Drücken Sie Enter, um das Ergebnis zu sehen oder Esc um abzubrechen.

Glauben Sie an die Seele Ihrer Firma?

Als Vorbereitung für unseren nächsten internen Consulting Day lese ich gerade „Reinventing Organizations“ von Frederic Laloux. Es ist eines jener Managementbücher, die mich nicht mehr loslassen – eines dieser Bücher, bei denen ich mich frage, ob es das Märchen ist, von dem ich schon so lange träume oder ob es wirklich der Realität entstammen kann. Laloux schreckt nicht davor zurück, Dinge zu beschreiben, die viele Menschen vielleicht als abstrus abtun würden. Abstrus, weil zu wenig quantitatives Material vorhanden ist. Allerdings entscheiden Unternehmen auf der höchsten Organisationsstufe (Teal-Companies) auch nicht mehr quantitativ. Transparenz ist ein Bestandteil ihrer Lebensphilosophie geworden, sie kennen ihren Zweck und die Mitarbeiter können und dürfen sich mit Herz, Ideen und Persönlichkeit einbringen. Herzlichkeit, Menschlichkeit und das Fehler-machen-dürfen gehören zum normalen Arbeitsalltag. Ja genau, nicht als Ausnahme, sondern als Regel. Finden Sie das vollkommen abgehoben und esoterisch?

Home sweet home

Falls ja, dann bitte ich Sie, einmal folgende Überlegung anzustellen: Stellen Sie sich vor, man würde Sie als Mensch so wie sind, mit allen Macken und kleinen Abstrusitäten, die Sie vor niemandem zugeben würden, ohne Wenn und Aber annehmen. Nicht nur das, man würde Sie sogar ermutigen, Ihre Hobbys und Ideen einzubringen. Sicherlich werden nicht alle umgesetzt, aber Sie werden mit jeder Ihrer Ideen einfach mal angenommen, weil jeder der Menschen in der Organisation verstanden hat, dass die Zukunft nicht vorhersehbar ist – vielleicht ist Ihre Idee genau das Richtige, wer kann das schon sagen? Wenn Sie nun in einer dieser herzlichen Organisationen leben würden, die transparent aufzeigt, wo sie steht und Sie aktiv auffordert, als wertvoller Mensch Ihre Ideen kontinuierlich einzubringen: Würden Sie nicht Ihr Ego hintan stellen, weil es wichtiger ist, dass diese Organisation, dieser Schutzraum, in dem Sie leben (ja nicht arbeiten, Sie dürfen wirklich Ihr Leben dort leben), erhalten bleibt, floriert und gedeiht? Warum ist dieses Konzept in irgendeiner Form esoterisch, ein Hirngespinst oder was Gegner dieser (doch allzu weichen) Organisationsform an Kritik vorbringen? Es ist doch ganz einfach: Stellen Sie sich die Organisation nicht mehr als lebensfeindliche Wüste mit Klapperschlangen vor. Stattdessen ist die Organisation wie Ihr Haus, es ist Ihr Lebensraum. Sie haben dort dafür gesorgt, dass Sie Blumen wachsen sehen, wenn Sie beim Fenster raussehen. Die Wände sind in einer heimeligen Farbe gestrichen, die Ihnen zusagt, die Möbel sind gemütlich. Natürlich spiegeln sich in diesem Haus auch die Identitäten der anderen Familienmitglieder wider. Das macht das Haus aber nicht weniger Ihr Haus, sondern zu viel mehr: Es ist ein gemeinsamer Ausdruck Ihrer Identität, den Sie sich geschaffen haben. Diesen Raum möchte man hegen und pflegen, herzeigen und sich mit anderen Menschen daran freuen.

Ich durfte vor kurzem so einen Raum im Hotel Schindlerhof erleben. Über dieses Hotel gäbe es so einiges zu sagen, vor allem über die Art der Führung. Wirklich in Erinnerung geblieben ist mir aber das Gefühl, dass dort so ein Raum entstanden ist, der es wert ist, gehegt und gepflegt zu werden. Es gibt kleine Gärten mit Teichen, Leih-Sonnenbrillen, freundliches Personal und überall liegen Zettelchen für Verbesserungsvorschläge. Am herausragendsten ist wahrscheinlich, dass nichts wirklich per se herausragend ist – im Sinne gewollter Effekte. Überall wird mit Liebe gearbeitet, Probleme werden gelöst, Herzlichkeit begegnet dem Gast am laufenden Band genau so wie gut durchdachte Kleinigkeiten, die den Aufenthalt so angenehm wie möglich machen sollen. Sicher ist nicht alles perfekt, aber es ist ein Raum entstanden, in dem sich die Seele des Ortes zeigen kann. Meinetwegen tun Sie es als halbgares Gerede ab. Darum gehts mir gar nicht. Ich werde nur langsam, aber sicher richtig sauer. Das Einzige, was uns noch wirklich daran hindert, diese lebenswerten Orte zu gestalten, ist unsere Angst davor, den Kollegen in die Augen zu schauen und zu sagen: „Irgendwas läuft hier doch komplett falsch. Lasst uns etwas anderes machen, ich habe keine Lust mehr auf falsches Getue, Machtspiele und Schlangengruben ohne Sinn und Zweck. Wir sind im materiellen Wahnsinn vom Weg abgenommen und haben uns verirrt. Nicht schön, aber kann passieren. Wir alle machen Fehler.“

Wie lange wollen wir uns noch mit dämlichen Ausreden daran hindern, wirklich sinnstiftende Organisationen zu schaffen und uns als Menschheit weiterzubringen. Und ja, trotzdem dürfen diese Unternehmen Profit machen wollen – kein Problem. Wenn Sie noch nicht wissen, wo Sie damit beginnen sollen: Lesen Sie zumindest Laloux (übrigens ein Ex-McKinsey, also dürfte er die andere Seite der Business-Welt kennen) und beginnen Sie zu erahnen, wie die Welt aussehen könnte, wenn Menschen einfach ihre Verantwortung für eine bessere Welt annehmen würden.