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Köstlichkeiten und Kostenloses im Alltag eines Unternehmensberaters

Es ist Donnerstag. Böse Zungen sagen auch gerne mal Beraterfreitag. Aber das perlt ab.
Ich habe eingecheckt und befinde mich im Abflugterminal des Flughafens. In dieser speziellen Ausgabe von Flughafen hat sich ein besonders schlauer Fuchs gedacht, es sei geschickt, die kleinen gelben Automaten, an denen man Gefrierbeutel für den sicheren Transport 10x100ml hochexplosiver Flüssigkeiten erwerben kann, 20 Meter hinter der Taschen- und Personenkontrolle aufzustellen. Dann können die Passagiere die Flüssigkeiten, die sie vor dem Sicherheitscheck schon längst entsorgen mussten, endlich in die Plastiktüten packen. Toll!

Mein Tag verlief so lala – der Kunde wusste es mal wieder besser als ich und stellte mich dann gleich noch zusammen mit „dieser ganzen Beraterbande“ grundsätzlich in Frage. Widerstand zwecklos. Definitiv Grund genug, sich mit dem Gedanken an ein kühles Bier anzufreunden. Ich überschlage kurz das verbleibende Reisebudget und stelle fest, dass ich bei Verzehr eines Flughafenbieres wohl noch 4,50 Euro drauflegen müsste, da ich ja bereits heute morgen unbedingt das S-Bahnhof-Ciabatta und den korrespondierenden Kaffee beanspruchen musste. Mittags musste es dann selbstverständlich auch das Mittagsmenü der örtlichen Crossover-Kitchen sein, weil der Kollege, mit dem dieses eine superwichtige Thema besprochen werden wollte, eben dort schon einen Tisch reserviert hatte. Und das im schwäbischen Teil Baden Württembergs – also keine Chance, eingeladen zu werden.

Zurück ins Jetzt. Ich könnte natürlich auf ein kleineres Bier ausweichen…Naääh komm, das würde den Literpreis schlagartig dreistellig werden lassen. Außerdem ist heute Beraterfreitag. Ich entscheide mich für den halben Liter Weißbier vom Fass. Hmmm, wie es so schön in der Abendsonne schimmert, die hinter der Landebahn untergeht. Ich mache noch schnell ein Foto mit meinem inneren Auge und reiße sogleich der Bedienung den Kelch aus der Hand. Dabei verschütte ich etwas von dem kostbaren Gut auf den bereits klebrigen Tresen. Bin wohl nicht der erste halbverdurstete Hobbybierologe heute.

Da vorne am Fenster ist noch ein Plätzchen frei. Ich setze mich und hole meinen Laptop raus. Es ist noch etwas Zeit und ich überlege, einen kleinen Beitrag für unseren Blog zu schreiben. Thema: such dir was aus. Na gut, schreib ich halt was über Leute am Flughafen. Ha! Direkt neben mir hat jemand sein Bier nicht ausgetrunken. Das ist ja noch dreieurofünfzig voll! Also entweder, es war ihm wirklich egal, oder demjenigen ist wieder eingefallen, dass es ein Flughafen mit angeschlossener Kneipe ist und nicht umgekehrt. Oder ihr? Gibt es Frauen, die am Flughafen einen halben Liter Weißbier bestellen und dann die Hälfte zurücklassen? Unwahrscheinlich. Derart leichtsinnig sind doch bestimmt nur Menschen die es gewohnt sind, von einer Sekunde zur maximal übernächsten zu denken (das Bier im 30 Minuten später startenden Flugzeug ist kostenlos!).

