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Von einer vertanen Chance, einem Tor, das keines war und dem Gefühl, dass ein bisschen agil sein schon richtig viel ist

Mit der Entscheidung der Sportgerichtsbarkeit des Deutschen Fussballbundes vom 28. Oktober 2013 ist es  amtlich. Das Phantom-Tor von Stürmer Stefan Kießling (Bayer 04 Leverkusen) bleibt ein reguläres Tor. Damit steht ebenso fest, dass das Spiel, das durch ein Tor entschieden wurde, das eigentlich keines war, nicht wiederholt wird. Der Richterentscheid wurde damit begründet, dass die vom leitenden Schiedsrichter des Ligaspiels 1899 Hoffenheim gegen Bayer 04 Leverkusen getroffene Entscheidung als Tatsachenentscheidung zu verstehen und somit nicht reversibel ist. Verrückte Welt!

Eine kurze Zusammenfassung für all diejenigen, die mit Fußball nicht so viel zu tun haben. Da spielen zwei Mannschaften der höchsten deutschen Spielklasse gegeneinander. Es geht also um was und da schauen richtig viele Leute zu – vielleicht nicht so viele, wie bei einem Aufeinandertreffen des Klassenprimus Bayern München und dem schwarz-gelben Kronprinzen (für Nichtkenner Borussia Dortmund), aber es ist ein wichtiges Spiel für beide Vereine. Standardsituation, Eckball, Kopfball, Tor, nein, kein Tor. Der Stürmer wendet sich enttäuscht ab, hält die Hände vor sein Gesicht: knapp vorbei. Einige seiner Mitspieler reißen trotzdem die Arme hoch. Torjubel!? Tor, Tor, Tor! Auch der Stürmer registriert es irritiert. Er schaut sich fragend um und tut es seinen Mannschaftskollegen gleich. Spiegelneuronen? Gruppenzwang? Er jubelt, klatscht ab, lässt sich feiern. Zehn Tage später wird er vor dem Sportgericht behaupten, dass er dachte, der gegnerische Torwart hätte den Ball selbst ins Netz gelenkt. Die Sicht sei ihm versperrt gewesen und plötzlich war der Ball im Tor. Zurück zum Spiel. Nach einer kurzen Diskussion mit dem Schiedsrichter, halbherzigen Protesten des Gegners und einer wirkungslosen Beweisaufnahme am Tatort „Tornetz mit viel zu großem Loch“ beendet der Mann in Schwarz das Chaos und entscheidet auf Tor. Verrückte Welt!

Was hat dieses spektakuläre Ereignis mit Agilität (lat. agilis: flink; beweglich) zu tun?

Über die Zeitspanne von zehn Tagen, die vergehen musste, um eine rechtskräftige Entscheidung zu treffen (Spielwiederholung ja oder nein) lässt sich nicht streiten. Zeit ist relativ. Ich kenne mich auch zu wenig aus, um ein Urteil darüber zu fällen, inwieweit die Entscheidungsfindung schnell oder langsam war. Ich denke aber auch, dass das den Braten nicht fett macht.
Worüber ich mich gern äußere, ist das Verhalten der direkt beteiligten Protagonisten. Stefan Kießling – ein mutloser Stürmer ohne Format und Ausstrahlung. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ihm der Nationaltrainer trotz herausragender Leistungen in der Liga (Torschützenkönig) nie eine echte Chance im Nationaldress gegeben hat. Er hatte nach dem Phantom-Tor ausreichend Gelegenheit, etwas Besonderes zu leisten und sich ein Denkmal zu setzen, vor allem aber etwas für bzw. gegen sein Prinz-Valium-Image zu tun. Er hätte sich sporthistorisch ein Denkmal setzen können. Er hätte einfach nur agil sein müssen. Ein kurzes klärendes Gespräch mit dem Schiedsrichter und in zwei Sätzen wäre herausgekommen, dass es kein Tor war. Er vergab damit die glasklare Chance, ein Held zu werden – ein Elfmeter ohne Torwart. Leider trat er nicht mal dazu an. Dafür hätte er allerdings anders, als andere sein müssen. Er hätte die Moral und den Wert der Fairness über den eigenen Erfolg stellen müssen. Dazu kam es jedoch nicht, weil ihm der Mut fehlte. Aus seiner Sicht „lebt Fußball durch Fehlentscheidungen“. Für seine Kritiker ist sein Verhalten ein gefundenes Fressen und nachhaltige Bestätigung zugleich: Stefan Kießling – gewöhnlich, einer unter vielen und nicht mehr.

