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Whatever people say I am – that’s what I’m not

Menschen positiv zu ent-täuschen – gibt es ein schöneres Gefühl? Unzählige Studien wollen uns weismachen, dass wir unser Urteil über andere Menschen in wenigen Sekunden bilden. Hier der Schöngeist, dort der Kämpfer, drüben der Diplomat. Über die Monate und Jahre schleifen sich diese Bilder ein – und am Ende glauben wir selber daran. Das Ergebnis: Unser Selbstbild setzt sich zunehmend aus Negativität zusammen. Wir sind das, was wir nicht sind.

Ich habe einen Bekannten, der im Umgang mit Gruppen eine Energie an den Tag legt, die ich gerne hätte. Er wittert jede Spannungslage und macht sie sofort zum Chefthema. Er bleibt so lange dran, bohrt mit Fragen und Argumenten so lange nach, bis alle der Sache auf den Grund gekommen sind und der Weg für eine Lösung freigeschaufelt ist.  Für ihn ist diese Stärke aber zugleich seine Schwäche: Er klagt über geringe Schriftbegabung und reagiert auf die dokumentarischen Anforderungen, die sein Job mit sich bringt, mit Überforderungssymptomen. Mir ist es bisweilen genau umgekehrt gegangen: Ich habe keine Schwierigkeiten beim treffsicheren Formulieren und das Schreiben hat mir schon immer Spaß gemacht. Zum Teil ist das simple Konditionierung gewesen: An der Hochschule waren eben genau diese Fähigkeiten Faktoren, die mich erfolgreich gemacht haben.

Als ich vor zweieinhalb Jahren bei bor!sgloger anfing, hing mein Erfolg von einem Tag auf den anderen von Fähigkeiten ab, die ich mir selber vorher gar nicht zugetraut hätte. Die Veränderungen, die ich in dieser Zeit durchgemacht habe, sind weder selbstverständlich gewesen oder irgendwie von selber passiert. Es war ein langsames Herantasten und Rückversichern, geprägt von vielen, teils widersprüchlichen Gefühlslagen.
Umso großartiger war das nach einiger Zeit einsetzende Gefühl, dass ich die für diesen knallharten Job erforderlichen Ressourcen tatsächlich besitze. Mit dieser Erkenntnis in der Tasche kann ich mein Selbstbild um Facetten ergänzen, die jedes Schubladendenken in Grund und Boden widerlegen.

Eine Übung zum Schluss: Erica Ariel Fox von der Harvard Law School nutzt das Bild des inneren Teams, um vier große Rollen zu beschreiben, die in jedem von uns wirksam sind:

  • Der Chief Executive Officer – unserer innerer Träumer (Intuition, Vision, Innovation)
  • Der Chief Financial Officer – unserer innerer Denker (Vernunft, Analyse, Urteilskraft)
  • Der Vizepräsident von Human Ressources – unserer innerer Liebender (Emotion, Beziehungen, Kommunikation)
  • Der Chief Operating Officer – unserer innerer Krieger (Willenskraft, Handlungsdrang, Standhaftigkeit)

Anstatt zwischen dieser vier Rollen auszuwählen, geht es vielmehr darum, ihre Phänomenologie in uns zu durchleuchten. Dazu schlägt die Autorin folgende Fragen vor:

  • Wie wirken die vier Rollen heute in mir?
  • Wie kann ich es schaffen, mehr aus ihnen herauszuholen – ihre Weisheit und ihre Fähigkeiten zu nutzen?
  • Wie bekomme ich die beste Balance zwischen ihnen hin – als wären es vier Manager, die ein Team bilden?

Literatur
Erica Ariel Fox. The Most Important Negotiation in Your Life. HBR Blog Network:
Friedemann Schulz von Thun 1998: Miteinander reden 3 – Das ‚innere Team‘ und situationsgerechte Kommunikation. Rowohlt, Reinbek.