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Pfingsten – alle verstehen sich

„Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“ (Apg 2,1-4)

Thomas Assheuer stellt in der Zeit vom 21.5. in seinem Artikel: „Das Ich ist die Sonne“, die Frage: „Was hält eine Welt zusammen, die nur aus Einzelkämpfern besteht?“ und schiebt dann eine Deutung von Pfingsten nach, die ich nicht kannte: „Ein `Brausen‘ entsteht und plötzlich hört jeder den anderen in seiner eigenen Muttersprache reden. Wildfremde Menschen sprechen mit einer Zunge. `Sie gerieten außer sich vor Staunen: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden?` Jedenfalls sind die Menschen seltsam beseelt und ‚eines Geistes‘. (…) Mit anderen Worten: Die menschlichen Sprachen bleiben zwar immer noch voneinander geschieden, aber sie sind keine undurchdringlichen Universen mehr – sie lassen sich vollständig ineinander übersetzen. Jeder versteht jeden …“

Lasst uns mal darüber nachdenken: Könnte Pfingsten nicht zum Sinnbild des crossfunktionalen, multidisziplinären Scrum-Teams werden? Es gibt die Idee der Hyperspezialisierung, die sich in mehr und mehr Texten durchsetzt. Die Welt wird so komplex, die Produktentwicklung so wissensabhängig, dass immer weniger Leute immer mehr von immer weniger wissen. Also müssen wir in Teams zusammenarbeiten, damit wir gemeinsam Produkte erfinden und entwickeln können, die diese ganze Wissen in sich tragen. Doch nun stehen wir vor einem Problem, wie gelingt es uns, dass wir uns alle verstehen, obwohl wir alle ungleiche Disziplinsprachen (Soziolekte) sprechen? In der biblischen Geschichte geschah das, weil alle durch den „Geist“ beseelt wurden. Der „Geist“ bildet das gemeinschaftsstiftende Dritte“, schreibt Assheuer.

Der „Geist“, was ist das? Meine Antwort darauf: Die Werkidee, der Funke der Vision, die Verkörperung dessen was wir gemeinsam erreichen wollen. Scrum-Teams, alle Teams brauchen einen Product Owner, einen Visionär, der das leisten kann. Claudio Abbado soll gesagt haben: „Ich muss die Musik sein, die ich vom Orchester hören will.“ Das ist universell – die Kraft, die von der Begeisterung eines Menschen ausgeht, die von seiner Präsenz ausgehen kann, die kann vereinen und alle auf ein gemeinsames Ziel ausrichten und die Grenzen der Disziplinen überschreiten. Der Product Owner, der von seiner Idee „beseelt“ ist, ist in der Lage, auch das Entwicklungsteam mitzureißen. Dann entsteht der gemeinschaftliche Geist des Teams, alle arbeiten trotz unterschiedlicher Auffassung miteinander und verstehen sich auch. Interessenskonflikte werden beiseite geschoben und man fühlt sich wie elektrisiert, wenn man in einem solchen Team mitarbeiten darf.

Euch allen ein paar schöne Feiertage.

Boris