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Interview mit einem ScrumMaster oder die Reise zu einem fremden Planeten

Ein guter ScrumMaster zeichnet sich dadurch aus, dass er immer und überall auf der Suche nach Verbesserungen ist, die zur Steigerung der Produktivität seines Teams beitragen. Hierzu sollte er seinen Blick in alle Richtungen schweifen lassen. In der operativen Hektik des täglichen Tuns passiert es dann nicht selten, dass ein Bereich übersehen oder gar vergessen wird: der Blick auf sich selbst. Wer andere bewegen und verändern will, der sollte zuerst sich selbst bewegen, um so zu (s)einer Veränderung beitragen zu können.

Katja Lüdtke, seit einem Jahr ScrumMaster beim E-Postbrief, versteht diesen Anspruch auf ihre ganz eigene Art und Weise und sagt: „Yin und Yang. Weich und hart. Stark und schwach. Nichts ist absolut. Die Eigenschaften definieren sich immer im Vergleich. Also, es ist wichtig, nach draußen zu gehen und sich auch andere Welten anzuschauen, um relativieren zu können, um neue Erkenntnisse zu gewinnen und daraus zu lernen.“  Und Katja nahm sich selbst beim Wort und ging nach „draußen“, zur ESG nach Wolfsburg. Im Rahmen einer Weiterbildung von bor!sgloger consulting, die von ihrem Chef, Dr. Oliver Zeiler (Mitglied des Bereichsvorstands BRIEF GB 32), möglich gemacht wurde, implementierte sie dort in einem gerade neu aufgestellten Team Scrum. Drei Sprints (sechs Wochen) lang durfte sie dort als ScrumMaster und ScrumCoach ihren Blick über den Tellerrand nicht nur schweifen lassen, sondern auf besondere Weise schärfen.

Über ihre Erlebnisse, die vielen Erkenntnisse und kleinen Geschichten möchte ich heute mit Katja reden.

D.: Hallo Katja, du bist zurück von deiner kleinen Reise. Wie ist es dir ergangen?

K.: Es war besonders. Es stimmt, was Mike Cohn sagt: Scrum ist anders. Ich würde dies aber gerne ergänzen wollen: Scrum ist woanders anders.

D.: Wie meinst du das?

K: Es war wie Sprinten auf einem anderen Planeten. Ich durfte Scrum und mich als ScrumMaster und Coach in einer völlig neuen Umgebung, auf einem fremden Planeten erleben. Von drei meiner wichtigsten Beobachtungen und Erkenntnisse möchte ich gern berichten.

D.: Dann leg mal los. Du machst mich neugierig.

Beobachtung 1: Kleine Teams sind tatsächlich dynamischer als größere

Die „Fremdlinge“ haben sich für die agile Entwicklung eines neuen Produkts in kleinen Teams von vier bis fünf Personen organisiert. Das war neu für mich, da ich als ScrumMaster bislang nur die Arbeit mit Teams von acht bis zehn Personen kannte und diese Größe für mich selbstverständlich war. Nun beobachtete ich gespannt die Auswirkungen einer noch kleineren Organisationseinheit und stellte fest, dass die Teammitglieder häufiger zu Wort kommen als in einer größeren und das persönliche Kennenlernen begünstigt ist. Klingt erst mal logisch, hat aber in letzter Konsequenz große Auswirkungen. Die Phasen der Teamentwicklung sind im Vergleich mit einem Team, das aus mehr als acht Personen besteht, kürzer. Im Team werden die Ideen schneller besprochen, die Aufgaben rotieren zügiger, bei Problemen finden sich fast automatisch Partner, um diese  lösen zu können. Als Teammitglied ist man stärker gefordert und kann sich weder verstecken, noch geht man in der Anonymität unter, weil man vielleicht zu leise ist. Es ist in jedem Moment offensichtlich, wie die zugesicherte Eigenverantwortung gelebt wird – nicht zuletzt, weil man irgendwie muss, aber dadurch auch will. Das bedeutet, dass die persönliche Motivation, das Ziel zu erreichen, höher ist, da gute Ergebnisse viel schneller sichtbar sind und zur Anerkennung führen.