Hans E. Lorenz – ehrenamtlicher Richter am Sportgericht des DFB, Spaßvogel, Familienvater, Realist. Sein Richterspruch ist nachvollziehbar, typisch deutsch, keine echte Überraschung und trotzdem ist er irgendwie schräg. Lorenz folgte mit seiner Entscheidung den Statuten der übergeordneten Instanz des Deutschen Fußballbundes, der FIFA. Diese ist von jeher Verfechter der Tatsachenentscheidung: „Die Entscheidungen des Schiedsrichters zu spielrelevanten Tatsachen sind endgültig. Dazu gehören auch das Ergebnis des Spiels sowie die Entscheidung auf ‚Tor‘ oder ‚kein Tor‘.“ Ein Richter hat die Aufgabe, sich ein ganzheitliches Bild zu machen, um auf dieser Grundlage ein objektives Urteil zu fällen. Inwieweit war aber Objektivität überhaupt möglich, wenn man bedenkt, dass eine Weltmeisterschaft im nächsten Jahr ansteht und der Deutsche Fußballbund ganz sicher keinen unnötigen Staub aufwirbeln möchte. Schließlich braucht es gerade alles, aber keinen Zwist mit dem „Mutterschiff“ – bloß nicht auffallen, bloß nicht anecken.

Bemerkenswert finde ich die Äußerungen, die der für seine flotten Sprüche bekannte Richter über seine eigene Entscheidung traf. So leitete er seinen finalen Richterspruch damit ein, dass er sich insbesondere zu Hause bei seiner Familie damit wahrscheinlich keine Freunde machen werde und er mit heftigen Beschimpfungen rechnet. Grenzwertig, aber schlagfertig ist hingegen seine Spitze, die er Stefan Kießling mitgibt, als er ihn zu Beginn der Verhandlung sinngemäß mit den Worten begrüßt: „Herr Kießling, jetzt haben Sie endlich mal eine Einladung vom DFB bekommen.“ Eigentlich schade, dass selbst ein so intelligenter, wortgewandter und authentischer Mann des Gesetzes am Ende des Tages auch nur mit Wasser kocht, von „höheren“ Interessen geleitet agiert und den Weg des (offensichtlich) geringsten Widerstands beschreitet. Daran ändert auch nicht die beteuernde Versicherung, dass das Sportgericht unabhängig sei und man ganz bestimmt keine Entscheidungen fälle, nur damit diese dem DFB oder gar der FIFA in den Kram passen. Natürlich nicht.

Es gab nicht mal Platz für einen Kompromiss. Selbst Rudi Völler, Fußballgott, ehemaliger Bundestrainer und jetzt Sportdirektor bei der Werkself in Leverkusen konnte mit der Idee, lediglich die letzten 27 Minuten (das Phantomtor fiel in der 63. Minute) noch mal zu wiederholen nicht landen. Das wäre auch zu einfach und möglicherweise auch progressiv, innovativ und agil gewesen. Nein, so etwas braucht es nun wirklich nicht.

Im Denken und Handeln beweglich zu sein, ist eine Kunst für sich und hat Seltenheitswert.

Man steht sich lieber selber am nächsten, als ein Zeichen zu setzen und einen echten, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, der zur Nachahmung einlädt. Agil sein fängt bei mir selbst an und nicht bei anderen. Um Veränderungen zu erwirken, muss ich als Vorbild voraus gehen und etwas wagen, anders sein und darauf gefasst sein, dass mein Tun, nicht in das gewöhnliche Muster passt. Die Voraussetzung ist Mut. Agile Menschen sind mutig, indem sie sich selber treu bleiben und Regeln zwar respektieren, sich von ihnen aber nicht ihre Überzeugungen, die sie zu etwas Einmaligem machen, nehmen oder verbieten lassen. Agil sein ist eine Lebenseinstellung und sie lässt sich übertragen. Man kann andere Menschen damit anstecken, inspirieren und mitreißen. Womit fängt man an? Mit etwas Kleinem, etwas Spürbarem, etwas Wirkungsvollem, mit etwas, das einen selbst und andere bewegt, in Bewegung bringt und somit beweglicher (agiler) macht. Woran merke ich, dass ich agil bin? Schau nach anderen Menschen und beobachte, ob sie dich wahrnehmen, neugierig sind, nachahmen oder anstrahlen. Ich denke aber, dass du es selber am besten merken wirst, wenn du agil bist. Versprochen.