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Der ScrumMaster – zwischen Stühlen und Fronten

Ort: Meetingraum
Zeit: 08:47
Zweck des Meetings: Sprint Planning 1

Die Beteiligten meiden Augenkontakt. Hochrote Köpfe, betretene Stille. Es geht nicht mehr weiter. Soeben haben sich zwei erfahrene Entwickler des Teams mit dem Product Owner angelegt.

Streiten. Der Product Owner fordert eine sehr große Story für den zu planenden Sprint, weigert sich jedoch, sie zu splitten. Sie in zwei zu teilen. Die Gründe dafür verstehen die Entwickler nicht. Sie verweigern das Commitment. Als ScrumMaster kann ich der Diskussion aus fachlicher Sicht schon lange nicht mehr folgen. Ich fühle mich gelähmt, frustriert, fast unfähig, zum Ziel des Meetings, dem Commitment zu führen. Klar ist mir nur eines: Die Gründe für diese Bewegungslosigkeit liegen im Verborgenen. Weit unter der Oberfläche, denn die Entwickler überzeugen sachlich und argumentatorisch auf ganzer Linie.
Als klar wird, dass es nicht mehr weitergeht, wird das Commitment um einen verträglichen Zeitraum verschoben, um eine Klärung herbeizuführen und die Gemüter zu beruhigen.
Nach ca. einer Stunde kommt der Product Owner zum Team, lenkt ein und stimmt sichtlich erbost zu, die Story doch noch anzupassen. Die Situation scheint gelöst.

Weit gefehlt.

Nach ein bis zwei Stunden taucht die Story im Computersystem wieder auf und … ist unformuliert, aber nicht gesplittet. Die Verärgerung ist den Entwicklern am ganzen Körper und vor allem an ihrer Gesichtsfarbe anzusehen. Die Entwickler bitten mich mit meinen „politischen Fähigkeiten“ – so die Entwickler – um Hilfe und darum, zum Product Owner zu gehen und letztlich zu erbitten, was er doch zugesagt hatte: Die Story in zwei kleinere zu splitten. Ich stimme zu und mache mich sofort auf den Weg.

Ich, als Fachfremder, sehe meine Chance, mir weiteres Standing beim Team zu verdienen. Nun bin ich gefordert und kann meine Fähigkeiten unter Beweis stellen. „Hoffentlich“, denke ich. Es fühlt sich wie ein bewegender Schlüsselmoment für mich und die weitere Zusammenarbeit mit meinem Team an. Ist doch sonst so schwer spürbar, was man an einem langen Tag geleistet hat.

Reden. Ich betrete das Büro des Product Owners. Leider sitzt er noch nicht beim Team. Änderung ist jedoch in Sicht. Ich begebe mich freundlich zum Product Owner und frage ihn mit einem einladenden Lächeln, ob er mir drei Minuten seiner Zeit schenken kann. Ich setze mich zu ihm und danke für die Bereitschaft, über die Story zu sprechen. Ich nehme eine ähnliche Körperhaltung ein wie er, um eine positive Stimmung zu erzeugen und bitte ihn erneut, die Story zu teilen. Es braucht drei Minuten freundliche Worte und ein wenig Small Talk. Der Product Owner stimmt zu, die Story gemeinsam mit mir so umzuformulieren, dass das Entwicklerteam umgehend bereit ist, sein Commitment abzugeben.

„Wie leicht war das denn?“, frage ich mich, kehre voller Stolz zum Team zurück und verbreite die gute Nachricht. Das Team kann nun die neu entstandene und kleinere Story committen.

Verbinden. Ich spüre Freude, Stolz und Erfolg auf ganzer Linie. Mir wird bewusst, was es heißt, ScrumMaster zu sein. Wir ScrumMaster sind das Sprachrohr zwischen den Gemütern, die Mittler zwischen den Parteien, die Mediatoren und Psychologen. Die mit den geheimnisvollen Soft Skills, die Impediments jedweder Art aus dem Weg räumen. Es wird klar, wozu es uns ScrumMaster braucht. In vielen Fällen blockieren die Dinge aufgrund von Befindlichkeiten, Ängsten, Politik oder zwischenmenschlichen Themen.
In meinem Fallbeispiel wird sehr deutlich, dass es oft nur der richtigen Ansprache oder dem Schaffen einer positiven Stimmung braucht, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.

Erschöpft und zufrieden zugleich sinke ich in meinen Bürostuhl und kann kurz darauf das Sprint Planning 1 mit einem einstimmigen Commitment des Teams beenden.

Was habe ich aus meinem Erlebnis mitgenommen? Zum einen wird mir klar, wie wichtig regelmäßige und qualitativ wertige Estimation-Meetings sind, an denen immer alle Teammitglieder teilnehmen. Zum anderen sehe ich die Vorteile, als externer ScrumMaster tätig sein zu können. Frei von Ängsten oder gar Abhängigkeiten kann ich mit verschiedensten Vertretern eines Unternehmens kommunizieren.