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Wie man Konflikte wachküsst

Bevor ihr meinen Artikel lest, lest mal das hier:

„Why firing brilliant assholes is required to build a great engineering culture“

Ein interessanter Artikel, den ich an vielen Stellen unterschreiben kann. Nur an einer nicht:

“A lot of people say don’t fire great engineers – but they’re wrong. Even if you have an engineer who is exceptional, but an asshole, you should fire them immediately. Your team will thank you for it afterwards. It only takes one asshole to destroy an entire team, so act quickly and remove any bad seeds no matter how good they are at writing software.”

Ich frage mich und die Teams immer, warum sie es sich gefallen lassen, dass jemand im Team sich wie ein A******* benimmt? Warum wehren sie sich nicht? Da sitzen dann teilweise 5 bis 7 erwachsene Menschen und lassen sich von einem tyrannisieren? Und der ScrumMaster oder besser noch der Manager soll es  richten. Ich frage dann, welchen versteckten Gewinn sie durch das Leiden haben. Da ernte ich meistens verwirrte Blicke. Eigenverantwortung heißt, für mich und meine Befindlichkeit die Verantwortung zu übernehmen – in jeder Situation. Finger Pointing und Jammern haben noch nie langfristig geholfen. Und unterstützen nicht gerade die Eigenverantwortlichkeit. Der andere, die Umstände sind schuld, die Manager sowieso und die Welt ist ungerecht.

Wenn ich mir so ein Verhalten gefallen lassen, ist meine erste Frage an mich: „Warum tue ich das?“ Und die Antwort ist oft nicht schmeichelhaft. Ich scheue den Konflikt und warte bequem drauf, dass es ein anderer richtet. Jeder von euch kann es mal an sich selbst ausprobieren.

Fragt euch selbst: „Warum lege ich mich mit diesem oder jenen Ekelpaket nicht an?“ Und seid ehrlich zu euch, ihr müsst es niemandem erzählen ;-). Der Selbstausdruck wird verhindert, weil man nicht bereit ist, den Preis dafür zu bezahlen, also aus Angst vor Zugehörigkeitsverlust, Konformismus, Angst vor Konsequenzen usw. Aber das hat meistens nichts mit dem anderen zu tun, er triggert es nur unbewusst an.

Sind Assholes Ursachen oder Symptome?

Eine andere Frage ist, ob das identifizierte „Asshole“ wirklich der Grund ist … oder nur ein Symptom? Ein Symptom für ein Machtvakuum, ein schwaches Team etc. In der Psychologie spricht man vom identifizierten Patient. Ein ganzes System – eine Familie z.B. – ist aus dem Gleichgewicht, der Vater ist Alkoholiker, die Mutter hat Depressionen und das Kind ADHS. Aber nur der Zappelphillip bekommt Ritalin, weil das andere unsichtbar bleibt hinter der Fassade. Hilft das der Familie?

Ich schaue als Agiler Coach also gerne hinter die Fassade und sehe mir den Konflikt näher an. Was ist da wirklich aus dem Gleichgewicht geraten? Und welche Bedürfnisse stecken hinter dem Verhalten des auffälligen Teammitgliedes? Merkt er es überhaupt (auch das habe ich schon erlebt, der Betroffene war sich seiner Außenwirkung gar nicht bewusst). Und warum wehrt sich niemand? Es gilt, nicht Konflikte zu vermeiden, sondern sie fruchtbar zu machen und das heißt eben manchmal auch, sie richtig hochzufahren.

Ich bin keine Freundin der Konfliktvermeidung. In Konflikten steckt Energie, zwar verzerrt und irgendwie verhindert, aber sie ist da. Deckt man nun den Konflikt zu, schafft man es nie, diese Energie zu erlösen. Viele Märchen handeln davon, zum Beispiel das Märchen vom Froschkönig. Hier taucht ein hässlicher Frosch auf, der sich später als verwunschener Prinz darstellt. Übertragen bedeutet das: Hier kann ein Potential nicht gelebt werden. Die Prinzessin im Märchen will den hässlichen Frosch zwar loswerden, aber der kommt immer wieder. So ist es auch mit Konflikten, die man ignoriert. Man kann Konflikte einfach nicht wegmachen oder ignorieren. Sie kommen mit geballter Macht zurück und entladen sich destruktiv. Man kann nur genau auf das hinschauen, was da gerade passiert.

Dafür gibt es ein paar wichtige Regeln:

  • Wertschätzung und Respekt vor dem anderen sind die Basis.
  • Jeder übernimmt  für sich und seine Befindlichkeit die Verantwortung.
  • Respekt davor, dass ich die Situation anders erlebe als der andere – niemand hat Recht.
  • Jeder spricht von sich – rede ich vom anderen bin ICH nicht anwesend.
  • Es gibt einen Raum jenseits von Falsch und Richtig – ich nehme auf, ohne zu werten.

