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Scrum Logbuch-Eintrag: Wenn sich Scrum und Change die Hand reichen

Mein lieber Freund, die letzen zwei Wochen hatten es in sich! Zunächst eine sehr lange Reise vom sonnigen Graz ins regnerische Oldenburg, dann eine etwas kürzere Reise nach Baden-Baden, gefolgt von einer viel kürzeren Reise zurück nach Wien. Aber dann! Dann wieder eine gefühlte Weltreise ans Ziel: back to Graz.

Da sitze ich nun hier und mache eine kurze Retro über meine Erlebnisse als Coach, ScrumMaster und Kollegin. Ich sage dir, liebes Logbuch, ich habe viel gesehen und noch mehr erlebt.

Aber: heute werde ich „nur“ einen Eintrag über ein Thema schreiben, das mich in den letzen zwei Wochen wiederholt begleitet hat: Change!

Geschafft! Die Entscheidung ist getroffen: Scrum wird weiter und breiter eingeführt, erste Teams sind gebildet, Product Owner und Development Team wissen was zu tun ist, erste Sprints sind bereits im Laufen begriffen. Alles prima also! Zumindest fast.

Denn nun erfährt das Team, dass alles anders wird: alles wird transparenter (auch ihre eigene Tätigkeit), viele Veränderungen stehen an und noch das Wichtigste: die Entscheidungen liegen direkt bei ihnen. „Juhuuuu!“, würde sich manch einer denken. Aber falsch – ich wurde eines Besseren belehrt. Angst, Widerstände, Aggressionen und Konflikte begegneten mir auf dem Weg.

Veränderungsprozesse versetzen Menschen in Ausnahmezustand. Warum? Weil unsere menschliche Natur nun mal so ist: entwicklungsgeschichtlich und evolutionsbedingt reagieren Menschen auf Veränderungen erst einmal defensiv und abwehrend. Jede noch so geringe Veränderung verursacht „archaische“ Notfallprogramme in uns: Kampf, Erstarrung oder Flucht. Dies bedeutet, dass die Situation zunächst auf ihre Bedrohlichkeit überprüft wird. Für unsere Vorfahren (die in Höhlen lebten) hatte diese Überprüfung die höchste Priorität, da dadurch ihr eigenes Überleben gesichert werden konnte. War es damals der Säbelzahntiger, von dem sich unsere Vorfahren schützen mussten, sind es heute weniger die wilden Tiere als die Veränderungen im sozialen und beruflichen Umfeld, von denen wir uns zu schützen versuchen.

Globalisierung, permanente Veränderungen in Unternehmen und auf Märkten, erhöhter Stresslevel, Rollenambiguitäten, Druck o.ä. sind die wilden Tiere des 21. Jahrhunderts. Die Folge: emotionale Spannungszustände! Experten sind sich mittlerweile einig, dass es neben den organisationalen Veränderungsprozessen noch einen weiteren Prozess geben muss, der die Emotionen der am Change Prozess beteiligten Personen berücksichtigt und den Umgang mit ihnen trainiert.

Wie das?!

Nun ja, nach Streich (1997) durchlaufen wir, bewusst oder unbewusst, verschiedene Reaktionsphasen im Change Prozess.

Phase 1: Schock

Hier trifft die Erwartung auf die Realität, d. h. Scrum macht alles anders! Neeeein, nicht möglich! Angst breitet sich aus und man ist sich der eigenen persönlichen Kompetenz nicht mehr sicher. Dieser Schock muss zunächst emotional und kognitiv verarbeitet werden. In dieser Phase erfahren wir große Unsicherheit und Dauerblockade.

Phase 2: Verneinung/Abwehr/Widerstand

Die Folgen der Veränderung sind für Teams und Unternehmen nicht abschätzbar, nicht greifbar. Die Kontrolle entzieht sich jedem Beteiligten, was noch mehr Angst, Widerstand und Reaktionen zum Selbstschutz auslöst. Dieser Prozess wird auch „Trauer- und Ablöseprozess“ genannt.

Phase 3: Einsicht/Neugier

Wir Menschen sind „Gewohnheitstiere“, d. h. nach einer bestimmten Zeit gewöhnen wir uns an Veränderungen und erkennen den SINN dahinter. Alte Gewohnheiten weichen plötzlich den Neuen.

Phase 4: Akzeptanz

Wenn der SINN verstanden und die Notwendigkeit der Veränderung erkannt wurde, lassen wir alte Verhaltens- und Verfahrensmuster los und akzeptieren den neuen Zustand.

Phase 5: Ausprobieren

Erste konkrete Maßnahmen werden ausprobiert, Fehler und Erfolge reihen sich aneinander. Hier sind wir nun mitten im Scrum angelangt. Denn Scrum ist der „Weg des Versuchens, des Scheiterns, des Wiederaufstehens und des Erfolgreichseins“, schreibt Boris Gloger in seinem Buch über Scrum. Und Recht hat er – so recht!

Phase 6: Erkenntnis

Aus Erfolgen und Misserfolgen wird gelernt. Je mehr positive Erfahrungen gemacht werden, desto größer ist das Verständnis gegenüber Veränderungen. Hier erreicht das Sprichwort „Nichts ist in Stein gemeißelt“ eine neue Dimension: Lass dich vom Scrum-Regelwerk inspirieren, kreiere aber mittels gesundem Menschenverstand deinen eigenen Arbeitsprozess.

Phase 7: Integration/Akzeptanz

Scrum ist akzeptiert, eingeführt, wird gelebt und ist somit im Handlungsrepertoire integriert.

Zu bedenken ist aber, dass es nicht nur Change-Verweigerer gibt, sondern auch Menschen, die der Veränderung sehr positiv gegenüberstehen. Emotionale Spannungszustände haben u. a. auch etwas mit Stressreaktionen im Körper zu tun. Da es aber nicht nur den negativen Stress, Disstress, sondern auch den positiven Stress, Eu-Stress, gibt, der uns zu Höchstleistungen antreibt, erleben diese Menschen andere körperliche Reaktionen auf der kognitiven, emotionalen und vegetativ-hormonellen Ebene als diejenigen, die eher in die Disstress-Zone geraten. Somit kann ein Change Prozess auch sehr anregend und motivierend sein!

So, jetzt wissen wir es!

Und ich habe es auch erfahren. In Teams und Unternehmen, mit denen ich in den letzten zwei Wochen zu tun hatte; bei Product Ownern, Managern und Kollegen, denen ich auf meinem Weg begegnete. Und stell dir vor: Jeder von ihnen hat sich dabei in einer anderen Phase befunden.

Die Erkenntnis ist heftig, nicht wahr!!?

Eine gute Nachricht gibt es dabei: Wenn wir nun um die Phasen und unsere Überlebensreaktionen wissen und verstehen, was der Mix daraus in uns anstellt, dann sind wir auf dem besten Weg, die Menschen im Change Prozess (so wie Scrum einer ist) konstruktiv, effektiv und effizient zu begleiten.

P.s.

Liebes Logbuch und alle, die es lesen werden: Glaubt mir, die Erkenntnis war wirklich heftig, aber auch sehr hilfreich im Umgang mit meinem eigenen Change Prozess – als ScrumMaster, als „nicht-disziplinarische Führung“ sowie bei der Erkenntnis, warum wir einen zweiten Prozess brauchen: den der emotionalen Steuerung.