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Von der Kraft der positiven Bilder oder wie Menschen ihre eigene Realität gestalten

[quote author = „Seneca“]“Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern unsere Sicht auf die Dinge.“[/quote]

Eine Szene aus einem Training für Manager im Scrum-Kontext. Auf der Themenliste aus der konkreten Führungspraxis stand der Satz: Wie motiviere ich mein überlastetes und gestresstes Team?

Im Fallgespräch erzählt der Teamleiter, der mit seinen vier Mitarbeitern für die Qualitätssicherung im Unternehmen zuständig ist, dass seine Mitarbeiter von den ständigen Unterbrechungen bei ihren täglichen Vorhaben genervt und immer mehr demotiviert sind. „Kaum eine Aufgabe können wir kontinuierlich zu Ende führen, immer gibt es höhere Prioritäten, durch Kunden, Management oder den Product Owner. Die Tage sind zerrissen durch spontane, unvorhergesehene Situationen, die es uns schwer machen, gute Arbeit abzuliefern. Der Druck ist groß und die Ressourcen sind knapp. Veränderungen aus dem Umfeld sind in absehbarer Zeit keine möglich. Und so quälen wir uns über die Runden und sehen irgendwie kein Land. Trotzdem machen wir immer noch einen guten Job, aber wie lange noch? Wie halte ich in so einer Situation meine qualifizierten und guten Leute bei der Stange, wie motiviere ich sie?

Während er mir und den anderen Teilnehmern seine Geschichte erzählt, wirkt auch der Teamleiter selbst gestresst, hilflos und deprimiert. Mehrere Kollegen kennen das Erzählte aus ihrer Praxis und bestätigen ihn verständnisvoll in seiner Not.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Ich fordere ihn auf, sich mal ein Bild, eine Metapher für sich und sein Team zu überlegen. Er braucht nicht lange und bringt als sein Teambild den Notarzt. Er beschreibt das Bild: „Wie wir muss der Notarzt permanent ohne Vorwarnung zum Einsatz. Manchmal von einem direkt zum anderen. Er hat immer Probleme vor sich, wenn er ausrücken muss. Trotz hoher Kompetenz sterben ihm oft die Leute unter den Händen weg, weil er nicht genug Zeit hat. Oder sie sterben trotz aller Bemühungen später im Krankenhaus. Irgendwie ist seine Arbeit doch meist Stückwerk. Dann muss er auch noch ellenlange Berichte schreiben und ist im schlimmsten Fall an allem Schuld. Das ist doch deprimierend und total unbefriedigend und genauso geht es uns“.

Immer noch ist er deutlich wahrnehmbar in seinem Defizitzustand, es geht ihm nicht gut, er wirkt ratlos und resignativ.

Ich bitte ihn nun, sich doch mal ein positives Bild zu seinem Team und der Arbeitssituation zu machen. Er überlegt lange hin und her, es arbeitet in ihm, aber er kann keine positive Bildmetapher entwickeln. „Mit fällt da wirklich nichts ein, ich bin völlig blockiert. Da gibts anscheinend einfach nichts Gutes bei uns“, ist sein Fazit.

Nun frage ich ihn, ob ich ihm ein positives Bild anbieten darf, das aus meiner Sicht auch eine Möglichkeit sein könnte seine Teamsituation zu betrachten und einzuordnen. Er stimmt, leicht skeptisch, zu.

Ich entwickle folgendes Bild für den Teamleiter:

„Stell Dir vor, Dein Team ist eine hochprofessionelle Bergführermannschaft, deren tägliche Aufgabe es ist, Menschen aller Art sicher auf hohe, steile, ja auch gefährliche Bergriesen aller Höhengrade zu begleiten. Alle Deine Spezialisten beherrschen ihr „Handwerk“ perfekt, sind optimal als Team aufeinander eingespielt und kennen ihren Job genau. Ihr liebt eure Aufgabe und eure Kunden. Gut vorbereitet und hoch motiviert beginnt ihr den Aufstieg. Ihr kennt die Routen genau und arbeitet routiniert. Trotzdem ereignet sich immer wieder Unvorhergesehenes. Das Wetter wechselt plötzlich und zwingt zum Biwak, gefährliche Gerölllawinen erfordern Routenwechsel, Kunden verletzen sich und müssen ins Tal zurückgebracht werden, oder sie geraten in Panik, sind unzufrieden und belasten die Gruppe, usw. Die geplanten Zeiten können nicht immer eingehalten werden. Manchmal kommt es zum Abbruch und es muss ganz neu gestartet werden. Dein Bergführerteam löst die Probleme kompetent und gelassen unter Deiner engagierten Leitung. Bei allen Hindernissen erreichst Du mit Deinem Team und den Kunden (fast) immer die Gipfel. Dann genießt ihr den „Sieg“, freut Euch über die Anerkennung der Kunden und seid immer aufs Neue begeistert vom herrlichen Ausblick auf all die Gipfel, die ihr in Zukunft noch bezwingen werdet. Ihr wisst, dass es kaum eine Situation gibt, die ihr nicht engagiert angehen und lösen könnt, wenn es darauf ankommt. Das zeichnet Euch als Spezialteam aus, das ist Eure Mission und darauf seid ihr auch richtig stolz. Ihr freut Euch auf die nächsten, sicher nicht einfacheren Aufgaben und gebt Euch untereinander Feedback, was läuft und was man verbessern könnte, um Euch als Team zu optimieren.“

