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Selbstorganisation braucht Führung: Sich selbst und andere begeistern

Mittlerweile schreibe ich meine Beiträge für den Blog mit echter Begeisterung. Und ich stelle fest: Dieser Zustand wirkt sich sehr positiv auf die Ergebnisse und den Schreibprozess aus. Mehr Spaß und Engagement beim Verfassen und schnellere und meiner subjektiven Einschätzung nach auch immer bessere Ergebnisse. Erfolgreiche Arbeit und Begeisterung scheinen in einem unmittelbaren Zusammenhang zustehen.

In meinen ScrumSupplement Trainings fragen mich Teilnehmer immer wieder, wie sie die Motivation ihrer Teams oder einzelner Mitarbeiter wirkungsvoll verbessern können. Frage ich genauer nach, scheinen mir die Teams eigentlich durchaus motiviert. Sie machen ihren fachlichen Job, praktizieren mehr oder weniger brav Scrum. Was den Führungskräften bei ihren Teams und Mitarbeitern fehlt, ist in der Regel eindeutig (mehr) Begeisterung für die „gute Sache“. Auf weiteres Nachfragen verbinden meine Teilnehmer mit dem Phänomen Begeisterung hohes Engagement, Herzblut, positive Stimmung, Teamgeist, Spaß, weniger Widerstände und natürlich in erster Linie eine optimale Performance. Es geht ihnen also darum, grundsätzlich motivierte Menschen im Arbeitsprozess in einen Zustand der Begeisterung zu bringen. Ein durchaus verständliches und legitimes, aber auch anspruchsvolles Anliegen von Führung.

Doping für Geist und Gehirn

Der Duden definiert Begeisterung als „Zustand freudiger Erregung, leidenschaftlichen Eifers und hohen Engagements“. Klingt natürlich gut und erklärt, warum der Zustand der Begeisterung in verschiedensten Zusammenhängen so attraktiv erscheint. Der berühmte Hirnforscher Gerald Hüther meint dazu: „Das ist der Grund, warum wir bei all dem, was wir mit Begeisterung machen, auch so schnell immer besser werden. Jeder kleine Sturm der Begeisterung führt gewissermaßen dazu, dass im Hirn ein selbsterzeugtes Doping abläuft. So werden all jene Stoffe produziert, die für alle Wachstums- und Umbauprozesse von neuronalen Netzwerken gebraucht werden. So einfach ist das: Das Gehirn entwickelt sich so, wie und wofür es mit Begeisterung benutzt wird.“ (Gerald Hüther, „Begeisterung ist Doping für Geist und Hirn“ offizielle Webseite) Kleine Kinder sind 20-50 Mal pro Tag in einem Zustand großer Begeisterung und lernen dabei meist rasend schnell. Als frisch gebackener Großvater einer Enkelin kann ich das nur bestätigen. Wir Erwachsenen haben diese natürliche Begeisterungsfähigkeit im Laufe unserer Biografie (individuell allerdings sehr unterschiedlich) leider stark abgebaut, aber nicht grundsätzlich verlernt, wie jeder bei sich selbst immer wieder erleben kann. Es besteht also Hoffnung.

Um andere Menschen mit Begeisterungshormonen zu „dopen“ muss man:

