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Anatomie eines Problems

Probleme sind ständige Wegbegleiter in unserem Alltag. Haben wir ein Problem (Griechisch: das, was zur Lösung vorgelegt wurde), begeben wir uns schnellstmöglich auf Lösungssuche, um den unbefriedigenden Zustand eines Defizits zu überwinden und wieder in eine Art Gleichgewicht (Homöostase) zu gelangen. Die Bücherlisten sind voll mit Bedienhilfen, die raus aus einem Problem und hin zur Lösung führen sollen – und das ist auch gut so. Dennoch oder gerade deswegen kommt der Blick auf das Problem als solches zu kurz. Natürlich soll man sich nicht zu lange mit einem Problem aufhalten, darin verweilen, sich selbst leid tun und in Problemtrance verfallen. Nichtsdestotrotz ist es gerade aus systemischer Sicht wichtig, den Blick auf das Problem zu schärfen und es von allen Seiten zu betrachten. Ja, ihr habt richtig gelesen. Ein Problem hat nicht nur eine Seite. Wer sein Problem umfassend kennengelernt hat und weiß, was es auszeichnet, der wird sich leichter damit tun, Lösungswege zu ergründen. Ähnlich einer Fussballmannschaft, in der es unterschiedliche Spieler und Positionen gibt, die ihre jeweilige Verantwortung haben und auf diese Weise zu einem Ganzen beitragen, so hat auch ein Problem eine Anatomie und somit Elemente, die ihren Anteil am Problem haben. Elemente, die es zu dem machen, was es ist: ein Teil der Lösung.

Die 6 Seiten der Lösung

Jedes Problem hat sechs Elemente: das Ist, das Ziel, das Hindernis, die (ungenutzte) Ressource, den Sekundärgewinn und die Aufgabe dahinter.

  1. Das Ist oder der Ist-Zustand eines Problems ist das, was das Problem ist. Dies beinhaltet die Geschichte, wie es mal war oder entstanden ist und wie es zu dem wurde, was es jetzt ist.
  2. Das zu erreichende Ziel eines Problems trägt die Lösung in sich. Die Offenlegung der Einzelteile eines Problems zielt darauf ab, einen Zustand zu erreichen, der den Problemzustand auf eine wünschenswerte Weise verändert.
  3. Zwischen dem Ist- und dem Zielzustand stehen oftmals Hindernisse, die durch Interventionen überwunden werden müssen. Dazu nutzt man verfügbare Ressourcen, die das Hindernis obsolet machen. Oft kann es passieren, dass man bereits mit unterschiedlichen Interventionen gescheitert ist und bildlich gesprochen noch immer vor dieser hohen Mauer (dem Problem) steht.
  4. Das Sezieren des Problems ermöglicht nun, auch auf  (bislang) ungenutzte Ressourcen zu schauen, also Kräfte, die man bis zu diesem Zeitpunkt zum Überwinden des Hindernissesnicht genutzt hat.
  5. Interessanterweise stellt man gerade in dieser Phase der Problembewältigung fest, dass ein Problem auch einen sogenannten verdeckten Gewinn (Sekundärgewinn) mit sich bringt. Landläufig bezeichnet man diesen als inneren Schweinehund. Der Sekundärgewinn beinhaltet all das, was den Problemträger bis jetzt (möglicherweise unbewusst) daran gehindert hat, sein Ziel zu erreichen. Jedes Problem hat seine guten Seiten, die dazu einladen, das Problem noch eine Weile behalten zu wollen (z.B. ein Kranker bekommt vermehrt Zuwendung und Nähe, es bleibt mehr Zeit für Ruhe).
  6. Ein weiterer Grund, warum wir ein Problem manchmal gerne behalten, verharmlosen oder seine Lösung vertagen, hängt mit der Aufgabe hinter dem Problem zusammen. Ist ein Problem gelöst, eröffnen sich plötzlich neue Perspektiven, die nicht immer nur Rechte, sondern eben auch (ungeliebte) Pflichten und gegebenenfalls neue Probleme mit sich bringen.

Fragen zu meinem Problem

Wie kann ich nun mein Problem in seine sechs Bestandsteile sezieren, um seine Anatomie zu erkennen?
Der folgende Fragenkatalog kann ein solches Skalpell sein, um den Blick auf das Ganze zu bekommen (kursiv jeweils ein Beispiel dazu).

Fragen zum Ist-Zustand

Sag dein Problem in einem Satz
Ist: Ich gebe ungern Feedback.

Fragen zum Ziel

Wie lautet dein Ziel? Was soll besser sein? Woran würdest du merken, dass du dein Ziel erreicht hast? Was wäre dann anders?

Ziel: Ich möchte meinen Kollegen öfter Rückmeldungen zu ihrem Tun geben.

Fragen zum Hindernis

Was hindert dich daran, das Ziel zu erreichen? Was steht dir im Weg?

Hindernis 1: Ich habe Angst vor ihrer Reaktion.
Hindernis 2: Ich bin schüchtern.
Hindernis 3: Ich habe in meinem letzten Job schlechte Erfahrungen gemacht.

Fragen zu den (ungenutzen) Ressourcen

Was hast du bisher ausprobiert? In welchen Situationen war das Problem nicht so groß und was war da anders? Was hast du bisher noch nicht ausprobiert?

Ressource 1: Ich bin kommunikativ.
Ressource 2: Ich bin ehrlich und glaubhaft.

Fragen zum Sekundärgewinn

Warum hast du es bisher noch nicht gemacht? Was ist gut an deinem Problem? Warum solltest du das Problem unbedingt behalten?

Sekundärgewinn: Es läuft auch so. Ich mus nicht alles wissen. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.

Fragen zur Aufgabe dahinter

Welche Aufgaben lauern auf dich, wenn du das Problem gelöst hast? Wozu verpflichtest du dich, wenn das Problem nicht mehr da ist? Was kommt nach dem Problem?

Aufgabe dahinter: Ich bekomme ebenfalls Feedback.

Und jetzt liegt es an euch. Schnappt euch euer Impediment Backlog und nutzt die hilfreichen Fragen, um euch auf andere Art und Weise euren Problemen zu stellen.

„Probleme sind Herausforderungen, die Mut geben, Fehler zu machen und mit den eigenen Ansichten zu spielen, zu experimentieren. Und (…) diese Offenheit – bei allem Wissen, das gleichsam nebenbei vermittelt wird, steckt an, selber zu denken, sich selber von den Ketten der Last der Probleme zu befreien – da liegt der Hase im Pfeffer, doch sind gut zubereitete Pfefferhasen auch eine Delikatesse.“ (Gruntz-Stoll, 1994, S. 6).

In diesem Sinne wünsche ich guten Appetit.

Literatur
Gruntz-Stoll, J. (1994). Probleme mit Problemen. Ein Lei(d)tfadenzur Theorie und Praxis des Problemlösens. borgmann