Ein paar Meter weiter, eine Tafel: „Jede Pizza nur 10 Euro!!“ Wow, ich bin kurz davor zu Hause Bescheid zu sagen, dass ich im Begriff bin, das Schnäppchen der Woche zu schlagen und zu fragen, ob ich vielleicht noch eine zweite mitbringen soll. Ich schaue mich um, um zu sehen, ob sich dieser Anbieter eventuell in einem erbitterten Preiskampf mit unzähligen weiteren Pizzabäckern befindet. Natürlich nicht. „Do people at the airport know what the prices are at any other place in the world?“, fragte einst der amerikanische Comedian Jerry Seinfeld. Nun ja, ich habe vor ein paar Minuten ein Bier für 6,90 Euro gekauft – bin also Teil des Problems. Der randvollen Auslage nach zu urteilen hat die Pizza heute auch schon einmal 15 Euro gekostet und nun wird voller Enthusiasmus diese Wahnsinnsreduktion beworben. Ausgang ungewiss.

Gegenüber steht das Regal mit dem Zeitschriftenangebot der Airline. Eine Ausgabe des PLAYBOY mit jugendfreiem Einband – zu sehen ist das Bild einer verlassenen Karibikinsel in Häschenkopfform aus der Vogelperspektive – liegt dort aus. Und, was ist das? Ein Mittvierziger mit seinem maximal 10-jährigen Spross geht schnurstracks darauf zu, lenkt den Jüngsten noch kurz mit einer SportBild, auf deren Cover Manuel Neuer gerade irgendwen anbrüllt ab, um dann beherzt ins obere Regal zu greifen. Bold move, daddy! Was wohl Mama dazu sagen würde? Kriegt sie ja nicht mit. Und wenn doch, wird auch er behaupten, es ginge ihm lediglich um die super Reportagen.

Oh, der Flug wird aufgerufen. Für’s Priority Boarding habe ich noch nicht genügend Meilen – Anfänger! Aber ich habe noch etwas Zeit, um den Passagieren bei ihrer besten Engländer-Imitation zuzusehen und die restlichen 2,90 Euro auszutrinken. Nicht dass sich am Ende jemand über mein halb volles (!!) Glas lustig macht. Wie sie sich alle brav anstellen, obwohl sie doch noch laaaange nicht dran sind. Vielleicht sollte ich mal hingehen und darauf aufmerksam machen, dass sich die Sitzplatznummern auch in den verbleibenden 30 Minuten nicht mehr ändern werden. Und „ja, Sie werden mit sehr sehr großer Wahrscheinlichkeit der erste auf dem ausschließlich für Sie reservierten Platz sein“. Mich beschleicht der Verdacht, es könnte sich um traumatisierte Bahnkunden handeln, die auch Angst davor haben, nachts aus ihren Betten geschmissen zu werden, weil sie das „ggf. freigeben“-Schild einfach ignoriert haben. Ich beobachte das Schauspiel noch eine Weile und verpasse um ein Haar noch meine Boarding-Gruppe.

Im Flugzeug komme ich mit meinem Sitznachbarn ins Gespräch. Er erzählt mir davon, wie er aufgrund seiner Leibesfülle schonmal aus den komfortablen Sitzen vor den Notausgängen komplimentiert wurde. „Jaja, Alte, Kinder und Dicke haben keine Chance“, sagt er. Und ich weiß in dieser Situation nicht, wer mir mehr Leid tut: dieser arme Kerl, dem seine stattliche Physis so deutlich vor Augen geführt wurde, oder ich, der auf einmal mit der Hälfte des bezahlten Sitzplatzes auskommen muss. Ich versuche trotzdem, es mir ein bisschen bequem zu machen. Über die Lautsprecher hauchen Simply Red: „I wanna fall from the stars“ in die Kabine. Bei dem Gedanken an den Marketingmitarbeiter mit dem Einfühlvermögen einer Tiefkühltruhe, der tagelang gegrübelt und letztlich beschlossen hat, dass nur genau dieser der richtige Song vor jedem Take-off sein kann, lasse ich mich langsam in den Schlaf rütteln. Das kostenlose Bier werde ich natürlich verpassen.

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    rererwerw