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Scrum funktioniert bei uns nicht

Die meisten Unternehmen, die uns derzeit kontaktieren, haben bereits Erfahrungen mit Scrum gemacht. Warum rufen sie uns an, wenn sie doch schon wissen, wie es geht? Nun, nachdem diese Gespräche die „können wir schon … wissen wir schon …“-Phase durchlaufen haben, fällt dann meistens der Satz: „Scrum funktioniert bei uns nicht.“ Warum ist das so? Es gibt doch viele Firmen, die mit Scrum erfolgreich sind – was läuft bei den anderen falsch?

Wie wir in diversen Diskussionen unter Kollegen immer wieder feststellen: Scrum ist ein Rahmenwerk, nicht mehr und nicht weniger. Wenn Scrum funktionieren soll, muss es mit Werten gefüllt werden und das kann das Rahmenwerk nun mal nicht selbst – dazu braucht es die Menschen, die damit arbeiten. Gleichzeitig sollte dieses Rahmenwerk aber auch nicht so verbogen werden, bis es sich an die natürlich gewachsene Struktur des Unternehmens angepasst hat und im Prinzip alles so weiterläuft wie bisher.

Die natürliche Abwehrreaktion des Systems

Das ist jedoch die natürliche Reaktion, sobald Scrum in einem Unternehmen eingeführt wird. Im Rahmen einer schon bisher dysfunktionalen Meetingkultur werden nun neue Meetings abgehalten und es wird versucht, in Iterationen zu arbeiten. So weit, so gut. Vielleicht schickt man noch ein paar Leute in die Ausbildung zum Product Owner oder ScrumMaster und besetzt die Positionen. Aus den Jahreszielen werden noch schnell Gruppenziele gemacht und jetzt will man sich zufrieden zurücklehnen können, von unendlichen Geschwindigkeitszuwächsen träumen und die selbstorganisierten Teams alle Probleme selbstständig lösen lassen (aber bitte nicht gegen den Willen des Teamleiters, sonst fühlt er sich gekränkt). Was passiert ist: Es wurde eine zusätzliche Schicht eingezogen, aber kein konkretes Problem gelöst. Ich kann diesen Wunsch gut nachvollziehen, weil ich den Fehler selbst gemacht habe – aber es funktioniert einfach nicht. Scrum per se löst keine Probleme. Es zeigt nur, wo Änderungen notwendig sind.

Woran erkennen wir, dass sich trotzdem etwas bewegt?

Wenn nach der Einführung von Scrum plötzlich die Teams keine Zeit mehr zum Arbeiten haben, weil sie in noch mehr Meetings als vorher sitzen, dann liegt es nicht daran, dass Scrum so meetingintensiv ist. Es liegt daran, dass Scrum keine zusätzlichen Meetings impliziert. Scrum ist meetingtechnisch vollständig – schmeißen Sie also alle anderen Meetings raus und lassen Sie Ihre Leute arbeiten. Wenn Sie nach der Einführung von Scrum plötzlich Leute aufschreien hören, dass das so nicht geht, Kompetenzen verletzt werden und Unsicherheiten entstehen, dann arbeiten Sie mit den Leuten an Ihren neuen Rollen oder holen Sie externe Unterstützung.

Letztendlich ist das Aufkommen dieser „Probleme“ nicht schlecht. Es sind einfach nur Indikatoren dafür, wie weit man auf dem Weg der Veränderung einer Systemkultur vorangekommen ist. Diese Indikatoren anzusehen mag schmerzlich sein, aber der Schmerz geht vorbei, sofern man das Problem sieht und an einer Lösung arbeitet. Scrum bewirkt einen Paradigmenwechsel in einem existierenden System. Und jeder Paradigmenwechsel ist mit einer Form von Schmerz verbunden: mit dem Schmerz, das Alte aufzugeben und etwas Neues anzunehmen. Wenn Ihre Leute aufschreien und unzufrieden mit dem Status Quo sind, freuen Sie sich!

Was Sie gerade sehen, ist wertlos gebundene menschliche Energie, die frei wird. Mit dieser Energie können Sie nun einen Wandel einleiten, der zu einer wirklichen Veränderung des Gesamtsystem beiträgt. Bleiben Sie dran, immerhin wissen Sie jetzt, wo Ihre Ansatzpunkte liegen, wo Sie die nächsten Schritte setzen müssen auf dem Weg zu einer gemeinsamen agilen Kultur.

  • Vielleicht nicht ganz zum Blog Thema, aber trotzdem: Als ich Scrum Master bei einem HW-nahen Projekt war bekam ich als Antwort: „Scrum funktioniert nur bei SW“. Beim darauffolgenden Projekt bei einer SW Firma war die Antwort: „Scrum funktioniert nur bei HW“. Also was stimmt jetzt?
    Also ich interpretiere das so: „Scrum funktioniert demnach immer“ ;-)
    Ach ja: Wenn wir das Wort funktionieren, durch GELINGEN ersetzen sind wir wieder beim Thema.

    • Oja, das berühmte „Bei uns geht das nicht“ – Ich erinnere mich an ein abendliches Essen bei dem dies Thema war. Scheint wie als müssten wir da mal einen kooperativen Blog dazu schreiben :)