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Ist Work-Life-Balance für Frauen in der Unternehmensberatung eine Farce?

Im Allgemeinen heißt es, die Arbeit in einer Top-Unternehmensberatung oder Anwaltskanzlei sei ein knochenharter Job für alle, die ganz oben mitspielen wollen. Diese Meinung wird fleißig genährt: In der Anwaltsserie „Suits“ wird mehr als deutlich, wie hart junge Anwälte arbeiten müssen. Also: Karriere macht, wer exzessiv arbeitet. 16-Stunden-Tage, Übernachten in der Kanzlei und das ständige Leben auf Abruf gehören dazu. Und ja: Das ist die Realität in einigen Kanzleien und Unternehmensberatungen. Auch in meinem eigenen Beratungsunternehmen gibt es in Projekten viele intensive Arbeitseinheiten. Oft sind wir mit unseren Gedanken mehr als 12 Stunden am Tag in irgendeiner Form bei der Arbeit.

Nicht jeder will diese Arbeitsbelastung mitmachen, das ist vollkommen klar. Eine meiner Dozentinnen im Lehrgang „Leading Professional Service Firms“ an der Harvard Business School erzählte uns, dass sie sich von ihrem tollen Job bei McKinsey verabschiedet hatte, weil sie auch noch ein Familienleben haben wollte. Sie möchte mit Freunden arbeiten, also mit Menschen, von denen sie mehr weiß als den Namen und ihr berufliches Fach. Die Karriere bei McKinsey hat sie für eine Assistenz-Professur an der Harvard Business School aufgegeben und sie war klar in ihrer Aussage: Der Job bei McKinsey war toll. Sie hatte ihn gerne gemacht, aber sie wollte auch noch etwas anderes. Und leider war das bei McKinsey nicht möglich.

Die Komplexität der Möglichkeiten

Bis vor ein paar Jahren war das eigentlich gar kein Problem. Im traditionellen Rollenverständnis der 1980er und 1990er war das nämlich ganz einfach: Der Mann machte Karriere, die Frau gab ihren Beruf zugunsten der Kinder auf. Selbst wenn sie sich am Arbeitsplatz kennengelernt hatten und beide erfolgreich waren, war für sie meistens mit dem ersten Kind die Karriere zu Ende. Aus der Fern- und Wochenendbeziehung, die die beiden als Berater gelebt hatten, wurde eine Wochenendbeziehung, in der er völlig fertig abends von ihr vom Flughafen abgeholt wurde und selbst am Wochenende noch arbeiten musste. War sie auch Beraterin (was – siehe oben – nicht ungewöhnlich war), blieb sie bei den Kindern und passte ihre Karriere an. Oft auch zuungunsten ihres Lebens-Gesamteinkommens.

Doch dieses Schema löst sich allmählich auf. In den Unternehmen von heute arbeiten immer mehr gut ausgebildete Frauen mit Magisterium oder Doktorat und sehen überhaupt nicht ein, warum sie ihre Karriere aufgeben sollten. Eine meiner Kolleginnen sagt ganz offen: „Ich will mit meinem Partner Zeit verbringen und Karriere machen.“ Geld verdienen kann sie genau so gut wie er. Gleichzeitig fragen sich vor allem Frauen aber: Wie kann das funktionieren? Reisen gehört im Consulting Business nun einmal dazu und mal davon abgesehen, dass es Spaß macht: Weltweit wächst der Bedarf nach den fahrenden Spezialisten. Die Aufträge werden nicht weniger, sondern zahlreicher.

Wir bei Boris Gloger Consulting werden uns dieser Herausforderung, Beruf und Familie vereinen zu können, sogar noch extremer stellen müssen als viele andere Unternehmensberatungen. Unser Consulting- und Assistentinnen-Team besteht zu 80 Prozent aus Frauen und sie halten 80 Prozent der Führungspositionen in unserem Unternehmen. Sie bilden die neuen Berater_innen aus, sie sind unverzichtbar für unseren Verkauf und sie sind am deutschen Markt die Top-Expertinnen für die Skalierung von Scrum, Scrum im ERP-Umfeld und Scrum in der Hardwareentwicklung. Viele Firmen setzen beim Thema „Agiles Management“ auf ihre Kompetenz. Ich bin jedes Mal wieder auf ihre überragenden Auftritte bei Konferenzen stolz. Ihr Engagement ist beispiellos, kurz: Wir können auf sie nicht verzichten. Gleichzeitig gilt für uns: Wir wollen selbst vorleben, was wir unseren Kunden täglich erklären. Das bedeutet auch, dass wir selbst anders wirksam und agil arbeiten. Wir nutzen Scrum, um uns zu organisieren. Wir streben es an, nur die Dinge zu tun, die wir machen wollen. Dabei ist uns wichtig, selbst als Team aufzutreten. Wir nehmen uns daher viel Zeit dafür, den Teamgeist zu stärken, indem wir auch als Team arbeiten. Alle zwei Monate organisieren wir einen Company Retreat, der uns auf den neuesten Stand bringt.

Pixabay
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Jobsharing, Kinder im Büro – warum nicht?

