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Der Code der Emotion – Teil 1: Angst und Überraschung

Kein besonders guter Start heute. Das Management hat in einem Scrum-Projekt zu einem Meeting geladen, um über Budgetkürzungen und die damit einhergehenden personellen Einsparungen zu informieren. Es herrscht angespannte Stille. Ich beobachte die Anwesenden und schaue aufmerksam in ihre Gesichter: hochgezogene Augenbrauen und weit geöffnete Augen hier, runtergezogene Mundwinkel dort. Ich bemerke das vermehrte Schlucken bei einigen Zuhörern, Stirnrunzeln, bei einem sehe ich, wie das untere Augenlid kontrahiert, gesenkte Augenbrauen, ein leichtes Kopfschütteln, kaum sichtbar. Ein Schmelztiegel voller Emotionen. Sie sind spürbar, fast greifbar und sie sind den Menschen im Raum ins Gesicht geschrieben. Ich frage mich, ob die ScrumMaster der sechs Entwicklungsteams ebenso bemerken, wie viel Gefühle gerade in der Luft liegen und inwieweit ihnen bewusst ist, dass es nach diesem Meeting wichtig sein wird, die Teammitglieder dort abzuholen, wo sie gerade stehen: im Angesicht einer ungewissen Zukunft. Sind ihre „Antennen“ der Emotionalen Intelligenz auf Empfang gestellt? Denn gerade diese Fähigkeit unterscheidet den durchschnittlichen ScrumMaster vom wirksamen ScrumMaster. Wirksame ScrumMaster sind motiviert, Ergebnisse zu erzielen, besonders befähigt, die Initiative zu ergreifen, überdurchschnittlich kooperations- und teamfähig und kompetent, Teams zu führen. Sowohl ihre persönlichen Kompetenzen (Selbstwahrnehmung und Selbstmanagement), als auch ihre sozialen Kompetenzen (soziales Bewusstsein und Beziehungsmanagement) sind überdurchschnittlich ausgeprägt.

Was ist eigentlich eine Emotion?

Es vergeht kein Tag, keine Stunde, keine Minute, in der wir mit ihnen nicht zu tun haben – mit unseren Emotionen. Emotionen leiten uns. Ständig und überall. Was ist eigentlich eine Emotion? Der Ursprung der Bedeutung des Wortes „Emotion“ lässt sich vom Lateinischen Wort movere ableiten, was übersetzt bewegen bedeutet. Das Präfix „e“ meint hingegen sich heraus-bewegen und lässt stark vermuten, dass darunter verstanden werden soll, dass in jeder Emotion so viel Energie steckt, dass sie aus dem Menschen heraus will und ihn zum Handeln zu bewegt. Und damit nicht genug. Jede dieser unterschiedlichen Emotionen ins uns, ganz gleich, ob wir eine unser Leben verändernde Entscheidung treffen müssen, einen Konflikt mit einem Kollegen austragen oder vor Freude einen Luftsprung machen könnten, weckt dabei eine ganz spezifische Bereitschaft zum Handeln, die uns wie eine Art Kompass lenkt. Dieser hat sich im Laufe unserer Evolution so weiterentwickelt, dass sich daraus ein überlebenswichtiges Portfolio an Gefühlszuständen, Emotionen manifestiert hat, die sich als „angeborene, automatische Tendenzen des menschlichen Herzens in unsere Nerven eingeprägt haben“ (Goleman, 2011, S. 20). Golemans Verständnis kommt dem von Ekman sehr nah, der eine Emotion als Prozess versteht, „eine spezielle Art von automatischer Bewertung der Lage, die von unserer evolutionären und persönlichen Vergangenheit beeinflusst ist. Durch sie nehmen wir wahr, wenn sich etwas für unser Wohlbefinden Bedeutsames ereignet, woraufhin sich eine Reihe von physiologischen Veränderungen und emotionalen Verhaltensweisen der Situation anzunehmen beginnen“ (Ekman, 2010, S. 18).

Menschliche Handlungsimpulse – auf Emotion folgt Reaktion

Die Emotionsforschung hat in den letzten beiden Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht. Die Entwicklung und Verbesserung innovativer Methoden bei der Analyse des Zusammenspiels von Körper und Gehirn erlauben es uns heutzutage, auf physiologisches Detailwissen zurückzugreifen, das Beweise für das zuvor Beschriebene anführt, nämlich, dass bestimmte Emotionen in uns spezifische Reaktionen hervorrufen. Ähnlich wie der Pawlow`sche Hund, der bei jedem Klingelton eine konditionierte Reaktion in Form eines erhöhten Speichelflusses zeigte, so trägt auch der Mensch automatisierte Handlungsimpulse in sich, die bei bestimmten Emotionen zutage treten.

