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10 Jahre ScrumMaster – Rückschau und Ausblick

Am 6.10.2003 waren wir in Edinburgh. In einem Raum der University of Edinburgh, Ken Schwaber stand zwei Tage in der Mitte des Raums, wie immer nur in Socken, und erzählte Geschichten und von seinen Überzeugungen.

Er hat mich sowie Rachel David, Hubert Smith, Jens Östergaard, Clarke Ching, Karl Scotland und viele viele andere angesteckt, angesteckt mit einem Virus mit dem Namen Scrum. Wir alle können heute über Scrum, Kanban und andere agile Methoden reden, weil Ken sich monatelang um die Welt bewegt hat und diese Trainings, oder sagen wir diese Vorträge gegeben hat. Im ersten Jahr gab es gerade mal ca. 600 Certified ScrumMaster. Wenn in jeder Klasse, wie bei uns damals, 5 bis 10 Menschen saßen, die wie ich agile Scrum-Enthusiasten geworden sind, dann war das wohl das erfolgreichste Veränderungsunterfangen, das es je gegeben hat, oder?

Heute gibt es nicht nur hunderttausende Menschen, die in diesem Kurs gesessen haben, es gibt eine Scrum Alliance, eine Scrum.org, es gibt mittlerweile akkreditierte Kanban Trainer, eine Community um diese Trainer herum, es gibt mehr als 500 Bücher über Scrum und Kanban, und bestimmt mehr als 1000 Trainings pro Jahr zu Agilität – wenn ich TDD, Agile Architektur und all die anderen agilen Trainings dazu zähle. Es gibt etliche Konferenzen um Scrum und Agilität herum. Die Lean Agile Scrum LAS, die Scrum Gatherings, die AgileMed, die Agile2014, die Agileee 2014 und noch bestimmt hundert andere Konferenzen, Tuesdays und vieles mehr. Und wir als Community dürfen auch die vielen kleinen und großen Firmen nicht vergessen, die heute rund um den Support von Scrum und Kanban existieren, z.B. Toughtworks, bigVisible, borisgloger, Agile42, it-Agile, DasScrumTeam, und die vielen großen und kleinen Firmen, die Software für Scrum – und Kanban-Teams schreiben: zB. VersionOne, Ralley, Targetprocess, Attlassian. Sie alle gibt es, weil es Ken im Jahr 2003 gelungen ist, knapp 700 Menschen mit Scrum zu infizieren. Einige dutzend oder vielleicht sogar einige hundert dieser ersten Scrum-Trainings-Welle sind zu agilen Evangelisten geworden.

Wie waren bei mir diese nun zurückliegenden 10 Jahre? Dieses Training, diese zwei Tage in Edinburgh, haben mein Leben komplett verändert. Sicher, ich bin nach Edinburgh und vorher zur Agile Development Conference in Salt Lake City gefahren, weil ich selbst schon ein Jahr versucht hatte zu verstehen, was Scrum ist. Aber der Entschluss, vollkommen auf Scrum zu setzen, der war in mir erst während dieser zwei Tage gereift.

Ich habe auf dem Trip um den Globus viele Menschen getroffen und ihnen von meiner Begeisterung erzählt und dabei viele viele tausend Diskussionen über Scrum geführt. Ich habe das ScrumCooking erfunden, eine eigene Trainerausbildung angezettelt, die Scrum Supplements gestartet einige Tausend Seiten über Scrum geschrieben und darüber geredet und geredet und geredet.

Dabei bin ich Vielen auf den Schlips getreten, habe mir Freunde und Feinde gemacht. Ich war nicht immer sehr geduldig, weder mit Kunden noch mit Kollegen, Trainingsteilnehmern oder Menschen, mit denen ich gearbeitet habe. Doch aus vielen ehemalige Kollegen, die Scrum einmal für Blödsinn gehalten haben, sind inzwischen Scrum Consultants geworden. Sie wurden vom Virus Scrum infiziert – nur war bei einigen die Inkubationszeit etwas länger. Aber auch diese transformierten sich dann ein paar Jahre später zu Scrum Consultants. Es gibt heute mehr Menschen, die einmal mit mir und für mich gearbeitet haben und noch immer mit Scrum zu tun haben, als es heute Menschen im bor!sgloger Team gibt.

Jetzt werden die ersten Stimmen laut – Scrum ist tot, es lebe Kanban! Es gibt Stimmen, die sagen, Agilität sei tot, wieder eine Methode, die sich tot gelaufen habe. Sollen sie nur – von mir aus. Sie sollen denken, was sie wollen Das Scrum, etc. nicht funktionieren, wurde vor 10 Jahren über Scrum auch gesagt. „Das funktioniert nie! Das ist Blödsinn, das kann nicht gehen!“ Wenn ich darauf gehört hätte, wäre all das obige nicht möglich gewesen. Es sind die Stimmen der Ewiggestrigen, die aber schon lange niemand mehr hören will.

Soll ich Euch sagen, warum es sogar gute Gründe dafür gibt, dass sich das neue Denken durchsetzen wird?

