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Schätzt du noch oder baust du schon?

Im einem Projekt verlangte das Management für den kommenden Release, einmal zu schätzen, wie viele Bearbeitertage für die zu liefernde Menge an Funktionalitäten wohl benötigt würden, um einen Forecast abgeben zu können. Die Manager wollten das, weil sie mit der Storypointschätzung per Magic Estimation nicht zufrieden waren. Denn die sagte aus, dass das Scrum-Team bis zur Deadline bei der aktuellen Velocity von 40 Storypoints lange nicht das liefern würde, was eigentlich erwünscht war.

Alte Schule. Statt anzufangen, werden nun viele Arbeitsstunden darauf verwendet, vorherzusagen, wie lange es wohl dauern wird mit der Lieferung. Zeitverschwendung, so meine Hypothese. Zahlen aus 2012 belegen: 74% der IT-Projekte werden in der Zeit überschritten, 59% in den Kosten und 69%, was die Anzahl der gelieferten Features angeht. (Quelle: Standish Group 2013, S.2) Warum also viel Zeit auf die Schätzung verwenden, wenn wir immer wieder sehen, dass sie ohnehin mehr als ungenügend ist?
Ganz einfach: Die Schätzung wird verlangt. Punkt. Eines jedoch sollte die Erkenntnis aus diesen Erfahrungen sein: Lieber mehr Zeit für die Umsetzung verwenden als auf das stunden- oder tagelange Schätzen.

Natürlich gibt es in einem Unternehmen immer Interessengruppen, die Ressourcen und Kosten planen müssen. Aber uns sollte klar sein, dass wir unser „Geschätze“ der Dauer und unsere Methoden stark überdenken müssen. Vor allem auch die Frage, wer denn schätzen sollte. Im konkreten Fall entschied man sich dafür, pro Story und Thema den jeweiligen Experten die Dauer der erwarteten Arbeit schätzen zu lassen. Gefährlich, sage ich, und möchte hiermit auf das Buch „Die Weisheit der vielen“ von James Surowiecki verweisen. Darin behauptet der Autor, dass die Masse stets besser entscheidet als ein Einzelner: „Die Masse ist dumm, dumpf und gefährlich. Dieses verbreitete und von Wissenschaftlern gestützte Urteil ist falsch. Wahlumfragen, Pferdewetten, der Publikumsjoker bei Günther Jauch, Google oder Millionen Steuerzahler belegen: Die Menge entscheidet in der Regel intelligenter und effizienter als der klügste Einzelne in ihren Reihen. Ihre Problemlösungen greifen besser als die von Experten. Vorausgesetzt, jeder Einzelne denkt und handelt unabhängig, die Gruppe ist groß und vielfältig, und sie kann darauf vertrauen, dass ihre Meinung wirklich zählt.“ (aus dem Klappentext)

Prompt versuchte ich nun, Surowieckis Vermutungen in einem kleinen Experiment zu beweisen, um die Schätzweise im Projekt überdenken zu lassen. Ich ließ von jedem im Team schätzen, wie viele orange Bälle in dem Sack waren, den ich mitgebracht hatte. Die Wahrheit lag bei 101 Bällen. Das wusste außer mir jedoch niemand. Die kleinste Schätzung lag bei 50, die höchste (im übrigen von einem Experten für Zahlen) lag bei 150. Im Mittelwert schätzte das Team den Inhalt auf 96 Bälle. Ein beeindruckendes Ergebnis, das erstaunlich nahe an der Realität von 101 lag und die Theorie Surowieckis zumindest unterstützt.

Eine Gruppe von Menschen (je größer desto besser) schätzt immer genauer als der klügste Einzelne.
Genau das ist der Grund dafür, warum der Publikumsjoker bei „Wer wird Millionär“ in den meisten Fällen so zuverlässig funktioniert.
Auch dafür, warum eine Gruppe von Experten mit je nur einem Tipp es 1968 schaffte, den Standort des im im Atlantik havarierten U-Bootes „Skorpion“ auf 75 Meter genau zu ermitteln.

Bei all diesen plakativen und hochinteressanten Beispielen erinnern wir uns daran, worum es geht: Mehr Zeit in die Umsetzung als in das aufwändige Schätzen zu stecken.

Bleibt nur noch die Frage: „Schätzt du noch, oder baust du schon?“