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Über Visionen

In Scrum ist viel von Visionen die Rede – insbesondere der Product Owner muss stets die „Vision“ dessen, was er entwickelt sehen will, im Blick behalten. Einfach eine gute Idee zu haben ist zu wenig, ein klassisches Lastenheft dagegen zu viel des Guten.

In Scrum-Trainings wird überdies gerne mal in die Runde gefragt: „Wer zählt für Euch persönlich als Visionär?“ Sind denn Product Owner Visionäre? Zumeist werden Gandhi und Martin Luther King genannt, gerne auch Steve Jobs, der immerhin mit gewisser Regelmäßigkeit zum Archetypen des Product Owners schlechthin erhoben wird. Passt das zusammen? Zugegeben, Apple baut nützliche Geräte und hat viele treue Fans, die auch mal drei Tage auf dem Gehweg campieren, um das neueste Produkt einige Stunden oder gar Tage vor allen anderen in Händen halten zu können. Was aber sollte die Vision dahinter sein? Apple-Geräte begeistern durch ihre hohe Qualität, und Steve Jobs gebührt die Anerkennung dafür, Apple als Firma zu diesem hohen Standard geführt zu haben. Aber sobald die Geräte einmal als weniger nützlich oder auch nur weniger hip gelten sollten, wird die Fangemeinde mit einiger Wahrscheinlichkeit dahinschmelzen.

Gandhi, King und andere Visionäre begeistern Massen für ihre Ideen, für die Vorstellung einer anderen oder zumindest besseren Welt, die einen Wert an sich darstellt und kein bloßes Mittel zum Zweck. In diesem „relevanteren“ Sinne ist wohl kein Product Owner, auch nicht Steve Jobs, als „Visionär“ zu bezeichnen. Was aber macht dann noch den besonderen Wert der Produkt-“Vision“ aus, auf deren Bedeutung wir so vehement bestehen? Drei kurze Fallstudien mögen dies deutlich werden lassen:

1. Das Tesa-Baby
Die folgende Anekdote gab überhaupt erst den Anstoß für diesen Blogbeitrag: Der Unternehmensberater reist viel und hat dabei stets sein Smartphone in Händen. Dank dieser Grundvoraussetzung konnte ein Kollege kürzlich ein bemerkenswertes Foto schießen und ins Web stellen: Ein erschöpftes Elternpaar benutzt die Dreiersitzreihen eines ICE-Abteils als Behelfsbetten, auf dem Tisch dazwischen liegt das ebenfalls schlafende Baby auf einem Deckchen. Da wohl die meisten Menschen schon einmal eine Sprudelflasche auf solch einem Tisch im Zug abzustellen versucht haben, ließen bestürzte Kommentare nicht lange auf sich warten. Die prompte Antwort des Fotografen: „Was man auf dem Bild nicht so gut erkennt – das Baby ist mit Tesafilm am Tisch befestigt.“ Die anschließenden Reaktionen wurden durch diese Bekanntmachung nicht merklich gemildert. Tesafilm als Babybefestigungsmittel ist wohl kein Geheimtipp.

2. Der Hund auf dem Autodach
Während des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes 2012 kam die Meldung auf, Mitt Romney sei ein Tierquäler – weil er 1983 seinen Hund Seamus auf dem Autodach in den Familienurlaub transportiert hatte. Der Hund vertrug die Fahrt nicht sonderlich gut, so dass Romney gezwungen war, unterwegs zu halten und das Auto mit einem Wasserschlauch zu säubern. Nun sind zwar Hunde bei aller Liebenswürdigkeit nicht ganz das Gleiche wie menschliche Babys, dennoch wurde die Geschichte zur Affäre. Zwar hatte Romney den Hund in einem stabilen, sicher befestigten Transportkäfig eingeschlossen und ihm selbst eine Windschutzscheibe aus Plexiglas gebaut; zwar führte er das Unwohlsein des Tieres auf eine größere Portion Truthahn zurück, die dieser in einem unbemerkten Moment vor der Abfahrt zu sich genommen hatte; zwar hat der TÜV in den USA keine Macht und es war dort auch kein Gesetz gegen Hundetransport auf dem Autodach in Kraft… dennoch: Die interessierte Öffentlichkeit war zutiefst gespalten: Einerseits war Romney eiskalt mit seinem armen, kranken Hundchen auf dem Dach unbeschwert tausend Kilometer weit in die Sommerfrische gefahren, andererseits hatte der pragmatische Familienvater Mitt für seinen treuen Gefährten ein sicheres und windgeschützes Transportbehältnis gebaut um ihn überhaupt am Familienurlaub teilhaben lassen zu können. Seine Idee war durchaus praktikabel, aber nicht ausgereift.

