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Unsere Ängste, unsere Kräfte

Jeder von uns kennt die lähmende Kraft von Angstgefühlen. Angst zu haben bedeutet, der Situation nicht gewachsen zu sein. Unser aufrechter Gang, unser Stolz, unsere ganze persönliche Souveränität verblassen im Angesicht der Angst. Und trotzdem – oder gerade deshalb – ist Angst eine unserer wichtigsten Antriebskräfte. Ängste fordern uns dazu auf, sie zu überwinden. Und manchmal werden wir uns der Angst erst bewusst, nachdem wir sie eigentlich schon überwunden hatten: Das Kind, das die Hand seiner Eltern beim Laufen festhält, steht plötzlich selbständig im Raum. Erst wenn es merkt, dass keine erwachsenen Hände es mehr halten, taumelt es und fordert die stützende Hand zurück. Der Passagier mit Höhenangst lässt den Blick nichtsahnend aus dem Fenster schweifen – und merkt dann zu seinem Entsetzen, dass die Häuser 10 Kilometer unter seinen Füßen vorbeirauschen.

In seinem mittlerweile fünfzig Jahre alten Buch postuliert Fritz Riemann vier so genannte Grundformen der Angst:

  1. Die Angst vor der Hingabe
  2. Die Angst vor der Selbstwerdung
  3. Die Angst vor der Veränderung
  4. Die Angst vor der Notwendigkeit

Mit einer Fülle an Beispielen aus seiner therapeutischen Erfahrung beschreibt Riemann Verhaltensmuster, die er jeweils mit diesen vier Ängsten in Verbindung bringt. Als Leser ist man schnell versucht, die eigene Persönlichkeit und die der Mitmenschen auf zutreffende Verhaltensmuster zu prüfen.

Spannende Erkenntnis: In ihrer Extremform verkrüppeln uns die Grundformen der Angst und machen uns zu Menschen, die keine Beziehung zu ihrer Umwelt aufbauen können. Zugleich aber liegen jeder dieser Ängste Sehnsüchte zu Grunde (Riemann nennt sie nüchtern „Forderungen“), die unser Menschsein ausmachen. Diese Sehnsüchte korrespondieren also mit den Ängsten, stehen zum Teil in Spannung zueinander, und sind bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgesprägt:

  1. Dass wir ein einmaliges Individuum werden sollen.
  2. Dass wir uns der Welt, dem Leben und den Mitmenschen vertrauend öffnen.
  3. Dass wir die Dauer anstreben sollen.
  4. Dass wir immer bereit sein sollen, uns zu wandeln.

Wer also Angst vor (4) dem ewig Gleichen, vor Routine, vor Sesshaftigkeit und Wiederholung hat, der hat zugleich auch die Kraft, neue Dinge anzupacken und Altes komplett über den Haufen zu werfen. Jemand, bei dem die Angst vor (3) der Veränderung heraussticht, kann nicht nur ein tiefes und gründliches Verständnis von Sachverhalten entwickeln, sondern bringt auch hohe Zuverlässigkeit und Ausdauer mit sich. Der Mensch, der (1) Hingabe fürchtet, kann souverän und unabhängig auftreten, Herausforderungen mutig angehen und Dinge sachlich-kühl betrachten. Dagegen ist derjenige, den die Angst vor (2) der Selbstwerdung umtreibt, in der Lage, sich durch seine Hingabe in andere Menschen hineinzuversetzen und eine empathische Nähe aufzubauen, die ein starkes, inniges Vertrauensverhältnis ermöglicht.

Bei aller Gefahr, Menschen durch solche Kategorien in Schubladen zu stecken, können die Riemannschen Grundängste als Orientierung durchaus hilfreich sein. Helfen sie uns doch, Menschen in ihrer Vielfalt zu begreifen und zu verstehen, dass erst diese Vielfalt unser Miteinander sinnvoll macht. Da wo ich dreimal zögere, kann meine Kollegin einfach entscheiden. Und bevor sie anderen nochmal auf die Füße tritt, kann ich sie zu einem Perspektivenwechsel ermuntern.

Ich denke, dass diese Verhaltensmuster sich – freilich mit Abstrichen – auch auf Unternehmen anwenden lassen. So wird ein Start-Up vermutlich eine andere Einstellung zu Dauer und Veränderung haben als ein Konzern mit einem hohen Grad an formalisierten Normen. Und ein Unternehmen, das jahrzehntelang einsam auf dem Markt herrschen konnte, wird anders mit der Umwelt interagieren als ein solches, das seit eh und je zur Kooperation mit der Konkurrenz gezwungen war.

Eine spannende Übung zum Schluss: Schau dir deinen engeren Kollegenkreis (z.B. dein Scrum-Team) an und finde heraus, wie stark die vier Sehnsüchte darin ausgeprägt sind. Gibt es vielleicht ein übergreifendes Muster, das die ganze Gruppe beherrscht? Das ist in alteingesessenen Teams mit einer starken Führungsperson häufig der Fall. Vielleicht ist deine Gruppe aber auch reich an Vielfalt, spannend und angespannt zugleich?

Überlege dir dann, wann dir deine Gruppe zum letzten Mal Schwierigkeiten bereitet hat. Was ist dort passiert, wer hat wie gehandelt? Beschränke dich auf die beobachtbaren Tatsachen und darauf, wie du dich dabei gefühlt hast. Mache weiter, indem du eine Situation in Erinnerung rufst, in der du deiner Gruppe Schwierigkeiten bereitet hast. Beschränke dich wieder auf die beobachtbaren Tatsachen und darauf, wie du dich dabei gefühlt hast.

Schau dir dann die vier Sehnsüchte nochmal an und versuche, deine Gruppe als empfindliches Gleichgewichtsorgan zu sehen, bei dem jede Veränderung, jeder Anstoß das System ins Wanken bringen kann. Hast du jetzt ein besseres Gefühl dafür, wie deine Gruppe mitsamt ihrer einzelnen Mitglieder tickt – und was sie auszeichnet? Im Anschluss daran kannst du eine nach innen gerichtete Retrospektive mit deiner Gruppe durchführen. Hierzu eignet sich zum Beispiel die Naikan-Übung, von unserem Coach Dieter Rösner hier beschrieben (http://borisgloger.com/2012/09/23/ich-du-wir-von-austausch-feedback-und-weiterentwicklung-in-teams/).

Literatur
Riemann, Fritz (2011): Grundformen der Angst. Ernst Reinhardt Verlag. München und Basel. Vierzigste Auflage.