Doch bei all dem steht der Kunde im Fokus. Scrum zwingt uns förmlich dazu, uns immer wieder darauf zu fokussieren, was dem Kunden nutzt. Unsere Kunden fordern von uns Höchstleistungen. Und das bedeutet oft, dass auch bei uns die Work-Life-Balance kurzfristig nicht immer ausgewogen ist. Deshalb habe ich mir als Unternehmer – und der bin ich nun einmal auch – schon vor einigen Jahren die Frage gestellt: Wie erhalten wir die Gesundheit unseres Teams und wie gehen Familie und Beruf zusammen? Was machen wir, wenn unsere genialen Frauen Kinder bekommen wollen? Und nebenbei gesagt: Ich freue mich sehr auf diesen Moment. Werde ich als Arbeitgeber dann ganz auf sie verzichten müssen, oder noch schlimmer: Werden sie überhaupt gehen, weil sie sich eine Familie neben dem Job als Beraterin nicht vorstellen können? Denn ehrlichgesagt gibt es auch in den Köpfen meiner Kolleginnen noch oft die alten Rollenvorstellungen. Aus Sicht des Unternehmens wäre das eine Katastrophe. Nicht nur, dass es extrem schwer ist, für Ersatz zu sorgen und dass es viel Zeit und Geld gekostet hat, sie auszubilden – nein, ein Unternehmen kann nur groß werden, wenn die Gemeinschaft, die es aufbaut, eine gewisse Beständigkeit hat. Ein Team braucht Jahre, um wirklich gut zu werden und die Kultur eines Unternehmens entsteht nicht in zwei Wochen.

Was also tun? Die Diskussion darüber haben wir bereits begonnen. Eine unserer Assistentinnen hat letztens spaßhalber gesagt: „Hunde können wir ins Büro ja mitnehmen, aber die Kinder wohl nicht.“ Darauf antwortete ich: „Und weshalb nicht? Was hindert uns denn daran, die Kleinen mitzunehmen?“ Ich war es, der nun ungläubiges Staunen erntete. Es braucht Fantasie, um in unserem Beruf neue Formen des Arbeitens zu erfinden. Diese Fantasie braucht es nicht nur von mir als Firmenchef, sondern von uns allen.
Wir könnten zum Beispiel Arbeiten völlig anders verteilen. Wer sagt denn, dass sich die Mutter-Beraterin nicht im Pairing mit einer anderen die Aufträge teilen kann? Vielleicht arbeitet die Jüngere bzw. noch kinderlose Consultant beim Kunden und hat einerseits einen Coach und andererseits jemanden im eigenen Office, der versteht, was draußen passiert. Die Mutter kann im Büro Meetings und Workshops vorbereiten oder die Dokumentation fertigstellen. Logischerweise kann man die Kleinen auch mal in den Kindergarten bringen und vielleicht für ein oder zwei Tage eine Kinderbetreuung engagieren, damit die Mutter auch mal wieder selbst zu einem Workshop fahren kann. Das geht alles – wenn man nur will!

Als jungem und erfolgreichem Consulting-Unternehmen stellt sich uns die Frage, wie „Das Neue Arbeiten“ als Consultant aussehen kann. Für viele Aspekte haben wir die Antworten noch nicht gefunden, aber wir sind auf dem Weg.

  • Stephan Barth

    Hallo Boris,

    ich lese sehr gerne euren Blog und sehe euch als Vorreiter im Bereich agiler Methodik und darüber hinaus im gesamten Bereich zukunftsorientierter Unternehmensführung/-gestaltung. Dabei habe ich bereits viele interessante Impulse bekommen, die mich in meiner Entwicklung weitergebracht haben. Vor diesem Hintergrund möchte ich dich ermutigen, weiter zu denken, als es in meiner Wahrnehmung aus dem Artikel hervorgeht.

    Du sprichst vom traditionellen Rollenverständnis der 80er und 90er in dem der Mann Karriere macht und die Frau ihre Karriere aufgibt, um dann ein neues Rollenverständnis der 2010er zu beschreiben, bei dem die Frau einen Ausgleich zwischen Karriere und Familie findet… und der Mann Karriere macht.

    Ich bin selbst IT-Berater und Vater zweier Kinder. Als solcher arbeite ich seit 6 Jahren in Teilzeit und habe auch – verteilt auf mehrere Abschnitte – insgesamt ein Jahr gar nicht gearbeitet. Ich habe großes Glück, dass mein Arbeitgeber dies unterstützt und Lösungen findet, um mir Beratungsmandate zu ermöglichen, die mich persönlich weiterbringen und ich trotzdem an vier Tagen in der Woche um 16:00 Uhr meine Kinder aus dem Kindergarten abholen kann. Gerade die Zeit mit den Kindern hat die Qualität meiner Beratungsarbeit positiv beeinflusst.

    Ich würde mich freuen, wenn es euch gelingt auch auf diesem Gebiet eine Vorreiterrolle einzunehmen und ihr nicht nur darüber nachdenkt, wie ihr Mutter-Beraterinnen einsetzen könnt, wenn es denn so weit ist, sondern aktiv auch Väter-Berater dazu ermutigt, Teilzeit zu arbeiten, um positive Impulse aus dem Vatersein für die Arbeit zu erhalten, und so insgesamt zeigt, dass Work-Life-Balance für ALLE mit Kindern in der Unternehmensberatung erreichbar ist. Ich bin sehr gespannt auf eure Ideen und hoffe in absehbarer Zeit auf diesem Blog davon lesen zu können.

    Herzliche Grüße

    Stephan

    • bgloger

      Lieber Stephan – du hast vollkommen Recht und das tun wir (ich) … Tatsache ist jedoch, dass bei uns die ca.: 30 jährigen Frauen mit dem Thema bei mir anklopfen. Wir werden bei Boris Gloger Consulting immer alle Modelle für beide entwickeln. Wir haben einen Vater aus genau dem Grund an sein Kind „verloren“ :), doch das lag daran, dass es _mir_ nicht gelungen war, rechtzeitig zu vermitteln, dass wir auch hier eine Lösung gefunden hätten. Danke für Deinen Kommentar.