  1. Scrum, Kanban, Agilität sind u.a. Aspekte, die Symptome eines Trends. Eines Trends der letzten Dekade, das ihr als intelligente und emotionale Menschen kreative, verantwortungsvolle und sinnstiftende Arbeitsbedingungen wollt.
  2. Es gibt gleichzeitig einen ungeheuren Hunger der Industrie nach Innovationen. Es sind Fragen zu lösen, von denen wir in der Scrum Community nicht einmal die Antworten kennen. Dafür braucht es vollkommen neue Problemslösungsverfahren.
  3. Obwohl es ein Phänomen der westlichen Mittelklasse – des ehemaligen Bildungsbürgertums – ist: die heute 25 jährigen haben keinen Bock mehr auf Typen, die ihnen erklären, wie die Welt funktioniert. Sie wollen sich nicht mehr bei Industriegiganten zu kleinen Rädchen ausbilden lassen.Gleichzeitig werden diese Menschen und ihre Ideen und ihr Einsatz gebraucht. Doch – dank des Kapitalismus und der Tatsache, dass West-Europa mehr als 60 Jahre keine Kriege in Westeuropa hatten – diese Generation muss gar nicht mehr arbeiten. Die meisten haben genug Geld von zuhause. Sie werden irgendwann einmal das 2. Haus von den Eltern, Großeltern etc. erben. Es ist die Generation der Erben des Wohlstands der jetzt 60 jährigen. Da überlegt man sich gleich zweimal, ob man in die Wissensarbeiter-Tretmühle einsteigt.
  4. Agilität ist zwar noch nur ein Schlagwort einer Branche, nämlich der Software Entwicklung. Doch mal ehrlich: diese Industrie ist heute schon der wichtigste Faktor der Wertschöpfung in allen Bereichen.
  5. Es gibt noch einen Grund. Und dieser wird, bei allem Gerede über das Mindset, am Ende bestimmend sein: Scrum, Kanban und das agile Denken ermöglichen es am Ende günstiger und schneller zu produzieren. Ein klarer Wettbewerbsvorteil.

Wie werden die nächsten 10 Jahre? Nun ja – die großen Fragen sind ja alle gelöst oder?

  • Wir wissen, wie Scrum richtig eingesetzt wird!
  • Wir wissen, wie Scrum skaliert und können mit 3-Personen-Teams als auch mit 300 Personen arbeiten.
  • Wir wissen, wie man Scrum in verteilten Umfeldern macht.
  • Wir haben Ideen und Verfahren entwickelt, die agile Vertragsgestaltung ermöglicht.
  • Es ist auch klar, wie man Rollenkonzepte, Jobprofile und Anreizsysteme machen muss.

(Ich höre schon wieder im Hintergrund, das wäre nicht klar, da müsse noch drüber nachgedacht werden. Irrtum! Es gibt die Antworten tatsächlich – und ja, sie sind für alle gleich.)

Also – was ist noch zu tun? Nur weil wir in der Agile Community die Antworten kennen, heisst das nicht, der Paradigmenwechsel sei vollzogen. Und ich mag nicht noch 20 bis 30 Jahre warten, bis sich eine neue Führungsschicht in Unternehmen herausgebildet hat. Birgit Gebhardt hat vor einer Woche in Wien auf dem Smart Afternoon gesagt, dass der Paradigmenwechsel sich erst durchsetzen wird, wenn die jetzt 25 jährigen einmal in den Führungsetagen der Wirtschaft angekommen sind. Sie hat sicher Recht, wenn sie auf Thomas Kuhn setzt, nachdem ein Paradigmenwechsel immer erst eintritt, wenn die alte Führungselite gestorben ist. Aber das ist der Wissenschaftler. Er beschreibt, er entwirft nicht, arbeitet nicht aktiv an der Umsetzung, doch das könnten wir alle gemeinsam tun.

Wir, die Community der Enthusiasten, die die Kanban, Scrum, TDD, voranbringen wollen, wir, die Community der ScrumMaster, der agilen Coaches, der agilen Manager, der CEOs und CTOs, die schon beste Erfahrungen mit dem neuen Denken gemacht haben, wir können es beschleunigen. Wir müssen jetzt weitermachen, neue Antworten finden, weitermachen und weiterhin in Millionen von Diskussionen andere von diesen Ideen überzeugen. Es ihnen vorleben, neue Wege ausprobieren und hartnäckig verfolgen.

Es wird mühsam. Das System wird zurückschlagen – das tut es immer! Aber am Ende siegt immer die bessere Idee.

  • markus wissekal

    Ich denke, dass wir in den letzten 10 Jahren gelernt haben Dinge richtig zu machen, in den nächsten 10 (++) Jahren sollten wir versuchen auch die richtigen Dinge zu machen. Schneller in die falsche Richtung (oder im Kreis) zu Rudern bringt leider auch nicht viel.

    Auch heute noch gibt es zu wenige „empower’te“ ProductOwner, die mit wissenschaftlichen Methoden stärker die Produktinnovation in die richtige Richtung lenken. Ähnlich ist es mit dem Produkt- und Portfoliomanagement in Firmen.

    Viele Ansätze von Lean Startup erscheinen mir hierfür besser geeignet als aktuell benutzte Modelle um verifiziertes Lernen zu betreiben und unseren Kunden (und damit unseren Unternehmen) einen klaren Vorteil zu verschaffen.