Drücken Sie Enter, um das Ergebnis zu sehen oder Esc um abzubrechen.

In Form

Am Wochenende hielt ich die iPad-App der Süddeutschen Zeitung in meinen Händen und spürte: Das ist es.

 

Ich weiß noch genau, wie ich vor zwanzig Jahren die allererste Internet-Verbindung mit meinem Telefon-Modem und einer lokalen Einwahlnummer aufbaute. Die erste Seite, die ich damals im Web aufrief, war: http://www.spiegel.de. Texte und Bilder bauten sich langsam, Zeile für Zeile auf, und in dieser einfachen HTML-Sprache gab es nicht viel mehr außer Texte, Bilder, und klobige Frames. Die Seite war etwa zur Hälfte aufgebaut, dann brach die Verbindung ab. Ich bewahre den Screenshot von meinem ersten Mal noch heute auf. Als Dreizehnjähriger konnte ich damals kaum schlafen vor Aufregung, war ich doch in das World Wide Web vorgedrungen.

 

Was damals für die Verlage als einfache Web-Präsenz mit minimaler Investition anfing, ist heute nicht mehr wegzudenken. Weil viele Printmedien immer härter um ihre Leser kämpfen müssen, ist das Online-Geschäft zum Hoffnungsträger mutiert. Dass sich mit Online-Anzeigen nicht viel Geld verdienen lässt, ist keine Neuigkeit. Ebenso wenig scheinen Leser in der Masse bereit zu sein, für den Aufruf einzelner Nachrichten im Web Geld zu bezahlen. Dafür sind Nachrichten allgegenwärtig, der Zugang zu ihnen bietet keine privilegierte Erfahrung mehr.

 

Was waren das noch für Zeiten, als man seine Zeitung im Kiosk kaufen musste (allein schon der Weg dorthin eine Investition!) und man sie dann, das Papier unterm Arm eingerollt, in Cafés und auf der Straße zur Schau stellen durfte. Als man die Seiten genüsslich, fast theatralisch aufspannen konnte. Im vollen Bewusstsein darüber, dass dieser Text, diese gedruckten Buchstaber, Bilder und Wörter, nur auf dem Zeitungspapier Sinn und Form ergaben.

 

Den Zauber zurückbringen – mit gutem Design

Vor diesem Hintergrund muss die Entwurzelungen des Wortes vom Papier hin zur neonkalten Web-Seite ein Sündenfall gewesen sein: Mit dem Verlust des Papier-Privileges waren Zauber und Einzigartigkeit der Printmedien vorüber. Umso erstaunlicher nun die Renaissance: Eine gut gemachte Zeitung wirkt auf dem iPad nicht nur schick, sondern begehrenswert. Schriften, Bilder und Layout fügen sich zwanglos in den formvollendeten Rahmen. Die Navigation ist leicht und intuitiv. Das Scrollen mit dem Finger macht Spaß. Und die Interaktivität (Video, Audio, Bildergalerien) wirkt nicht aufgedrängt, sondern wie natürliche Verlängerungen. Auf dem hauchdünnen Touchscreen aus Glas sieht die Zeitung – ich traue mich fast nicht, es zu sagen – lebendiger, ja wirklichker aus als auf Papier.

 

Offenbar wird die Bedeutung von Design noch immer unterschätzt. Auf Projekten erlebe ich irritierte Product Owner, die nicht verstehen können, warum die Benutzer ihrer Software zur Konkurrenz wechseln wollen, weil sie deren GUI „schöner“ fänden. Aber geht es wirklich um Kosmetik, um das pure Aufhübschen und Aufbauschen? Könnte es nicht vielmehr sein, dass sich gerade dort, in ganz prosaischen Tätigkeitsfeldern wie etwa Kundenmanagement oder Abrechnung, der müde Sachbearbeiter nach einer übersichtlichen, leicht zu bedienenden und schicken Bedienung sehnt? Vielleicht könnten wir das Leben überall verbessern, wenn wir uns nur etwas mehr um besseres Design kümmern würden.

 

[quote author = „Charles Eames“]“Design is a plan for arranging elements in such a way as best to accomplish a particular purpose.“[/quote]