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Lebst du schon oder arbeitest du noch?

Zum Thema Work-Life-Balance gibt es so viele Meinungen und Ideen, wie es Menschen gibt. Meistens gehen diese Meinungen davon aus, dass Arbeit und Leben zwei unterschiedliche Sphären sind. Viele Autoren vertreten die Ansicht, dass Arbeit generell so stressig ist, dass man sich davon erholen muss. Auf den ersten Blick haben sie recht: Die erfolgreichen Menschen Ende 20, Anfang 30 sind extrem belastet. Für den Erfolg im Beruf wird von ihnen viel erwartet: Überstunden sind an der Tagesordnung, Familie und Freunde müssen mit den hinteren Plätzen Vorlieb nehmen. In einem Artikel auf Elite Daily ist zu lesen, man solle sich daher den Arbeitgeber aussuchen, der zu den persönlichen Vorstellungen von Work-Life-Balance passt. Das ist eine schöne Idee, aber ich muss widersprechen.

Natürlich sollte man grundsätzlich darüber nachgedacht haben, ob man reisen will, welche Arbeitsbelastung man akzeptieren kann und wozu man bereit ist. Das tut man auch, wenn man erkennt, dass täglich genügend Zeit mit Pferd, Hund und Katze wichtiger ist als alles andere, oder dass die allabendliche Kneipentour mit Freunden einfach sein muss. Vielleicht reicht dazu ein Job, um finanziell über die Runden zu kommen – ohne jeglichen Anspruch auf Karriere oder täglich neue Herausforderung. Ich selbst habe Tennisplätze gebaut, Bonbons abgepackt und jahrelang als Krankenpfleger gejobbt (was man am niedrigsten Level als Hilfspfleger tatsächlich machen kann – die Profession der vollumfänglichen Krankenpflege zu erlernen dauert hingegen Jahre). Lauter Jobs, deren Aufgaben man mit ein wenig Einsatz leidlich erlernen kann. Meine Berufung waren diese Jobs aber sicher nicht. Was ein Beruf wirklich erfordert, können nur jene verstehen, die sich längere Zeit mit einem Beruf auseinandersetzen.

Fokus macht den Meister

Wer also nicht nur einen Job zum Geldverdienen suchen, sondern seine Berufung finden will, sollte sich bei allem Positiven an der Work-Life-Diskussion deutlich machen: Man kann nur in einer Sache richtig gut werden. Fokus ist das Gebot der Stunde. Um eine Sache oder einen Beruf intensiv zu erlernen und sich das Feld zu erarbeiten, braucht man einen starken Willen und Ausdauer. Gut zu werden braucht einigen Befunden zufolge etwa 10.000 Stunden oder zwischen 5 und 8 Jahren intensive Beschäftigung mit einer Profession. Wer schnell nachrechnen will: 10.000h/8 = 1.250 Tage; 1.250 Tage/5 Tage = 250 Arbeitswochen oder rund 5 Jahre. Über einen so langen Zeitraum den Fokus zu halten, erfordert sicher ein paar Opfer. Aber muss das zu Lasten der Familie oder des Körpers gehen? Müssen wir diese 10.000 Stunden so schnell wie möglich abarbeiten? Könnte es möglicherweise auch anders funktionieren? Ja – für den, der sich fokussiert. Für den, der sich einer Sache verschreibt, dranbleibt und für sich akzeptiert, dass lediglich Fortschritt, nicht Perfektion erreicht werden kann.

Pixabay
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Fortschritt, nicht Perfektion

Die Young Professionals von heute ertragen das wesentlich schwerer als frühere Generationen. Soziale Netzwerke und die Medien gaukeln ständig vor, dass man zu langsam ist. Die 30-Jährigen von heute wollen eine Familie und erfüllte Beziehungen und Kinder und Freunde und gut aussehen und fit und sportlich sein. Nein – man muss sich nicht entscheiden, ob man das eine oder das andere will. Aber man muss sich fokussieren, einen Schwerpunkt setzen und das tun, was man wirklich tun will, denn: Wer etwas liebt, wird gut in dem, was er tut. Wer etwas gerne tut, wird freiwillig die eine oder andere Stunde mehr arbeiten. Weil es Spaß und Freude macht, erfüllend ist und nicht auslaugt. Wenn Michael Phelps seinen Sport nicht geliebt hätte, wäre er dann so weit gegangen, nicht nur fünf, sondern sieben Tage in der Woche zu trainieren? „From age 14 through the Beijing Olympics, Phelps trained seven days a week, 365 days a year. He figured that by training on Sundays he got a 52-training-day advantage on the competition. He spent up to six hours in the water each day. ‚Channeling his energy is one of his great strengths’, said Bowman. Not to oversimplify, but it’s not a stretch to say that Phelps channeled all of his energy into one discipline that developed into one habit—swimming daily.“ (Keller 2013, Pos. 586) Jeder von uns kennt dieses Gefühl, wenn man etwas gerne tut – man macht es länger und länger. Und natürlich gibt es auch jene Tage, an denen es keinen Spaß macht und man einfach nur durchhält. Wer etwas mit Erfüllung tut – und sei es der Beruf –, der hat auch Freunde, funktionierende Beziehungen und kann aktiv Sport treiben.

Beruf(ung) braucht Ausgleich

Was hat das nun alles mit der Wahl des richtigen Jobs (Verzeihung: Berufs) zu tun? Bei der Berufswahl geht es nicht darum, ob man die richtige Mischung aus Freizeit und Beruf gefunden hat. Es geht darum, einen Beruf zu finden, in dem man etwas tun kann, das man liebt und mit Begeisterung tun will. Wem das gelingt, der wird sich am Beginn vielleicht etwas verausgaben, weil es so viel Spaß macht. Aber schnell wird der- oder diejenige auch lernen, dass man sich auch noch um sich selbst kümmern muss. Dazu gehört es, einen Ausgleich zu suchen und Freunde zu finden, die diese Freude am Beruf auch aushalten. Wer sich fokussiert, wird im Beruf selbst wiederum lernen, bei einer Sache zu bleiben und sich nicht zu verzetteln. Dann bleibt Zeit für vieles andere. Ich selbst kann nur aus Erfahrung berichten, unsere Mannschaft macht es vor. Wir arbeiten viel und oft kommen das Sporttraining, der Freund oder die Familie etwas zu kurz. Aber wir machen unsere Arbeit , weil wir jeden Tag erleben dürfen, wie wirksam das ist, was wir tun. Wer sich wirksam (=mächtig im positiven Sinn) fühlt, der wird durch den Job gesund und nicht krank. Unsere Familien und Freunde erleben uns dann als erfüllt und zufrieden, nicht als gestresst. Arbeit und Leben sind keine Gegensätze, sondern ein Ganzes und das sollte es doch auch sein. Immerhin verbringen wir mit unserer Arbeit mindestens 8 Stunden täglich.

Literatur
Keller, Gary: The One Thing. The surprisingly simple truth behind extraordinary results. Kindle Edition. London: John Murray Press, Hodder & Stoughton, 2013.