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Von Zahlenfetischismus und anderen Angewohnheiten

Letztens im Sprint Planning 1: Der Product Owner stellt gerade die 7. Story vor. Bereits das Commitment der 6. Story hatte einigen Teammitgliedern Bauchschmerzen bereitet. Doch zu meiner Überraschung ist das Team schnell zu dem Entschluss gekommen, auch diese weitere Story zu committen.

Szenenwechsel: Die Nachbesprechung des Meetings in kleinem Kreis. „Warum wart ihr euch als Teammitglieder bei der letzten Story so sicher?“, lautet meine Frage als ScrumMaster. Kleinlaut wird mir erklärt, dass ein Teil der Storys vorab im Aufwand mit Manntagen geschätzt wurde. Und das alles, nachdem wir die letzten Schätzungen mit Hilfe von Magic Estimation [1] auf der Basis des relativen Funktionsumfangs sehr effizient durchgeführt hatten und das Team überzeugt von den Vorteilen wirkte.

Das Beispiel zeigt, wie schwierig es doch ist, alte Gewohnheiten hinter sich zu lassen. Obwohl mir doch in den Diskussionen mit dem Team bestätigt wurde, dass alle bisherigen Aufwandschätzungen keineswegs genau und richtig waren. Zudem sind viele der traditionellen Software-Schätzverfahren mit hohem Aufwand verbunden, da viele Faktoren erhoben und Bewertungen durchgeführt werden müssen, wie beispielsweise in der Function Point Methode [2]. Und doch scheint es schwierig zu sein, die alten Angewohnheiten einfach einmal beiseite zu legen.

Doch was ist es, das uns an den Schätzungen mit Aufwand festhalten lässt? Ist es das Gefühl der vermeintlichen Sicherheit, die Größe der Story bestimmt zu haben? Ist es die Annahme, das Projekt mit Hilfe dieser Zahlen „im Griff“ zu haben? Oder ist es der reine Zahlenfetischismus, der von Jahr zu Jahr zuzunehmen droht? Oder sind es ganz andere Gründe, die wir gar nicht benennen können?

[quote author = „Heinrich Heine“] „Man kann die Ideen, wie sie in unserem Geiste und in der Natur sich kundgeben, sehr treffend durch Zahlen bezeichnen; aber die Zahl bleibt doch immer das Zeichen der Idee, nicht die Idee selbst. Der Meister bleibt dieses Unterschieds noch bewusst, der Schüler aber vergisst dessen und überliefert seinen Nachschülern nur eine Zahlenhieroglyphik, bloße Chiffren, deren lebendige Bedeutung niemand mehr kennt und die man mit Schulstolz nachplappert.“[/quote]

Mein Tipp: Lasst euch auf neue Methoden ein, wenn die bisher verwendeten keinen Erfolg versprechen. Lasst euer Bauchgefühl entscheiden und verschwendet keine Stunden und Tage für kompliziert berechnete Schätzungen, die nicht halten. Benutzt Magic Estimation, mit dessen Hilfe ihr die Storys schneller und fokussierter schätzen könnt. Ich bin mir bewusst, dass dies auch Mut erfordert. Den Mut, bisher jahrelang verwendete Verfahren in Frage zu stellen. Glaubt mir, es lohnt sich!

[1] Gloger, B.: Scrum. Hanser Verlag (4. Auflage), 2013.
[2] Poensgen, B.: Function-Point-Analyse: Ein Praxishandbuch. dpunkt Verlage (2. Auflage), 2012.

Übrigens frisch im Buchhandel: „Wie schätzt man in agilen Projekten – oder wieso Scrum-Projekte erfolgreicher sind“ von Boris Gloger. Hanser Verlag 2014.