Weitere Vorteile eines kleineren Teams ergeben sich aus der Arbeit des ScrumMasters: Die Timeboxes für Meetings sind, ohne das Team zu überfordern, leichter einhaltbar – weniger Köpfe, weniger Kontroversen. Für die Verbesserung der Persönlichkeits- und Team-Entwicklung bleibt somit auch mehr Raum, was sich natürlich direkt in der Arbeitseffektivität widerspiegelt – die Velocity steigt, die Qualität bleibt hoch. Folge: Der ScrumMaster kann sich mehr und nachhaltiger um die Lösung von Impediments kümmern.

Beobachtung 2: Ein ScrumMaster schützt das Team, aber er hat keine Schützlinge

Kennt ihr das Bild der Glucke mit ihren kleinen Küken, die ihr nahezu blind folgen, wenn sie gemeinsam zum Spazieren gehen? Die Glucke unternimmt alles, damit ihre Zöglinge vor allem und jedem geschützt werden. Manchmal verhalten sich ScrumMaster genau so, wenn sie seit vielen Sprints mit dem gleichen Entwicklungsteam zusammen sind. Natürlich ist es absolut menschlich, dass sich mit der Zeit Freundschaften zwischen dem ScrumMaster und den Teammitgliedern bilden, Menschen wachsen sich ans Herz oder gewöhnen sich einfach aneinander. Und dann? Neigen wir dann nicht dazu, Schwächen nicht mehr so konsequent und bedingungslos anzusprechen, das Gegenüber zu schonen und Missstände sogar zu ignorieren? Interessant: Auf dem fremden „Planeten“ zeigten die „Außerirdischen“ sehr ähnliche Symptome. Sie haben allerdings ziemlich schnell eine Lösung gefunden: eine ScrumMaster-Rotation!

Es wurde erkannt und angewendet, dass jeder ScrumMaster seinen eigenen Stil und seine Stärken hat, die auf unterschiedliche Weise eine Performance-Steigerung im Team bewirken können. Erst gute und gemeinsame Emotionen lassen ein Gefühl für Gemeinschaft und Vertraulichkeit entstehen. Das ist anzustreben, um konzentriert arbeiten zu können. Aber ein regelmäßiger Teamwechsel ist eine Chance für den ScrumMaster und für das Entwicklungsteam: Der eine vermeidet die Fallen der Routine und das Team profitiert von den Fähigkeiten anderer ScrumMaster.

Beobachtung 3: Eine wirkungsvollen Vision unterstützt die Veränderung

Mut zu signifikanten Veränderungen in der Organisation haben, ist ein agiler Wert (Courage). Zu wenig davon kann teuer für ein Unternehmen sein, das auf dem Weg zur Agilisierung ist. Änderungen sind bekanntlich unbequem und schmerzhaft, können Angst und Widerstand erzeugen. Grund genug, um diese unter Vorwand nicht umzusetzen oder zu verschieben.

Auf dem „Planeten“, den ich besuchte, haben dessen „Bewohner“ im Rahmen der Entwicklung neuer Produkte einen Weg gefunden, mit den Veränderungsängsten umzugehen: Sie stellen sich ein sehr klares Bild einer gemeinsamen gewünschten Zukunft vor. Das tun sie so lange, bis dieses Bild so vielversprechend, klar und schön ist, dass es eine große Anziehungskraft entwickelt, für alle! Sie beginnen die Zukunft mit dem neuen Produkt zu lieben! Danach fällt es allen leichter, die Kraft und die Entschlossenheit für die Bewältigung der Schwierigkeiten auf dem Weg dahin zu finden.

Ich bin jetzt von der Reise zurück, fest entschlossen das zu nutzen, einzusetzen und anderen zurückzugeben, was ich für mich erkannt, herausgefunden, erlebt habe.

Hier mein Aufruf an die vielen ScrumMaster, die sicher ständig ihre neugierigen Blicke als Change Agent schweifen lassen:

  • Formt kleine Teams
  • Wendet die richtige Mischung persönlicher Bindung und Team-Förderung an
  • Sorgt für Inspiration im Team durch den Product Owner

Ich bin seit meiner Rückkehr von diesem gar nicht mehr so fremden Planeten überzeugt, dass wenn ihr schon einen der drei Punkte verfolgt, viele Erfolgsstories auch auf euren Heimatplaneten entstehen.