3. Geburtshilfe per Plastiktüte
Im letzten Jahr stand in der Zeitung zu lesen, der argentinische Automechaniker Jorge Odón habe ein Hilfsmittel für Notgeburten entwickelt, das nicht nur leicht handhabbar ist, sondern auch so billig hergestellt werden kann, dass es in den Armenvierteln südamerikanischer Großstädte und in entlegenen Regionen einsetzbar ist. Der Mann hatte die Idee, wie man falsch liegende Babys auf schonendere Weise als mit Saugglocke oder Geburtszange auf die Welt bringen könnte, beim Ansehen eines Youtube-Videos. Darin wurde gezeigt, wie man mittels einer Plastiktüte einen Korken aus einer leeren Weinflasche ziehen kann: Die Tüte wird so weit wie möglich in die Flasche gesteckt und dann aufgeblasen, der Korken Richtung Flaschenhals geschüttelt; dann wird die luftgefüllte Tüte zugedreht und langsam aus der Flasche gezogen; so verdichtet sich die Luft in der Tüte um den Korken herum so weit, dass sie ihn wie ein Luftkissen umschließt und mit aus der Flasche zieht.

Diese unkonventionelle Methode funktioniert bei Babys genauso wie bei Weinkorken und ist deutlich schonender in der Anwendung als konventionelle Methoden, da das Kind im Ganzen, durch das Luftpolster sicher verpackt, bewegt wird. Der Erfinder tüftelte zunächst in der heimischen Küche mit den Puppen seiner Tochter an seinem Projekt, stellte es dann auf Fachkonferenzen vor und erhielt letztendlich Fördergelder der WHO. Mittlerweile laufen erfolgversprechende klinische Studien mit der „Odon Device“, die eine baldige Fertigungsreife in Aussicht stellen.

4. Schluss
Etwas überspitzt lassen sich aus diesen drei Beispielen unterschiedliche Auffassungen der Rolle des Product Owners ableiten: Das müde Elternpaar war – so können wir mutmaßen – auf eine schnelle und unter erschwerten Bedingungen durchführbare Lösung ihres Problems angewiesen, um möglichst schnell eine Mütze voll Schlaf zu bekommen. Die Reaktionen auf diese Lösung zeigen erstens, dass diese qualitativ unzureichend war, da die recht akute Sorge bestand, das Baby könnte vom Tisch fallen und zweitens, dass die Anforderungen an die Lösung nicht (zumindest nicht korrekt) priorisiert wurden, da die Betrachter des Bildes die Sicherheit des Babys einvernehmlich stärker gewichteten als das Schlafbedürfnis der Eltern. Auch ad hoc-Lösungen verlangen ein Mindestmaß an Qualitätssicherung, sonst kann man es auch gleich lassen.

Mitt Romney hingegen hatte sich – lässt man die spätere politische Instrumentalisierung der Anekdote einmal außen vor – offenkundig Gedanken darüber gemacht, wie das Hundetransportproblem seiner Urlaubsreise bestmöglich zu lösen sei und handelte rein pragmatisch, sowohl bei der Konstruktionsaufgabe als auch anschließend im Bereich Maintenance. Dieser Weg war gangbar, aber sicherlich nicht visionär – die konkrete Problemstellung wurde unkompliziert und mit minimalem Aufwand zweckmäßig gelöst, ohne dabei einen größeren Plan umzusetzen.

Die Geburtshilfetüte schließlich zeugt von einem „visionären“ Produkt im Sinne agilen Vorgehens: Die aus dem Youtube-Video entstandene Idee wird geprüft und entwickelt, es wird gebastelt und getüftelt bis die Vision als realisierbares Konzept so weit ausgearbeitet ist, dass sie (hier bereits in Gestalt eines Prototypen) vorgestellt und umgesetzt werden kann. Die wohldurchdachte Vision eines nutzbringenden Produkts genießt somit auch den Abglanz des wahrhaft Visionären, da sie im besten Falle die Welt ein bisschen besser machen kann, und so ist es denn auch die Kerntugend des Product Owners, felsenfest von seinem Produkt überzeugt zu sein und dessen Entwicklung nach Kräften voranzutreiben, wie unkonventionell und problembehaftet seine Vorstellung Außenstehenden auch erscheinen mag.