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Scheitern und der Umgang damit

Auf dem Weg vom Hotel zur Arbeit sehe ich ihn. Er läuft nicht weit vor mir, zwanzig oder dreißig Meter. Er ist älter, um die fünfzig. Sein Gang schwankt, er läuft leicht gekrümmt. Ich habe es eilig, der Termin fängt in zehn Minuten an. Ich kenne den Mann von der Arbeit. Ich mag ihn. Wenn ich ihn jetzt überhole, dann muss ich zumindest ein paar Worte wechseln. Ich kann nicht einfach an ihm vorbeilaufen. Aber zögerlich darf ich auch nicht sein. Der Termin ist wichtig.

Ich nehme Tempo auf. Die Sonne scheint, am Himmel hängen vereinzelte Wölkchen. Die Luft steht still. Es riecht nach Frühling. Eltern bringen ihre Kinder in die Schule. Eine Frau dreht mit ihrem riesigen Hund eine Runde vor dem Haus.

Jetzt nicht zu schnell laufen. Ich will nicht gehetzt wirken. Lange, feste Schritte. Die Schuhe schlagen fest auf dem Bordstein auf. Ich komme dem Mann gleich näher. Ich komme dem Mann gleich näher. Ich komme dem Mann gleich näher.

Ich lege einen Gang zu. Und überlege, was ich dem Mann sage, welche Worte ich wählen soll, wenn ich ihn erreiche. Etwa: „Du hast ja ein Tempo drauf, ich musste eben in den höchsten Gang schalten!“

Er bewegt sich. Ich bewege mich. Aber wirklich nahe bin ich immer noch nicht. Ich denke mir: „So langsam ist der ja gar nicht unterwegs. Wenn ich ihn erreicht habe, kann ich sogar ein Stück mitlaufen. Den Termin schaffe ich auch so.“

Er erreicht die Straße und überquert sie diagonal. Als ich dort ankomme, ist er schon bei der Fußgängerampel, die gerade auf Grün schaltet. Meine Schritte werden schneller, mir wird warm. Ich muss nach Luft schnappen. Dann springt die Ampel auf Rot und der Mann ist um die Ecke verschwunden. Ich sehe ihn nicht mehr.

Für den Rest des Tages bin ich vorsichtiger unterwegs. Ich versuche, weniger zu unterstellen, weniger zu bewerten. Denn ich habe mich überschätzt, bin an meinen Ansprüchen gescheitert: Auf dem Weg zur Arbeit dachte ich, dass meine Kondition zehnmal reichen müsste, um einen zwanzig Jahre älteren Kollegen zu überholen. Deshalb bin ich die Herausforderung auch so locker angegangen, um dann zu merken: Verdammt, du schaffst es doch nicht.

Wie oft passiert uns so etwas? Wir haben eine klare Soll-Vorstellung: Über uns selber, unsere Familien, unsere Freunde, unsere Arbeitskollegen, unsere Projekte. So möchten wir sein, das möchten wir erreichen, dort sehen wir uns in ein, zwei Jahren. Dummerweise kommt es eher selten genau so, wie wir uns das gedacht haben. Das Leben steckt voller Enttäuschungen. Es gibt diverse Möglichkeiten, damit umzugehen. Aber die schönste ist für mich der Humor.

Ich habe eine ScrumMasterin gekannt, die das große Talent hatte, ihrem Team genau im richtigen Augenblick den Spiegel vor das Gesicht zu halten. In einer völlig verkorksten Situation am Ende eines schlechten Sprints, in der es vor Frust und Aggression nur so qualmte, konnte eine einzige Bemerkung von ihr die gesamte Szenerie entschärfen und gestandene Entwickler zum Grinsen bringen.

Humor ist damit auch eine Form der Selbsterkenntnis: Ja, ich bin mit meinen Plänen gescheitert. Ja, ich habe mein Ziel nicht erreicht. Und trotzdem kann ich mich darüber erheben, Distanz dazu gewinnen, es mit einem Lächeln kleinschrumpfen, und damit meine Energie zum Aufstehen und Weitermachen frei schaufeln. Diese Fähigkeit – sie ist Gold wert.

[quote author = „Oscar Wilde auf seinem Sterbebett“]“This wallpaper is atrocious. One of us has to go.“[/quote]