In der dreiteiligen Blog-Serie „Der Code der Emotion“ stelle ich euch die sieben Basisemotionen Angst und Überraschung, Trauer und Freude sowie Ärger, Ekel und Verachtung sowie ihre jeweiligen Reaktionsspezifika vor. Hierbei gehe ich vertiefend auf nachfolgende Aspekte ein, um die Basisemotionen für euch zu entschlüsseln: (1) Charakteristika der Basisemotion, (2) Mimik, (3) spezifische Reaktion, (4) zugehörige Gefühlsbeschreibung. Emotionale Intelligenz kommt nicht von allein und es ist nicht so, dass es manche „haben“ und andere nicht. Man kann es lernen, üben und besser darin werden, sich selbst besser zu erfahren und sich in andere Menschen einzufühlen. Und dabei kann es nicht schaden, überhaupt erst mal zu wissen, wie die Karosserie einer Emotion aussieht. Statt sich sofort dem Innenleben zu widmen, möchte ich euch einladen, den Basaltext der Basisemotionen kennenzulernen.

Der heutige Blog setzt sich mit den beiden Basisemotionen Angst und Überraschung auseinander, zwei Basisemotionen, die oftmals miteinander verwechselt werden. Nicht selten treten sie in Kombination auf bzw. folgen aufeinander (Angst folgt auf Überraschung).

Angst

Charakteristika der Basisemotion
Über keine andere Basisemotion existieren so viele Studien, wie über die Angst. Droht ein physischer oder psychischer Schaden (Unheil naht), dann charakterisiert dies einen typischen Auslöser für Angst. Neueste wissenschaftliche Untersuchungen stufen Angst in drei Varianten ab: unmittelbar (Angst, Furcht), akut (Panik) oder absehbar (Ängstlichkeit, Besorgnis oder Sorge). Beängstigende Erfahrungen werden von Ekman in drei Parameter unterteilt: (1) Wie schwer ist der Schaden, der droht (Intensität), (2) droht eine Gefahr unmittelbar oder erst später, aber absehbar (Zeitpunkt), (3) kann man etwas dagegen tun, um die Gefahr zu mindern oder zu eliminieren (Interventionsmöglichkeit) (vgl. Ekman, 2010, S. 218f).

Foto: Bettina Volke
Basisemtion Angst
Foto: Bettina Volke

Mimik
Das Foto zeigt, wie sich Angst im Gesicht spiegeln kann. Die Augenbrauen sind nach oben und zusammengezogen, dadurch schlängeln sie sich. Das ist typisch für die Augenbrauenstellung bei Angst. Die Stirnfaltenbildung ist vor allem im Zentrum angesiedelt. Das obere Augenlid ist stark angehoben. Dies ist ein zuverlässiges Zeichen für Angst. Das Weiß im Augapfel (Sklera) ist über der Iris deutlich erkennbar. Auch ohne die Beteiligung des oberen Augenlids, wäre dieser Ausdruck so zu interpretieren. Ein angespanntes unteres Augenlid gehört ebenso zu einem Signal dafür, dass die Emotion Angst auftritt. Der Mund ist geöffnet und die Lippen sind gespannt und nach außen gezogen. Gut zu erkennen ist dies, wenn das Angstgefühl sehr stark ist (z.B. Panik). Dann spannen sich die Muskeln seitlich am Hals (Platysma) an. Diesen Ausdruck sieht man häufig bei Menschen, die Achterbahn fahren und am Scheitelpunkt den Weg nach unten vor sich haben oder wenn Menschen im Flugzeug plötzlich von einem Luftloch heimgesucht werden (ich spreche aus Erfahrung).

Spezifische Reaktion
Angst lässt das Blut verstärkt in die große Skelettmuskulatur (Beine). Die erhöhte Blutversorgung erleichtert die Flucht der angsterfüllten Person. Gleichzeitig wird das Gesicht bleich (Volksmund: das Blut gefriert in den Adern), weil das Blut die Überversorgung in den Beinen gewährleisten muss. Eine weitere spezifische Reaktion bei der Emotion Angst zeigt sich durch eine kurzes Erstarren des Körpers. Man vermutet, dass der Körper sich diesen kurzen Moment des Innehaltens nimmt, um abzuwägen, ob statt Flucht auch die Option Verstecken oder gar Kämpfen (fight or flight) denkbar ist. Ein Hormonschub bringt den gesamten Körper in eine Art Alarmzustand, um ihn einerseits handlungsbereit zu machen, zu aktivieren und gleichzeitig seinen Fokus zu erweitern und auf die vermutete Bedrohung (deshalb die weit aufgerissenen Augen) zu richten.

