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Kommunikation 2.0

Wann hast du zum letzten Mal eine Person gesehen, die in der Öffentlichkeit weinte? Kannst du dich noch daran erinnern? Und, falls ja: Wie hast du dich dabei gefühlt? Hast du überlegt, ob du etwas tun solltest, um der Person zu helfen? Hast du es vielleich sogar getan?

Der Schriftsteller Jonathan Safran Foer fragt sich anlässlich einer solchen Erfahrung, wie die heutigen Kommunikationsformen unser Leben beeinflussen. Seine These: Moderne Kommunikationsmöglichkeiten sind als Ersatz für unmögliche Aktivitäten entstanden. Wenn ich meinen Kollegen nicht sehen konnte, dann rief ich ihn an. Wenn ich nicht anrufen konnte, dann schrieb ich ihm eine E-Mail. Und wenn ich keine E-Mail schreiben konnte, dann schickte ich ihm eine Kurznachricht.

Diese alternativen Kommunikationsmöglichkeiten wurden nicht als Verbesserungen, sondern als abgeschwächter Ersatz eingeführt. Mit der Zeit geschah aber etwas Spannendes: Die Menschen fingen an, die Ersatzkommunikation der unmittelbaren Kommunikation zu bevorzugen. Safran Foer führt das auf den Bequemlichkeitsfaktor zurück: Denn die emotionalen Herausforderungen sinken, wenn unser Gegenüber nicht im gleichen Raum ist. Im Vieraugengespräch sind wir in unserer Ganzheit gefordert: Unsere Stimme, unsere Blicke, unsere Haltung und Körpersprache sind Teil der Botschaft, die wir überbringen.

Hinter einer E-Mail oder einer Textnachricht können wir uns hingegen gut „verstecken“. Und da steht der andere plötzlich vor einem Dreizeiler auf seinem Handy und versucht, die Botschaft hinter der Botschaft zu entschlüsseln. Wir alle wissen: Das kann mächtig schief gehen. Denn Informationen sind selten nur Informationen – dahinter stecken Menschen mit Gefühlen, Motivationen und Absichten. Eine trockene Termineinladung hat mir einmal das komplette Wochenende vermasselt, weil ich nicht einschätzen konnte, was wirklich dahinter steckte. Wäre mir die Botschaft persönlich übertragen worden – ich hätte schon am Gesichtsausdruck und der Stimme meines Gegenübers die Lage einschätzen können.

Wir erleben das gleiche Problem mit geografisch verteilten Teams: Die kommunikative Bandbreite eines Gesprächs von Angesicht zu Angesicht wird durch noch so raffinierte technologische Ersatzlösungen nie erreicht. Allein die physische Nähe –  Raum einnehmen, aufeinander zugehen, den anderen unvermittelt vor Augen zu haben – führt zu einer Präsenz, einer Gravitationskraft (Attraktion), die Menschen in besonderer Weise empfänglich macht. Nicht umsonst blühen unsere stärkste Gefühle – Liebe und Hass – bei der Anwesenheit der geliebten und/oder gehassten Person am stärksten auf.

Ich habe Zugreisen verbracht, in denen mein Ökosystem an Geräten – Telefon, Tablet, PC,Lesegerät – mich dermaßen umnebelt hat, dass ich nicht sagen konnte, wie das Gesicht von meinem Sitznachbarn aussah. Und hätte er geweint – womöglich hätte ich es zum Anlass genommen, mich noch tiefer in meiner Welt zu verbuddeln.

Vermittelte Kommunikationswege sind weder schlecht noch gut. In vielen Situationen brauchen wir sie einfach, und manchmal funktionieren sie wunderbar – eine knappe Mitteilung, das spontane Teilen von Glück oder Trauer, die Erreichbarkeit von Unerreichbaren.

Zugleich haben wir immer die Möglichkeit, unvermittelt, von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren. Immer. Und wenn wir auf das Treffen ein Jahr warten und eine weite Reise dafür in Kauf nehmen müssen: Wir haben die Wahl. Und diese Wahl, sie ist wichtig, denn in der vollen Bandbreite der menschlichen Kommunikation, in der An-Wesenheit des anderen, können wir füreinander da sein:

We live in a world made up more of story than stuff. We are creatures of memory more than reminders, of love more than likes. Being attentive to the needs of others might not be the point of life, but it is the work of life. It can be messy, and painful, and almost impossibly difficult. But it is not something we give. It is what we get in exchange for having to die.

Jonathan Safran Foer: How not to Be Alone. The New York Times Sunday Review, 8. Juni 2013.