Schon bei den letzten Worten meiner Bildbeschreibung wirkt der Teamleiter deutlich entspannter und kommt aus seiner negativen Haltung heraus. Folgender Dialog entsteht (leicht gekürzt):

Frage: „Wie ist das jetzt im Moment für Dich“?

Antwort (mit fester Stimme): „Das klingt ganz  gut, so kann man mein Team und seine Arbeitssituation tatsächlich auch sehen. Und vieles stimmt tatsächlich, wenn ich es genau betrachte.“

Frage: „Wie geht es Dir denn jetzt mit dem neuen Bild?“

Antwort: „Prima, ich fühle mich optimistischer und gestärkt, irgendwie ein ganz positives Gefühl.“

Frage: „Stell Dir vor, Du gehst mit diesem positiven „Bildgefühl“ an Deine Arbeit, was würde evtl. anders sein als vorher?“

Antwort: „Das hätte sicher einen gute Wirkung auf meine Mannschaft, ich lass mich immer wieder zu sehr runterziehen.

Frage: „Nimmst Du das Bild mit, und probierst mal aus, ob Deine neue Haltung tatsächlich seine Wirkung tut?“

Antwort: „Ganz sicher, ich denke ich hab was begriffen, was für mich als Führungskraft ganz wichtig ist. Und ich werde mir ein tolles „Bergbild“ als Merker besorgen.“

Innere Bilder – das sind all die Vorstellungen und Szenen, die wir biographisch (von Kindheit an) gespeichert haben und die unser Denken, Fühlen und bewusstes/unbewusstes Handeln in hohem Maße mitbestimmen. Wenn sich Menschen bildlich etwas vorstellen, sind die gleichen Hirnbereiche aktiv, wie wenn sie es tatsächlich tun. Im Sport wird das seit langem erfolgreich be- und genutzt. Innere Bilder sind im Gehirn abgespeicherte Muster, die wir meist unbewusst benutzen, um uns zu orientieren, Situationen zu analysieren, zu bewerten und unsere Handlungsimpulse danach auszurichten. Je länger sich Menschen z.B. in für sie negativen Bildervorstellungen aufhalten, umso mehr verfestigt sich dieses Bild und seine Auswirkung auf Denken, Fühlen und Handeln. Innere Bilder können uns blockieren, oder aktivieren, können uns ängstigen oder Mut machen und motivieren. Bilderprozesse sind auf alle Fälle eine wesentliche menschliche Ressource, um das Leben und seine Anforderungen zu gestalten.

In Anlehnung an einen Blogbeitrag von Boris Gloger vom 18. Februar 2013 kann gesagt werden: „Führungskräfte sind konstruktiv, nicht destruktiv.“ Sie müssen um ihre besondere Wirkung auf ihr Team wissen und durch Selbstwahrnehmung, Selbstreflexion und ihre mentale Einstellung ihren Mitarbeitern gute, positive, stärkende „Bilder“ vermitteln, auch wenn es manchmal schwer fällt. Den Einfluss, den die mentale Verfassung von Führung auf Teams hat, wird in der Regel unterschätzt. Für Motivation, Engagement und Arbeitszufriedenheit, besonders in schwierigen Situationen, ist dies zweifellos oft entscheidend. Dieser Beitrag soll Mut machen, „das eigene Bild“ einer schwierigen Situation zu erkunden, dessen evtl. kritische Wirkung wahrzunehmen und sich ein neues, unterstützendes Bild zu gestalten und den Unterschied zu testen.

Übrigens: Der Teamleiter überlegte zum Ende des Trainings, dieses Bild mit seinem Team im nächsten Meeting zu besprechen. Er kann sich gut vorstellen, dass auch seine Kollegen eine neue Perspektive gewinnen und so mit einer anderen, lockeren Einstellung an die Arbeit herangehen.

Tipp: An der eigenen Einstellung arbeiten und mit dem Team zu neuen Erfolgen aufbrechen – Scrum Supplements sind die Krafttrainings für die Veränderungsarbeit mit Scrum. Nähere Infos und alle Termine gibt es hier.