Zugehörige Gefühlsbeschreibung
Panisch, erschrecken, verängstigt, beklommen, besorgt, beunruhigt, etc.

Überraschung

Charakteristika der Basisemotion
Die Emotion mit der kürzesten Halbwertzeit (max. wenige Sekunden) ist die Überraschung. Dieses Merkmal zeichnet die Überraschung im Besonderen aus: „eine feste begrenzte Dauer“ (Ekman, 2010, S. 209). Sobald wir (nach der ersten Überraschung) dahintergekommen sind, was gerade passiert ist, ist das Gefühl auch schon nahezu verflogen und mündet in ein anderes Gefühl (z.B. Angst, Erleichterung, Ekel). Die Emotionsforschung ist sich nicht einig, ob Überraschung tatsächlich eine Emotion ist. Die Zweifler argumentieren, dass sie weder ein angenehmes noch ein unangenehmes Gefühl vermittelt und eben dieses Merkmal müsse gegeben sein, um das Prädikat „Emotion“ verdient zu haben. Ich teile allerdings diesbezüglich mehr die Meinung von Ekman, der Überraschung als Emotion anerkennt, weil sich Überraschung in erster Linie wie ein Gefühl anfühlt. Und in diesem Moment ist dieses Gefühl auch irgendwie gut oder eben anders.

Basisemotion Überraschung Foto: Bettina Volke
Basisemotion Überraschung
Foto: Bettina Volke

Das Foto zeigt das Mienenspiel bei der Emotion Überraschung: Die Augenbrauen sind nach oben gezogen (Rundbogen). Die Falten entstehen nicht hauptsächlich im Zentrum (Angst), sondern auf der gesamten Stirn. Das obere Augenlid ist angehoben (die Sklera ist über der Iris nicht sichtbar). Das untere Augenlid bleibt bei Überraschung entspannt, der Mund ist zwar geöffnet, aber es ist keine Spannung in den Lippen zu erkennen.

Spezifische Reaktion
Das Heben der Augenbrauen hat selbstverständlich einen besonderen Nutzen. Es erlaubt dem Überraschten sein Blickfeld zu erweitern, um mehr Informationen von dem für ihn undurchsichtigen (überraschenden) Moment aufnehmen zu können und auf diese Weise, mehr Licht ins Dunkel bzw. für seine Netzhaut zu erzeugen.

Zugehörige Gefühlsbeschreibung
überrascht, verblüfft, erstaunt, verwundert, etc.

Mimics-to-go – der Code der Emotion zum Selbermachen

Zum Schluss möchte ich euch zwei Handlungsaufgaben empfehlen, die die Antennen eurer Emotionalen Intelligenz stärken werden:

  • Selbsterfahrung: Imitiert die beiden Gesichtsausdrücke. Hierbei ist einerseits ein Spiegel hilfreich, zum zweiten ist es gut, wenn ihr euch auch emotional in die jeweilige Emotion (Angst, Überraschung) einfühlen könnt. Hier hilft es, sich eine Situation ins Gedächtnis zu rufen, die ihr erlebt habt und die eine der beiden Emotionen (oder beide) nach sich gezogen hat. Das Muskelspiel ist das eine. Effektiv wird diese Imitationsübung dann, wenn beim „Mimikmachen“ in euch hineinspürt: Was empfinde ich im Magen, in meinen Händen, Beinen? Achtet auf euren Atem oder spürt, ob sich in eurem Gesicht etwas verändert (wärmer, kälter).
  • Beobachtung: Achtet verstärkt auf eure Beobachtungsgabe und nehmt euch zweimal am Tag bewusst fünf Minuten (egal wo) und beobachtet eure Umwelt. Erkennt ihr eine der beiden Basisemotionen. Wie deutet ihr die Intensität? Wieso kam die Emotion zustande? Wie geht es der Person danach? Lasst eurer Interpretation dabei freien Lauf.

Und beim nächsten Mal: Der Code der Emotion – Teil 2: Trauer und Freude

Literatur
Ekman, P. (2010). Gefühle lesen. Wie Sie Emotionen erkennen und richtig interpretieren. Spektrum
Goleman, D. (2011). Emotionale Intelligenz. dtv