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Hundert Makaken können nicht irren

Mein Kollege David hat in seinem Blogbeitrag „Von heiligen Herrschaften, Makaken und Erfolgsfaktoren einer Transition“ über die Makaken-Analogie geschrieben und führt diesen Vergleich mit dem Tierreich als bildhaftes Beispiel  für nicht funktionierende Hierarchien heran.

Ich bin da ganz anderer Meinung. In meinen Augen zeigt sich hier, wie und warum gute Hierarchien funktionieren. Und es lässt sich daraus ableiten, warum in den meisten Firmen Hierarchien nicht funktionieren und kontraproduktiv sind. Zur Erinnerung: Als Beispiel, wie Hierarchien Innovationen behindern, wird folgende Analogie verwendet:

„Bei einem Experiment wurde die Paviangruppe mit Kartoffeln gefüttert. Der Spieltrieb eines Jungtieres hat zur Folge, dass eine Kartoffel zufällig in ein Wasserbett rollt. Das Tier lernt auf diese Weise, Kartoffeln ohne Sand zu fressen. Von diesem Tag an wäscht dieses Jungtier jede Kartoffel bevor es diese verzehrt. Die gemachten Erfahrungen gibt es euphorisch an die anderen Jungtiere und Geschwister weiter. Ein Jahr nach dem Zufallserlebnis „waschen auch ältere, allerdings ausschließlich der Verwandtschaftsgruppe der Pionierin angehörende Makaken ihre Kartoffeln. Drei Jahre später bringt erstmals ein Makakenweibchen seinem Jungen die neue Technik bei. Zehn Jahre später fressen die ranghöchsten Männchen, darunter der Silberrücken, ihre Kartoffeln nach wie vor voller Sand oder spucken diese mühsam aus.“ (1)

Tierische Hierarchien: Stabilität und Selektionsdruck

Makaken sind große Affen mit kräftigen Zähnen. Warum zetteln die anderen Makaken nicht eine Meuterei an und reißen den „Boss“ in tausend Stücke?

Ganz einfach. Weil Hierarchien Stabilität und Sicherheit geben und dies für alle Mitglieder des Affenvolkes, nicht nur für die „Führungskräfte“. Stress ist einer der größten Faktoren, die die Reproduktionsrate einer Population drastisch senken. Und darum geht es bei allen lebenden Spezies: Erfolg zu haben – hier im Sinne von sich Fortpflanzen und seine Gene möglichst vielfältig zu verteilen. Sind die Grundbedürfnisse nicht bedient, bricht auch bei den Makaken das System zusammen, sprich ein schlechter Chef-Makake führt zu Chaos in seiner Affenbande. Es entsteht Stress untereinander, Kampf um Ressourcen, manchmal sogar tödliche Kämpfe, die Reproduktionsrate kann drastisch sinken – die Affenhorde als Gemeinschaft ist nicht mehr erfolgreich.

Und der Druck auf den Anführer der Herde ist enorm. Es ist ein extrem stressiger Job, ständig gibt es kleinere Streitigkeiten zu schlichten und Anfeindungen der „jungen, wilden“ Makaken-Männchen abzuwehren. Regelmäßig versuchen andere Makaken-Männchen, den Boss zu enttrohnen. Diesen Job macht der Chef-Makake nicht lange. Spätestens nach ein paar Jahren kommt ein jüngerer, kräftiger Makake an die Macht. Vielleicht einer aus der „Kartoffelwäscherdynastie“, weil diese Affenfamilie sich öfter fortpflanzen kann und stärkere Individuen hervorbringt. Somit verteilen diese Affen Gene im stärkeren Maße und sind damit erfolgreicher. Hintergrund für den Erfolg von tierischen Hierarchien ist also der Selektionsdruck: Nur wer als Anführer für alle Affen gut ist, setzt sich durch.

