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„Worum geht’s hier eigentlich?“ – Mit der inneren Landkarte erfolgreich kommunizieren

[quote author = „Andreas Bourani“]“Und das ist alles nur in meinem Kopf.“[/quote]

In kritischen Gesprächen stellt man sich häufig die Frage, was im Kopf des Gegenübers denn so vorgeht. Wie kommt der/die dazu, so aggressiv zu reagieren, sich trotzig zurückzuziehen, oder alles wieder mal ganz anders zu „sehen“ als ich. Keine Einigung in Sicht, aneinander vorbei reden. Eskalationsgefahr, Frust und du stehst auf dem Schlauch. Deinem Gegenüber aber geht es vielleicht ganz genauso. Wenn Du nicht jemand bist, der dem anderen schnell die Schuld an den Schwierigkeiten in die Schuhe schiebt, stellst Du Dir vielleicht einige (selbst-) kritische Fragen. Zumindest im Nachhinein: Was lief da schief? Was hat der/die andere wohl gedacht? Bin ich ihm/ihr ungewollt auf die Füße getreten? Was war dem/der wirklich wichtig? Und wie ging es mir eigentlich selbst in dem ganzen „Ping Pong“? Warum habe ich so und nicht anders reagiert, evtl. effektiver?

Kleines Beispiel Teil 1: Ein Teamleiter führt spontan zwischen „Tür und Angel“ ein Gespräch mit einer Mitarbeiterin. Er kommuniziert seiner relativ neuen Mitarbeiterin sehr sachlich seine Einschätzung, dass ihre Leistung in der ersten Jahreshälfte bei Weitem nicht ausreichend gewesen sei (war schon vor einem Vierteljahr Thema), er aber die deutliche Steigerung im zweiten Halbjahr ganz super finde. Zwei Tage später erfährt er über eine andere Mitarbeiterin, dass die Kollegin ganz geknickt ist und sich von ihrer Führungskraft nicht richtig anerkannt fühlt. Evtl. herrscht Demotivationsgefahr. Er ist sehr erstaunt und kann sich die Reaktion nicht erklären, er wollte doch eigentlich nur loben und stärken.

Gelungene Kommunikation lebt vom gegenseitigen Verständnis. Das heißt, die jeweils vorhandenen subjektiven Informationen und Botschaften möglichst auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Ein „gläserner Kopf“, die Möglichkeit des Blicks in die Gehirne der Gesprächspartner wäre hier sehr hilfreich, aber das bleibt ein frommer Wunsch. Oder vielleicht Menschenkenntnis? Obwohl, ich bin seit weit mehr als zwanzig Jahre ein durchaus erfolgreicher Coach, weiß aber bis heute nicht, ob ich eine besonders gute Menschenkenntnis habe. Eher die Fähigkeit, im direkten Kontakt schnell in etwa zu erfassen, was den anderen bewegt (oder bewegen könnte, auch Unausgesprochenes, ja Unbewusstes) und mich meinerseits klar auszudrücken, halbwegs eindeutige Botschaften zu senden. Statt Menschenkenntnis, Menschenerkenntnis. Mir hilft hier z.B. immer das Kommunikationsmodell der „inneren Landkarte“ als Orientierungsrahmen weiter. Es hilft mir, genau hinzuhören, genau hinzuschauen, genau wahrzunehmen.

Jeder hat seine inneren Landkartenmuster

In der Kommunikation geht es immer um einen ganzheitlichen Erfahrungsprozess. Beide Gesprächspartner sehen, hören, denken, fühlen und wollen in jedem Moment des Kommunikationsprozesses, ob ihnen das bewusst ist oder nicht. Die sinnlichen Wahrnehmungen werden an das Gehirn weitergeleitet, dort verarbeitet und als situative oder mehr oder weniger dauerhafte Erfahrungs- und Wissensinformationen abgespeichert.“ Diese „inneren Landkartenmuster“ konstruieren wesentliche Elemente der Realität, können jedoch niemals das gesamte Gebiet in seiner Komplexität abbilden. Sie wirken und aktualisieren sich in jedem Gesprächsmoment in höchst subjektiven, gefilterten und selektierten Abbildungen der Realität! Willst Du also etwas über Dein Gegenüber erfahren, erforsche seine „innere Landkarte“. Willst Du ihm/ihr Einblick in Deine „Welt“ geben, sprich über deine „innere Landkarte“. Wenn die Bilder, Worte, Gedanken, Gefühle, Intentionen für euch beide transparent und nachvollziehbar werden, entsteht gegenseitiges Verstehen und Verständnis.

