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In den Lagerhallen meines Egos

Ein agiler Consultant zu sein, bedeutet vor allem, sich selbst ständig hinterfragen zu können und neuen Entwicklungen aufgeschlossen gegenüberzustehen. Es gibt so manche Verhaltensweisen, von denen ich eigentlich dachte, sie längst mit einem kräftigen Tritt bei der Vordertür hinausbefördert zu haben. Und dann stelle ich fest, dass sie versuchen, sich durch die Hintertür wieder in mein Leben zu schleichen. Um eine dieser Verhaltensweisen geht es heute.

Wenn Unternehmen versuchen, kostenstrategisch zu agieren, arbeiten sie meist über die größtmögliche Produktionsmenge, die bei gleichbleibenden Investitionskosten erzielbar ist. Ob die Teile auch verkauft werden, ist zunächst einmal zweitrangig. Mit dieser Denkweise baut man also ein entsprechendes Lager mit günstig produzierten, aber nicht verkauften Teilen auf. Aus gutem Grund hat sich – ausgehend von Toyota – mit dem Lean Thinking die Ansicht durchgesetzt, dass am Ende des Tages zählt, wie viel Wert eine Firma erwirtschaftet hat – und nicht wie viele günstig produzierte Teile im Lager liegen. Kaizen, die kontinuierliche Verbesserung, ist ein wesentlicher Bestandteil dieser Philosophie.

Und was hat das nun mit meiner persönlichen Entwicklung zu tun?

In den letzten Wochen habe ich erkannt, dass ich meinem persönlichen Kosteneffizienzparadigma folge – dem „ich-darf-keinen-Fehler-machen“- Paradigma. Wie in einem kostengetriebenen Produktionsbetrieb führt das zu einer Unmenge von Tätigkeiten und Ergebnissen, die in den mehr oder weniger sichtbaren Lagerhallen meiner Realität ihr wertloses Dasein fristen.

Ein Auszug aus dem Lagerbestand:

  • Organisation von Meetings, statt eine Entscheidung herbeizuführen.
  • Beschaffung von Dingen, die sich Leute selbst organisieren könnten.
  • Beschäftigung mit Nebensächlichkeiten, statt sich dem Kern von Dingen zu widmen, die tatsächlich meine Aufmerksamkeit brauchen.
  • Im eigenen Trott arbeiten, statt sich Feedback auszusetzen und die Sichtweisen von anderen einzuholen.

Diesen Dingen ist gemein, dass sie sehr kosteneffizient ablaufen. In den meisten dieser Fälle weiß ich, was ich zu tun habe. Ich kann mit relativ wenig Aufwand eine große Fülle an Aktivitäten und Ergebnissen produzieren. Die Frage ist allerdings, ob ich damit tatsächlich zur Wertschöpfung beitrage.

Dank des Feedbacks meiner Kolleginnen und Kollegen habe ich versucht, das zu ändern. Ganz ehrlich, es gibt Leichteres!

Hier ein paar Beispiele:

  • Rausgehen und mit den Leuten die Gespräche führen, die wirklich notwendig sind.
  • Einem Team klar machen, dass es an der Zeit ist, eine Entscheidung zu treffen.
  • Mit den Leuten auf Tuchfühlung gehen und mit ihnen an den wahren Problemen arbeiten.
  • Nein sagen, wenn die Prinzipien verletzt werden, nach denen wir agieren.

Das alles fühlt sich an, als würde man seinen Kopf regelmäßig in eine Waschmaschine stecken, um danach zu versuchen, auf einer unsichtbaren geraden Linie ein Zimmer zu durchqueren.

Dazu kommt die Erkenntnis, dass man mit 30 doch noch nicht alles weiß. Es ist seltsam, wie sehr mich diese Erkenntnis am Anfang gestört hat – es fühlt sich wesentlich besser an, in seinem Schneckenhaus zu bleiben und nur die Dinge zu tun, die leicht sind, statt sich mit den Dingen zu konfrontieren, die jetzt wichtig sind. Aber es ist die Sache wert, weil ich jeden Tag etwas Neues lerne. Warren Buffet wird ein unendlicher Lerneifer nachgesagt: Er gehe jeden Tag etwas schlauer ins Bett als er aufgestanden sei, sagt sein Partner Charlie Munger. Da sich Buffets Vermögen derzeit auf rund 72 Milliarden Dollar beläuft, wäre es vermutlich recht schlau, sich die eine oder andere Eigenschaft anzueignen. Wenn ich also das nächste Mal wieder in meinen Kosteneffizienztrott verfallen möchte, werde ich daran denken, ob ich danach wirklich schlauer ins Bett gehe oder nur etwas kostengünstig produziert habe, das nun in der Gegend herumliegt.

Mein Rat: Finden Sie jemanden, mit dem sie sich gegenseitig Feedback geben können. Egal wie weit wir uns entwickeln: Blinde Flecken wachsen immer wieder nach und alleine entdecken wir sie am schwersten.