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Design Thinking für Product Owner – Teil 3: Der Design-Thinking-Raum

Product Owner sind vielen und vielem verpflichtet: Dem Kunden, dem Nutzer, dem Entwicklungsteam und der Profitabilität. In diesem Spannungsfeld auf Knopfdruck kreativ zu sein, um neue nützliche und gewinnbringende Produktideen zu schmieden, gelingt kaum einem Menschen.

Design Thinking will radikale, disruptive Neuerungen kreieren, Ideen und Potentiale sollen sich entfalten, daher benötigen Menschen und Prozess eine andere Umgebung.

Der Ort für Design Thinking

Die Anforderungen an den Ort für erfolgreiches Design Thinking sind vielfältig: Ein großer Raum, eine Mischung aus Werkstatt und Wohnzimmer, mobile Einrichtungsgegenstände, große Fenster für viel Tageslicht und ein angenehmes Raumklima. Alle Wände dürfen genutzt werden, Bastelmaterial, Papier, Stifte und Getränke sind reichlich vorhanden.

Einige Studien besagen, dass die besten Ideen außerhalb der Arbeitsstätte und außerhalb der Arbeitszeit entstehen. Daher verlassen wir die angestammten Räume. Der neue Arbeitsraum ist lediglich ein Container, um die Erfahrungen, die wir mit dem Nutzer machen, zu bündeln und zu verarbeiten. Es ist der Boden, auf dem wir Ideen wachsen lassen und die kritischen Aspekte unserer Ideen in Prototypen überführen, die erneut am Nutzer getestet werden.

Im Laufe des Design-Thinking-Prozesses wird dieser Raum also gefüllt, denn Design Thinking erzeugt viele physische Ergebnisse: Mitgebrachte Artefakte, Dekorationen und natürlich Hunderte von Haftnotizen, die an Wänden und Fenstern kleben und in immer wieder neuen Sortierungen die gesammelten Erkenntnisse verdichten, bis Schmerzen und Freuden der Zielgruppe wie in einem offenen Buch vor dem Design-Thinking-Team liegen. Gearbeitet wird dabei grundsätzlich im Stehen, auch dazu gibt es Studien, die die positiven Effekte belegen. Gesessen kann in den Pausen werden – diese gibt es reichlich, da im Design Thinking mit striktem Timeboxing gearbeitet wird, um viele kurze Phasen höchster Konzentration zu erreichen.

Mobiles Mobiliar hilft dabei, den Raum jederzeit passend umzuformen: Whiteboards, Stehtische, Sofas, Regale … all dies lässt sich mit Rollen ausstatten, so dass die Sitzecke im nächsten Moment zum Prototyp eines Bahnwagens werden kann oder Arbeitsergebnisse an einer Pinnwand für den späteren Gebrauch zur Seite geschoben werden können.

Besonders wichtig ist eine breite Angebotspalette an Prototyping-Material, denn Ideen werden im Design Thinking umgehend testbar gestaltet, um sofort Nutzer-Feedback zu sammeln. Eine Anregung für Materialien finden Sie in der Checkliste am Ende dieser Seite.

Für ein konzentriertes Arbeiten ist eine ruhige Atmosphäre angenehm, dennoch soll Design Thinking nicht still sein. Lachen und klatschen ist eindeutig erwünscht, mit etwas Musik im Hintergrund lässt sich die Stimmung gut steuern.

Solch ein Raum ist keineswegs ein Garant für gute Ideen, wirkt aber in der Regel beschleunigend und unterstützend. Es gibt bereits einige große Konzerne, die an ausgewählten Standorten solche Räume installiert haben (z.B. Telekom & SAP).

Frei-Räume für Design Thinking

Um den angedeuteten Raum mit einer kreativen Teamkultur füllen zu können, bedarf es einiger weiterer Zutaten:

Zeit
Design Thinking wird oft als „langsam“ empfunden. Besonders im Scrum-Umfeld, in dem Kunden schnelle und regelmäßige Lieferungen gewohnt sind, ist es schwierig, das Verständnis für den Zeitaufwand bei einer undefinierten Lieferung zu rechtfertigen. Es ist aber sehr wichtig, gerade in der Anfangsphase des Design-Thinking-Prozesses genügend Zeit für die „Entdeckung“ zu haben, um auch Techniken wie „Cultural Probes“, „Diaries“ & „Observation“ einzusetzen. 
Ist die Zeit knapp, ist der Design Thinker versucht, lediglich ein paar Interviews zu führen und verpasst womöglich die interessantesten Einsichten über den Nutzer.

