Bücher, Artikel etc. lesen kann, um den Inhalt logisch abzuspeichern, aber interessanterweise kommt die Erkenntnis und das tatsächliche Verstehen eher im direkten Kontakt mit den Personen zustande, die diese Information geschrieben haben. Ein Beispiel: Ich hatte am Anfang meines Consultantdaseins früh das „Was“ des Product Owners und das „Wie“ des Dev-Teams gelernt. Aber immer wieder hatte ich in der Realität das Problem, das eine vom anderen zu trennen. Bei genauerer Betrachtung schienen mir die beiden Begriffe austauschbar zu sein. Geändert hat es sich erst, als ich Boris im Seminar „Selbstorganisation braucht Führung“ zuhörte. Ohne über die Thematik gesprochen zu haben, ging ich zurück in meinen Consultingalltag und differenzierte das Was und das Wie ganz eindeutig. Verblüfft reflektierte ich diese Erkenntnis und kam immer nur zu dem Schluss, dass es irgendwann im Seminar Klick gemacht haben musste. Das Thema war zwar als Information in mir gespeichert, aber füllte sich jetzt mit Sinn und Verstehen.

Diese Erfahrung mache ich oft und ich habe nach einer Erklärung dafür gesucht, wie so etwas möglich ist. Der japanische Philosoph Nishida beschreibt die Existenz sogenannter „Basho-Räume“ der Wissensvermittlung. Vereinfacht gesagt entsteht zwischen Personen immer ein Raum, in dem Informationen auf mehreren Ebenen ausgetauscht werden. Wichtig ist die Erkenntnis: Eine dieser Personen muss das Wissen verinnerlicht haben, wenn wir Neues lernen wollen.

Sollten Sie also bereits versucht haben, Scrum zu implementieren und das Gefühl haben, nicht weiter zu kommen, liegt es nicht unbedingt an der Methode. Möglicherweise liegt es eher daran, dass niemand in Ihrer Umgebung die Prinzipien von Scrum in tieferem Ausmaß versteht und dieses implizite Wissen auch weiterzugeben vermag.

Egal, ob bei Scrum oder anderen Themen: Meine Empfehlung lautet, sich einen wirklichen Experten zu holen, der sich mit Ihnen und Ihrem Team zum Thema auseinandersetzt, um dieses tiefere Verständnis zu fördern. Auch wenn es teurer ist, sollte man sich direkt an die Autoren diverser Bücher wenden, denn jeder zwischengeschaltete Experte kann Ihnen nur so viel vermitteln, wie er selbst versteht.