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Generation Y: Wir wollen unser Leben genießen

An vielen Ecken hört man es: die „Generation Y“ will anders arbeiten. Die jungen, gut ausgebildeten Menschen zwischen 20 und 30 wollen einfach nicht mehr so hart rackern wie die Generation vor ihnen, heißt es. Und andererseits wissen die Vertreter der „Generation Me“ (auch als Baby Boomer bezeichnet) nicht, wie sie im Job mit dieser Generation umgehen sollen. Nähern wir uns dem Thema Work-Life-Balance mit der Brille der „Generation Me“, dann verfällt man schnell der Idee, dass es neben der Arbeit noch etwas anderes geben sollte. Neben der Arbeit. Mich hat diese Trennung von Arbeit und Freitzeit immer gewundert. So als hätte man zwei Leben, als könne man jede Minute zweimal ausgeben: privat und beruflich.

Generation Me: erfolgreich krank

Woher kommt das Bedürfnis bei Menschen der Generation, der auch ich angehöre, nach dieser Work-Life-Balance? Vielleicht weil wir den Wohlstand, das zweite und das dritte Auto, damit erkauft haben. Wir haben sehr viel und sehr hart gearbeitet, denn harte Arbeit ist unser Statussymbol. Gleichzeitig haben wir nicht nur finanzielle Erfolge und Wohlstand erarbeitet: viele von uns haben sich im wahrsten Sinne des Wortes krank gearbeitet. Ich gebe es zu, auch ich bin bei zwei bis vier Flügen pro Woche und durch das ständige Schlafen in Hotels nicht so fit und gesund, wie ich es sein könnte. Auch die Zeitungen und Magazine sind voll von Berichten über unsere schwer erarbeiteten Zivilisationskrankheiten. Wäre ich, so wie viele andere, auch mit 30 Vater geworden, wäre meine Tochter oder mein Sohn jetzt schon 15 und würde sich zu Recht fragen, ob dieses Kaputtarbeiten irgendeinen Sinn hat und ob er oder sie das will. Ihre Antwort wäre natürlich: „Nein!“ Und die Vertreter der Generation Y haben natürlich recht, sie müssen es auch gar nicht mehr.

Langweilige Paradiese

Ihre Eltern haben in vielen Unternehmen bereits die vollkommenen Paradiese geschaffen. Dort sind die Arbeitszeiten festgezogen, alles ist geregelt und wer freiwillig mehr leisten will, wird schief angeschaut (natürlich gilt das nicht in jedem Unternehmen). Gleichzeitig wird die Alterspyramide die Gehälter steigen lassen. Bei einer momentanen Geburtenrate von 1,34 in Österreich und der Tatsache, dass die Baby Boomer allmählich in Massen in Rente gehen, wächst der Wert der Arbeitskraft ins Gigantische.
Gleichzeitig sind die großen Betriebe so durchgestylt, dass die Folge nur noch verwöhnte Langeweile sein kann. Wieso ich das sage?

Ein Beispiel: Ich hatte einen Bewerber zum Interviewtermin, der aus der Automobilwirtschaft kommt. Heute 30 Jahre alt, Doktor der Soziologie, entscheidet er sich bewusst gegen die 35-Stunden-Arbeitswoche in einem großen deutschen Automobilkonzern. Die Arbeit dort ist nicht etwa zu anstrengend, sondern zu langweilig. Dort sind die Arbeitsabläufe geklärt, die Projektmanager verbringen ihre Zeit in stundenlangen Meetings, in denen doch nichts Wesentliches passiert, und der Effekt, also ihr Beitrag, ist gleich Null. Die Arbeit wird in Großunternehmen bzw. -konzernen sowieso von Dienstleistern erledigt – wie es Putzerfische bei einem Wal tun. Etwas bewegen, Sinn stiften und sich beweisen, dabei vielleicht auch scheitern und lernen, ist in diesen Unternehmen schwer geworden.

Doch schauen wir mal dorthin, wo die eigentlichen Veränderungen derzeit passieren – nein, nicht bei Goolge und Co. Ganz ehrlich, eine Übermutter als Arbeitgeber, die mit ständig verfügbarem Essen, Massage und 1000 anderen Annehmlichkeiten aufwartet, wo Geld keine Rolle spielt und man machen kann, was man will, erzeugt kein Umfeld, in dem Innovation aufkommen kann. Der Spieltrieb wird angefacht, sicher, und es ist bestimmt ultracool, bei Google zu arbeiten. Aber mal ehrlich, welche Innovationen kamen von Google? Eine einzige! Ihre geniale Suche. Alles andere ist nachgebaut und bestenfalls optimiert. Google geht gerade den Weg der meisten großen Unternehmen: die Kreativität ist dahin, man beginnt, die Konkurrenz und die neuen Ideen zuzukaufen, statt selbst tolle Dinge zu machen.

Neuer Realismus in der Arbeitswelt

Wo ist also das Neue für die Arbeitswelt? Es beginnt immer am Rand. Da ist etwas Neues zu beobachten. Wahrscheinlich werden jetzt viele Trendforscher sagen: „alter Kaffee“, aber ich nehme gerade etwas vollkommen Neues wahr. Kleine Firmen, die weltweit verteilt sind und dank neuer Kommunikations- und Arbeitsinfrastrukturen wie Google Hangout, Skype und GitHub Bedingungen geschaffen haben, mit denen man als kleines Team weltweit miteinander arbeiten kann, beginnen tatsächlich ganz anders zu arbeiten.
Da erzählen dann diese merkwürdigen Menschen aus der Generation Y, dass sie zuhause in ihren Wohnzimmern oder kleinen Arbeitszimmern sitzen, und gleichzeitig bei ihrer Familie sein können (Beispiele für diese Firmen sind: WordPress.com oder Bufferapp). Die Firmenmitglieder treffen sich ab und zu, um sich auch mal zu sehen, aber die Arbeit wird remote, verteilt und dezentralisiert gesteuert. Es entstehen dabei sogar neue Taskmanagement-Systeme, die tatsächlich ein neues Konzept verfolgen: IDoneThis. Sie zeigen, was gelungen ist, und nicht das, was man hätte tun sollen. Das ist eines der ersten Systeme, das mit einer vollkommen anderen Sicht entwickelt wurde. Hier ist es nicht vorgesehen, jemand anderem zu sagen, was er zu tun hat. Jeder sagt – offen – etwas darüber, was er getan hat. Ziemlich verrückt aus der Sicht der Generation ME. Work-Life-Balance spielt für die Generation Y keine Rolle mehr. Sie haben schon lange einen Weg gefunden, freier und viel realistischer mit ihrem Leben umzugehen.