Verhalten und Regeln
Es gibt ein paar Vorgaben, um das Zusammenwirken zu vereinfachen. Es ist wichtig, dass die Teammitglieder sich an diese Regeln halten, ggf. werden sie vom Design-Thinking-Coach darauf hingewiesen. Es ist sinnvoll, diese Regeln groß ausgedruckt an verschiedenen Stellen im Raum aufzuhängen:

  • Arbeite visuell
  • Nur einer spricht
  • Fördere verrückte Ideen
  • Stelle Kritik zurück
  • Quantität ist wichtig
  • Bleib beim Thema
  • Baue auf den Ideen anderer auf

Einfach anfangen …

Zugegeben, die Ansprüche an den Raum für erfolgreiches Design Thinking sind hoch. 
Aber der physische Ort und der Freiraum sind gleich nach dem Design-Thinking-Team der wichtigste Erfolgsfaktor.
Suchen Sie nicht nach Gründen, warum es nicht geht. Suchen Sie lieber Wege, so viel wie möglich davon wirklich zu machen:

Verlassen Sie den angestammten Arbeitsort, gehen Sie mit Product Owner und Design-Thinking-Coach zum Kunden und treffen Sie Ihre Nutzer. Okkupieren Sie für zwei Tage einen geräumigen Eingangsbereich oder eine Lagerhalle mit viel Licht. Stellen Sie Stehtische auf und kleben Sie Packpapier an die Wände (Haftnotizen kleben gut daran). Beziehen Sie die Menschen, die fragend gucken, in Ihre Arbeit ein. Stellen Sie die Fragen und lernen Sie!

Der PO und der Kunde profitieren am Ende am meisten: Durch den Aufwand zu Beginn eines Projekts oder Release (je nach Komplexität 2 Tage bis 2 Wochen) sind die Bedürfnisse des Nutzers klar und die Lösungsansätze bereits vom Nutzer getestet. Das spart viel Zeit am Ende der Umsetzungsphase mit Scrum, da weniger nachgebessert werden muss und der Gedanke an den Nutzer durchgehend in den Köpfen präsent ist.

Checkliste für einen passenden Design-Thinking-Raum

  • Location: Nahe den Orten, an denen man die relevanten Nutzer treffen kann
  • Raum: Genügend Platz für alle Teilnehmer, Arbeitsmaterialien, Aktivierungs-Spiele (ab 8qm pro Person, gerne mehr)
  • Beleuchtung: Hell! Große Fenster und viel Tageslicht
  • Luft: Gute Belüftung, Vorsicht bei Klimaanlagen: Nicht zu warm und trocken einstellen (20°-22°C genügt beim Stehen und in Bewegung)
  • Akustik: Ruhig, ohne Echo
  • Tische und Stühle: Stehtische (große Arbeitstische) und Barhocker/Stehstühle beflügeln die Konzentration
  • Pinnwände, Whiteboards und Flipcharts: Viele davon! Leicht, mobil und magnetisch
  • Nadeln & Magnete: Für die Boards
  • TimeTimer: Zum visualisieren der Timebox
  • Gong oder Zimbeln: Zum „Zusammenrufen“
  • Laptop & Internet: Für Recherchen
  • Standard Material:
    • Papiere (A4 & A3 in weiß, A4 bunt & Karton, große Rollen Packpapier)
    • Haftnotizen (so groß wie möglich, unterschiedliche Größen, mindestens 5 verschiedene Farben)
    • Stifte (Board & Flipchart Marker, Permanent-Marker, Filzstifte in verschiedenen Farben, Bleistift) Stifte unbedingt vorher testen und Schlechte aussortieren
    • Scheren, Klebeband (Malerkrepp), Locher, Klammeraffe
    • Küchenrolle
  • Prototyping Material:
    • Zeitungen und Magazine mit vielen Bildern zum ausschneiden
    • Pappkartons
    • Klebe (Flüssig- & Heißkleber, Klebebänder von der Rolle in transparent & farbig)
    • LEGO® oder DUPLO®
    • Knete
    • Pfeifenputzer
    • Geschenkbänder
    • Strohhalme
    • Stoffreste, Bettlaken
    • Verkleidungsmaterial (Hüten, Perücken, Brillen, Schürzen etc.)
    • Dicke Aluminiumfolie
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Da nun im Raum alles klar ist, sehen wir uns im nächsten Teil  den Design-Thinking-Prozess an. Ich freue mich über Fragen, Anregungen und Diskussionen!

Design Thinking für Product Owner – Teil 1: Was ist eigentlich Design Thinking?

Design Thinking für Product Owner – Teil 2: Das Design-Thinking-Team