  1. Selbst begeistert sein, sich selbst begeistern können. Nur wer selbst begeistert ist, kann andere wirklich begeistern, oder um mit Augustinus Aurelius (354-430, römisch-karthagischer Philosoph, Rhetoriker und Theologe) zu sprechen: „Nur wer selbst brennt, kann Feuer in anderen entfachen.“ Will ich andere begeistern, muss ich mir also die Frage stellen, ob ich von (m)einer Sache wirklich selbst begeistert bin. Das Entscheidendste für die eigene Begeisterung ist es, dass das, worum es geht, von großer Bedeutung, von hoher Wichtigkeit für mich ist und dass ich es selbst und aus eigener Motivation gewählt habe. Dass es meine Wahl und ureigene Entscheidung war und etwas bei mir auslöst, das da heißt, ich will das unbedingt tun/haben (nicht „ich muss“). Sich selbst für etwas begeistern heißt, die Möglichkeit darin zu sehen, sich selbst verwirklichen und seine Fähigkeiten und Stärken optimal einsetzen zu können. Dies bedeutet ein attraktives Spielfeld für sich zu generieren, um erfolgreich sein zu können und die Aussicht auf Freude am Tun und im Idealfall Erfolg zu haben. Begeisterung heißt auch, sich von anderen unabhängig zu machen. Darum gilt es im „Ernstfall“, das eigene Begeisterungslevel zu prüfen und sich zu fragen, ob es ausreicht, um andere mitzunehmen und anzustecken. Und wenn nicht: Was hindert mich und was brauche ich als Führungskraft noch?
  2. Dialoge inszenieren. Begeisterung bei anderen entsteht in erster Linie nicht durch einseitige Monologe, sondern durch Austausch im Dialog. Das bedeutet, sich nicht nur für mich und meine eigene aktuelle Begeisterung, sondern sich auch für den anderen zu interessieren, adäquat auf ihn zu reagieren und ihm zuzuhören. Empathie und Einfühlungsvermögen sind hier die Stichworte um a) das Gegenüber einschätzen zu können, und es b) nicht zu überfordern, ihm nichts mit aller Macht überzustülpen. Begeistern kann man den, der bereit ist (bewusst/unbewusst), sich begeistern zu lassen. D.h. manchmal brauchet es erst Zeit zur Vorbereitung. Nur so wird er meine Sache mit der Zeit zu seiner machen. Denn nur wenn er meine zu seiner Sache macht, entsteht seine Begeisterung (siehe oben).
  3. Gezielt Emotionalität antriggern, eine „emotionale Epidemie“ auslösen. Begeisterung ist in einem hohen Maße ein positiv-emotionales Phänomen. Um die emotionale Ebene bei anderen anzusprechen, empfiehlt sich eine lebendige Sprache mit Metaphern und Sprachbildern. Auch der intensive Einsatz von Visualisierung weckt Emotionalität – aber nicht unbedingt Power Point, sondern selbst gemalte Flipcharts, Fotos und Bilder mit hoher Aussagekraft usw. Es empfiehlt sich, die eigene Gefühlslage offenzulegen und seine positiven, animierenden Emotionen, wie Freude, Lust, Neugier, Stolz etc., anzusprechen. Und natürlich kann die gesamte Palette wirkungsvoller Rhetorik gezielt eingesetzt werden. Dazu findet man jede Menge schlauer Ratgeber in Form von Büchern oder im Netz. Emotionen haben wissenschaftlich nachweisbar den Charakter von Viren, d.h. sie sind sozial äußerst ansteckend. Es empfiehlt sich also, in Situationen die man emotional aufladen will, zuerst bei besonders empfänglichen Personen anzufangen und auf den Ansteckungseffekt zu setzen. Werden diese zu begeisterten „Missionaren“, können sie eine gewünschte „Epidemie der Begeisterung“ unterstützen. In Berichten über besonders erfolgreiche Führungskräfte, ob in Sport oder Wirtschaft, kann man dieses Phänomen immer wieder nachlesen. Sie können in besonderem Maße andere mit ihrer Begeisterung infizieren.
  4. Die Individualität meiner Gegenüber gezielt berücksichtigen und nutzen. Erwachsene Menschen haben biographisch sehr unterschiedliche Begeisterungsmuster. Ich zum Beispiel bin ein sehr begeisterungsfähiger Mensch und daher schnell und ausdauernd von allem Möglichem begeistert und zu begeistern. Meiner lieben Frau gehe ich damit immer wieder mal auch gehörig auf die Nerven, denn sie braucht deutlich länger, um sich für etwas zu begeistern und hat auch ein anderes Intensitätsniveau. Es gilt also im Dialog herauszufinden, wo beim anderen die Ansatzpunkte Sinne von Begeisterung liegen, an denen er erreichbar und ansprechbar ist. Braucht er Visionen, ein klares Ziel, Herausforderung, Sicherheit, Erfolg, Struktur, Freiräume? Ist es eher Emotionalität oder Rationalität, will er spielerisch handeln können, ernsthafte Aufgaben übernehmen, braucht er Erfolgsorientierung, Prozessorientierung, Bedenkzeit, Ehrgeiz, usw.? Und, manchmal hilft alles nichts, es entwickelt sich kein Begeisterungspotential. Vielleicht genügt dann auch die „gewöhnliche Standardmotivation“.

Fazit: Selbstorganisation braucht Führung. Führung in der Selbstorganisation braucht Begeisterung. Für Management und Führung ist es eine zentrale Aufgabe, Anstöße zu geben, Bewegung zu erzeugen, die zu eigendynamischen Prozessen von Selbstorganisation führen. Hohe Motivation, im Idealfall echte Begeisterung, gewährleistet optimal, dass erwünschte Ziele und Ergebnisse auch erreicht werden können. Kein Team wird Weltmeister, wenn es sich nicht an seinen Aufgaben berauscht, in einen Flow kommt und begeistert alle seine Ressourcen nutzt und einsetzt.

Literaturtipp: Boris Gloger; Dieter Rösner: Selbstorganisation braucht Führung. Die einfachen Geheimnisse agilen Managements. Hanser 2014.

  • Michael Pitra

    Hallo Dieter,

    als konsequente Weiterentwicklung beim Thema Motivation und Selbstorganisation / Führung gehört muss hier auch noch ergänzt werden, dass eine Bewegung nur dann stattfinden kann, wenn auch jemand da ist, der nachfolgen will. „There is no movement without the first follower“, siehe http://sivers.org/dancingguy

    • Dieter Rösner

      Hallo Michael,
      Sorry, hat etwas gedauert. Da kann ich Dir nur zustimmen, keine Mannschaft wird Weltmeister wenn kein Spieler kommt. Das ist eine fundamentale Grundvoraussetzung.

      Gruß Dieter