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Die (Über-)Lieferung von Vertrauen

Nahezu jedes Unternehmen hat Erfahrungen mit der Beauftragung von Software-Entwicklungsprojekten und das sind zum Teil schlechte Erfahrungen. Durch solche schlechte Erfahrungen haben über die Zeit immer mehr Organisationen das Vertrauen in ihre Software-Entwicklung verloren. Ich möchte nicht behaupten, dass es nur furchtbare Software-Entwicklungsprojekte gibt. Aber ich behaupte, dass wir hier zu großen Teilen in einer Vertrauenskrise leben. Diese Vertrauenskrise hat nicht nur mit enttäuschten Erwartungen zu tun, sondern auch mit einer veränderten Welt, in der Vertrauen nicht mehr über langfristige Bindungen aufgebaut wird (Vertrautheit), sondern in der Schnelllebigkeit entstehen muss. Wir brauchen also einen anderen Weg, um Vertrauen über mangelnde Vertrautheit zu entwickeln. Kommen wir nochmal zurück zu den Software-Entwicklungsprojekten und verallgemeinern kurz: Umso weniger Vertrauen besteht, desto mehr Kontrolle möchte man ausüben. Vertrauen und Kontrolle versteht man weitläufig als entgegengesetzte Pole, die nicht gleichzeitig existieren können.

Wenn wir das Problem kennen, dann kennen wir doch auch die Lösung?

Vertrauen entsteht nicht über Worte, das wissen wir bestimmt, denn das ist neuronal in unserem Gehirn so verankert. Wir benötigen also Taten, die sich einer schnelllebigen Welt anpassen. Taten, die es ermöglichen, die Erwartungen eines Auftraggebers, eines Kunden und jene von Endnutzern mit dem Beauftragten abzugleichen. Wir als Software-Entwickler brauchen Lieferungen qualitativer, anwendbarer Software in kurzen Zyklen. Mit den Lieferungen zeigen wir, dass wir verstanden haben und liefern können was beauftragt wurde. Wir zeigen, dass wir den impliziten Anspruch auf Qualität halten können. Zudem rücken wir Kunden und Nutzer in den Mittelpunkt, beziehen ihn immer wieder in die Entwicklung ein und geben ihnen eine Stimme. Wichtig dabei ist, dass wir diesen Prozess wiederholen, ritualisieren, oft durchführen, damit wir als Software-Entwickler Verlässlichkeit zeigen können. Wir zeigen, dass es kein Glückstreffer war, sondern dass wir wiederholt qualitative Software  liefern können – wir zeigen professionelles Arbeiten. Im Scrum-Prozess stehen die Lieferung und das Präsentieren der fertigen Funktionen am Ende jedes Sprints, üblicherweise nach 14 Tagen. Am Ende jedes Sprints zeigt das Scrum-Team die lauffähigen Funktionen im Review den Kunden und Nutzern.

Da wir gerade beim Kunden sind, bleiben wir kurz bei ihm. Es wäre fahrlässig, würde der Kunde die Kontrolle aufgeben. Die beauftragte Software ist relevant für die Ergebnisse des eigenen Unternehmens und soll dazu beitragen, die Zukunft des Unternehmens zu sichern. Als Kunden brauchen wir also einen Kontrollmechanismus. Diesen Kontrollmechanismus sollte man nicht an Worten, konkret Verträgen, festmachen, sondern man sollte auch hier wieder auf Taten setzen. Ein wichtiges, wenn nicht gar das Kontrollelement des Kunden sind die Reviews, die er einfordern und aktiv daran teilnehmen sollte. Das Review ist die Fortschrittskontrolle und die Kontrolle des inhaltlich Gelieferten. Zudem ist es die Kontrolle über die Schnelllebigkeit der Märkte, denn wenn Sie als Kunde agil entwickeln lassen, bekommen Sie Kontrolle über Time-to-Market und haben Einfluss auf Änderungen – idealerweise sogar „Change for free„, solange sie auch den Umfang Ihres Produkts/Projekts anpassen. Dafür sollten Sie auch einen Vertrag aufsetzen, der das Ganze widerspiegelt. Auch das ist heutzutage möglich und sogar Wunsch bei vielen Software-Entwicklungen.

Fazit

Liefern wir als Software-Entwickler regelmäßig in kleinen Abständen mit hoher Qualität, so haben wir die Chance, zerstörtes Vertrauen aufzubauen oder dem gewährten Vertrauensvorschuss gerecht zu werden. Nutzen wir Rückkopplungspunkte wie Reviews dazu den Kunden einzubinden, lösen wir sogar das Paradoxon von Vertrauen und Kontrolle zu unserem Vorteil auf. Letztlich gewinnen beide, der Kunde und die Software-Entwicklung. Die Software-Entwicklung vielleicht sogar ein wenig mehr, denn sie hat etwas zurückzugewinnen und das gilt für die gesamte Branche.

  • Hans-Peter Korn

    Gut, mal über „Vertrauen“ zu sprechen: Ein wesentliches Element der Komplexitätsreduktion nämlich nicht die „Selbstorganisaiton“ (was immer darunter verstanden wird) oder „act – inspect – adap“ (als blosse Symotombekämpfung) sondern – gemäss dem bekannten Soziologen Niklas Luhmann – das „Vertrauen“: „Vertrauen ist stets in die Zukunft gerichtet. … im Akt des Vertrauens (wird) die Komplexität der zukünftigen Welt reduziert… Vertrauen erschließt durch die Reduktion von Komplexität Handlungsmöglichkeiten, die ohne Vertrauen – nach Luhmann – unwahrscheinlich und unattraktiv geblieben und somit nicht zum Zuge gekommen wären“ [Luhmann, Niklas (2000): Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität, Stuttgart: Lucius & Lucius.; zitiert aus Dijana Tavra, Vertrauen als Mechanismus der Reduktion von Komplexität; Universität Bern Sozialanthropologisches Institut; http://tinyurl.com/a62hqaw%5D

    • Sven Winkler

      Hallo Hans-Peter,

      danke für den Beitrag und Artikel – toller Input! :-)

      Besonders spannend finde ich folgenden Punkt aus dem Paper, welches Du zitierst (am Beispiel Geld): „Solch ein Systemvertrauen wird „durch laufend sich bestätigende Erfahrungen in der Geldverwendung gleichsam von selbst aufgebaut“. „Es bedarf eines laufenden „feedback“,…“

      => in unserem Kontext die Lieferung von funktionierender Software

      Die Kontrolle des Systemvertrauens erfordert Fachwissen.

      => Explizit eine Anforderung an einem Product Owner und warum dieser besser auch technisch ein Stück bescheid wissen sollte

      Viele Grüße, Sven :-)