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Welches sind nun hilfreiche Elemente der „inneren Landkarte“, um Kommunikation im Sinne von gegenseitigem Verständnis zu bereichern? Um nachvollziehen zu können warum andere so und nicht anders handeln, reagieren, agieren, brauchen wir Wahrnehmungen, Denken, Gefühle, Intentionen.

Unsere Wahrnehmungen in Kommunikationsprozessen sind die Informationen, die wir von außen aufnehmen – also das, was wir in einer Situation sehen, hören, spüren. Unsere Sinnesorgane liefern uns allerdings selektierte und gefilterte Informationen. Wir können überhaupt nur einen Bruchteil der möglichen externen Informationen aufnehmen und bewusst oder unbewusst speichern. Diese Impulse von außen treffen natürlich nicht auf ein „leeres Blatt“, sondern auf bewusste und unbewusste Informationen, die wir über die Jahre unserer Biographie gesammelt und gespeichert haben, und die sozusagen ein „beschriebenes Blatt“ ergeben.

Diese Kombination aus äußeren und inneren Informationen bestimmt nun folgerichtig unser Denken in Form von mehr oder weniger komplexen Assoziationen, Hypothesen, Deutungen, Phantasien etc. Gebe ich in einem meiner Kommunikationstrainings zehn Teilnehmern z.B. den Begriff Italien vor, erhalte ich spontan mindestens sieben unterschiedliche Assoziationen von Pizza, über Strand bis hin zu Amore? Die Wahrnehmungen und Gedanken aktivieren wiederum unsere Gefühlswelt oder umgekehrt. Und Gefühle haben eine immens hohe Bedeutung für so ziemlich alles, was uns bewegt und zum Handeln bringt. Allerdings, bevor wir handeln, schalten sich unsere Intentionen, unser Wollen und Wünschen zu. Und meist mit mehreren bewussten und unbewussten Optionen. Was ist mir wichtig, was erwarte ich, welche Optionen habe ich zur Auswahl. Jede Information von Bedeutung durchläuft diesen inneren Prozess und gestaltet ganz situativ unsere subjektive „innere Landkarte“. Kompliziert und oftmals schwierig wird das Ganze, da sich dabei sowohl bewusste als auch unbewusste Informationen vermischen.

Was könnte der Umgang mit dem Modell der „inneren Landkarte“ nun für unser Beispiel oben heißen?

Hätte der Teamleiter seine junge Mitarbeiterin genauer wahrgenommen, hätte er vielleicht einschätzen können, dass ihre „innere Landkarte“ allgemein oder auch situativ eher auf Kritik als auf Lob reagiert oder situativ reagiert hat und sie daher eher negative Hypothesen entwickelt. „Der ist unzufrieden mit mir, dem kann ich es nicht recht machen. Ich bin ihm zu langsam.“ Damit wechselt sie schnell in einen negativen Gefühlszustand. Dies hätte er evtl.an ihrem Sprachmuster oder ihrer Körpersprache erkennen können. Also wäre es eventuell besser gewesen, den Hinweis auf das kritische erste halbe Jahr ganz wegzulassen und nur Anerkennung auszusprechen. Oder er hätte zuerst nachfragen können, wie sie selbst ihre Leistung über den entsprechenden Zeitraum einschätzt. Oder ob jetzt der richtige Zeitpunkt für ein teils kritisches Feedback ist. So hätte er Informationen über ihren aktuellen Zustand, ihre aktuelle „innere Landkarte“ bekommen. Die viel besprochene Empathie ist hier vielfach hilfreich, um das Feedback danach auszurichten – vielleicht sogar zu verschieben, weil es im Moment ihre Intention war, jetzt damit in Ruhe gelassen zu werden. Hätte er seine innere Landkarte gecheckt, hätte ihm sein Bauchgefühl einen stimmigen Hinweis gegeben. Denn Feedback ist vor allem dann effektiv, wenn es „richtig“ ankommt und eine Perspektive im Sinne von Entwicklung anstößt.

Fazit: Seid in Euren Kommunikationsprozessen Forscher – Erforscher der „inneren Landkarten“ eurer Partner und Partnerinnen und eurer eigenen. Und nehmt Euch die Zeit, um mit Aufmerksamkeit und Empathie euch und den anderen Chancen zu geben, ein gemeinsames Verständnis für das nicht immer eindeutig und transparent Gesagte, aber Gemeinte, Gedachte, Gefühlte, Gewünschte zu erreichen.

Tipp: Geführte Expeditionen auf das Gebiet der inneren Landkarten bietet das Training „Discussion plus“ – Informationen dazu gibt es hier