Menschliche Hierarchien: Trügerische Stabilität und selektiver Selektionsdruck

Wie sieht das nun bei Firmenhierarchien aus? Profitieren hier alle Mitarbeiter von der Hierarchie im Sinne von Stabilität und Sicherheit? Gibt es Leistungsdruck bei den Führungskräften und Managern, gut für ihre Mitarbeiter zu sorgen, damit alle gemeinsam erfolgreich sind? Schauen wir mal genauer hin:

Stabilität und Sicherheit gibt es in vielen Hierarchien vordergründig. Das ist aus meiner Erfahrung auch ein Grund, warum es viele Menschen in solchen Systemen aushalten. Doch wie sieht es mit Leistungsdruck bei Managern aus? Wie ist Erfolg definiert und sind wirklich die Innovativsten die Erfolgreichsten?

Genau hier sind unsere menschlichen Hierarchien leider oft anders. In vielen Konzernen, aber nicht nur da, ist Erfolg für Manager anders definiert, nämlich meistens wirtschaftlich. Mitarbeiter werden häufig nur als Ressourcen (Human Ressources) gesehen, um diesen Erfolg zu erreichen. In solchen Hierarchien sorgt kein Anführer in einer Drucksituation gut für seine Mitarbeiter. Es gibt keine Konkurrenz um die eigenen Mitarbeiter. Niemand nimmt einem Manager seine Mitarbeiter weg, wenn er scheitert (ganz im Gegenteil, wenn er in seinem Projekt nicht erfolgreich ist, bekommt er oft noch mehr Mitarbeiter dazu). Vom Erfolg profitieren meistens auch nur einige wenige der Führungsriege, nicht alle. Der Rest ist zufrieden mit Stabilität und Sicherheit. Ganz fatal wird das Ganze, wenn ein Top Manager scheitert, dann bekommt er oft noch eine dicke Belohnung in Form einer Abfindung.

Stellt euch das mal bei den Makaken vor. Alle anderen Affen in der Herde sind halb verhungert und verlaust, weil eine Dürre herrscht und der Obermakake bekommt einen LKW voll Obst als Futter – sie würden ihn wahrscheinlich in Stücke reißen.

Um es klar zu sagen: Ich bin nicht der Meinung, dass Hierarchien generell schlecht sind und alle Manager per se gefeuert gehören. Ganz im Gegenteil. Es kommt drauf an, wie man das Konzept Hierarchie lebt. Bieten solche Strukturen allen Beteiligten in jeder Situation Vorteile, also auch in Krisenzeiten, können Hierarchien gerade in großen Konzernen, in denen sich viele hunderte bis tausende Menschen organisieren müssen, sehr gut funktionieren. Hierarchie bedeutet nicht zwingend Unterdrückung oder Einschränkung der Freiheit. Hierarchien respektieren die Tatsache, dass nicht alle Menschen genau dieselbe Kompetenz zur Entscheidung in verschiedenen Fragestellungen haben, sie sind oft effizient, wenn es um Dinge geht, wie Verteilung von Information oder Vorbereitung von Prozessen, die zu Entscheidungen führen sollen.

Fazit: Die Affenanalogie zeigt nicht, warum Hierarchien nicht funktionieren, sondern zeigt bei genauerer Betrachtung, warum viele unserer menschlichen Hierarchien nicht funktionieren. Nämlich weil dort der Leistungsdruck für die Manager fehlt, für alle gut zu sorgen, nicht nur für sich. Und weil die Ausrichtung auf ein gemeinsames Ziel und den gemeinsamen Erfolg fehlt.

Wenn jeder nur seinen eigenen Vorteil sucht, der Manager den finanziellen Erfolg, der Mitarbeiter Stabilität und finanzielle Sicherheit, kommt in Krisenzeiten das fragile Gefüge schnell ins Wanken.

Ich glaube, wenn Makaken-Anführer wie einige Top Manager denken und handeln würden, wäre die Art schon längst ausgestorben.

Literatur

(1) Wüthrich, H. A., Winter, W. & Philipp A. F. (2001). Die Rückkehr des Hofnarren. Einladung zur Reflexion nicht nur für Manager. Gellius.