Wenn sich das Team auf diese Regeln verständigen kann, entsteht meist von ganz allein ein Lösungsprozess. Viele Konflikte sind einfach gestörte Kommunikation. In dieser Haltung der Achtsamkeit füreinander kann man gemeinsam eine Vision entwickeln, wie man als Team zusammenarbeiten möchte. Um diese Haltung einzuüben, mache ich am Anfang oft eine einfache Übung. Jeder darf eine festgelegte Zeit erzählen, wo ihn gerade der Schuh drückt. Meistens reichen 2 bis 3 Minuten. Wichtig ist, die eigene Befindlichkeit mitzuteilen – kein Finger Pointing und die anderen hören zu. Aufmerksam, achtsam und achten darauf, was bei ihnen selbst passiert.

Danach entwickle ich mit den Teams eine Vision, wie die Teammitglieder zusammenarbeiten wollen. Es geht, wie so oft bei Scrum, um die Vision. Nicht darum, sich mal allen Ärger und Frust von der Seele zu reden und ihn sich gegenseitig an den Kopf zu werfen. Das ist oft destruktiv und kontraproduktiv. Also kein Gewitter, bei dem mal alle Energie entladen wird und es laut wird. Die im Konflikt gebundene Energie sollte befreit werden und auf ein gemeinsames Ziel gerichtet werden. Im Märchen küsst die Prinzessin den Frosch  – und schwupps – steht ein wunderschöner Prinz vor ihr.

Also küsst eure Konflikte wach (Lächeln)

  • HannesBln

    Ist der Zeitpunkt, an dem alle tyrannisiert werden, nichts anderes als eine Offenbarung der Lösung zu einem schon durchlebten Konflikt: die einzelnen Personen haben (evtl. jede für sich) erkannt, dass an dieser Situation (mit vertretbarem Aufwand) nichts zu ändern ist?

    Ich finde es in dem Artikel daher etwas „unfair“/anmaßend, den Teammitgliedern eine Konfliktvermeidung vorzuwerfen – Entwickler_innen wollen meist einfach nur ihre Berufung ausleben – und entwickeln.
    Sollte die Auseinandersetzung mit unverbesserlichen A.s und anderen (nicht/schwer veränderbaren) Hindernissen der Fokus des Teams sein?
    Ist das nicht eigentlich die Aufgabe und das Spezialgebiet eines ScrumMasters?
    Gibt es nicht genau dafür die „klaren“ Rollen in einem agilen Umfeld?

    PS: … ein Narr kann mehr fragen, als zehn Weise zu beantworten wissen …. äquivalent: ein A kann mehr Schaden/Unruhe/Unfrieden stiften, als zehn gute Teammitglieder ertragen mögen?

    • Mh, ich werde als guter Scrum Master den Konflikt moderieren , lösen muss das Team ihn. Alles andere finde ich Bevormundung. Ein Coach hat mal zu mir gesagt:“ Wenn du jemanden beschützt, entmündigst du ihn.“Das hat gesessen bei mir. Konflikte gehören zur Teamentwicklung dazu und ich möchte den Teammitglieder Mut machen, die Konflikte anzugehen und eben nicht unter den Teppich zu kehren. Eben damit man dann das tun kann, was man am liebsten tut – einfach nur entwickeln :) Wenn der Konflikt nicht geklärt wird, kommt er nur verstärkt wieder. Selbst wenn man den Störenfried entfernt, man glaubt es kaum, übernimmt dann oft der nächste seine Rolle.
      Und man baucht 5 motivierte Teammitglieder um einen Unmotivierten aufzufangen, aber 1 Unmotivierter zieht drei mit sich nach unten….
      Und wenn die 10 einen ertragen, dann gibt es ja keinen Konflikt, sondern das Commitment ihn zu ertragen. Dann dürfte ja eigentlich keiner meckern ;)

  • Patrick Koglin

    Netter Artikel, mit offenen Fragen: Wer ist der Tyrann? Bin ich es? Ist es mein Gegnerkollege? Die Kollegin von nebenan? Sind wir alle manchmal Tyrannen? Was macht ihn oder sie aus?

    • Tja , gute Frage. Ich sehe Teams ja immer als Systeme und da ist es eben nicht der auffällige Einzelne, dass versuche ich zu vermitteln. Wer da Tyrann ist und wer nicht, ist da eigentlich für mich gar nicht die Frage. Ich versuche zu ergründen, was da gerade nicht funktioniert. Das ist eben von Team zu Team ganz unterschiedlich. Und, ja du hast recht, die Rollen sind oft gar nicht so festgelegt, mal bin ich Tyrann, mal Opfer, mal Mitläufer . Deswegen finde ich es wichtig, sich erstmal selbst zu beobachten, wie reagiere ich in welchen Situationen, welche Knöpfe werden da bei mir gedrückt. Sehr spannend!