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Definition of Socks

Sonntagnachmittag bei uns zu Hause. Ein Haufen gewaschener Wäsche türmt sich auf dem Sofa. Jetzt nehmen wir uns die Socken vor. Mein Sohn weiß aus seinen eigenen Beobachtungen, wie das geht.

Er nimmt sich scheinbar willkürlich zwei Socken heraus, legt sie vergleichend übereinander, zerrt und zupft an ihnen, sagt dabei „rollen, rollen, rollen“, und wirft sie dann in die Wäschebox zurück.

Damit ist für ihn der Prozess abgeschlossen, und er sieht hochzufrieden aus.

 

Ich bin da mit meiner Definition of Done schon etwas weiter. Anders als bei meinem Sohn, ist bei mir in etwa 90% der Fälle der Vergleichstest erfolgreich: Ich erwische das richtige Paar Socken. Zugegeben: Meistens bleiben danach Einzelgänger übrig, aber da steckt der Wurm an anderer Stelle im Prozess. Nicht mein Problem. Außerdem schaffe ich es, die Sockenpaare so zusammenzurollen, dass sie miteinander verbunden bleiben. Letzer Arbeitschritt, bevor ich fertig bin: Der Transport der Sockenpaare in die Schublade des Kleiderschranks.

 

An einer Definition of Done können wir ablesen, wie viele nachgelagerte Schritte zwischen dem Produkt (Reinigungszyklus Socken) und seiner qualitativ einwandfreien Nutzung (dem Tragen) stehen.

Auf dem untersten (weil anfänglichen) Level steht die Sammlung, gefolgt vom Waschgang. Dann kommen das Aufhängen, das Trocknen, das Sortieren, und schließlich das Einräumen. Auf jedem dieser Level lassen sich unterschiedlich hohe Qualitätsansprüche festlegen. Wichtig ist für mich, dass die Socken sauber sind und einen angenehmen, unaufdringlichen Duft verbreiten, dass sie richtig trocken werden, und dass ich sie morgens mit minimalstem Aufwand und ohne böse Überraschungen wieder verwenden kann. Außerdem sollen sie möglichst geschmeidig sein.

 

Ginge es nach dem Qualitätsanspruch meines Sohnes, müsste ich jeden Morgen die passenden Sockenpaare selber ausfindig machen. Dieser Arbeitsschritt bleibt mir nach meiner Definition of Done erspart, denn ich habe das Level der Bündelung schon erreicht.

 

Ist damit das Ende der qualitativen Fahnenstange erreicht? Sicher nicht. Ich bin farbenblind und stehe morgens meist im Dunkeln auf. Da kann es durchaus passieren, dass die Sockenfarbe nicht zu der des Anzuges passt. Oder dass ich im Laufe des Tages ein Loch in der Socke entdecke. Beides ist unangenehm und vermeidbar. Ich könnte meine Definition of Done anheben und festlegen, dass die Sockenpaare, nach Farben gebündelt, in unterschiedlichen Schubladen landen. Ich könnte einen Qualitätstest verlangen, so dass vor der Bündelung meine Socken auf noch so kleine Perforationen untersucht werden.

Beides ist sicher machbar, aber nicht unbedingt sinnvoll. Ich bräuchte dann vielleicht einen größeren Kleiderschrank mit mehr Schubladen. Und für den Qualitätstest gingen dann vom Sonntag Nachmittag nicht dreißig, sondern sechzig Minuten drauf. Das will ich nicht, denn so wichtig ist mir der Reinigungszyklus meiner Socken dann auch wieder nicht.

 

Vielleicht lohnt es sich für mich, über Automatisierung nachzudenken. In vielen Ländern waschen die Menschen ihre Kleidung immer noch am Fluss, das ist mir erspart geblieben. Unsere Waschmaschine erledigt das fast von selber. Aber warum muss ich immer in den Keller runter, die Wäsche an die Leine hängen, um dann zwei Tage später wieder den umgekehrten Weg zu gehen? Da gehen insgesamt bestimmt 40 Minuten drauf und meinen Sohn kann ich nicht alleine oben lassen. Ich erkenne: Da habe ich technische Schulden akkumuliert. Einen eigenen Wäschetrockner kann ich mir nicht leisten (kein Platz), aber so ein kombinierter Wäsche-/Trockenautomat wäre schon toll. Das aber wäre keine kleine Investition, das Geld würde an anderer Stelle fehlen.

 

Also muss ich schnell entscheiden: Wäschereinigungszyklus verbessern? Pro: Mehr Zeit am Sonntag mit der Familie. Contra: So teuer, dass wir uns in den Urlaub in den Alpen nicht leisten könnten. Wie kann ich mich da entscheiden, ob ich unsere begrenzten Ressourcen dafür investieren soll?

Na klar! Ich muss priorisieren! Aber nach welchen Kriterien? Durch den Kauf des kombinierten Trockenautomaten verzichte ich auf den Urlaub und spare statt dessen manuellen Aufwand beim Waschen. In Scrum gesprochen: Meine Velocity sinkt (ich bekomme weniger Funktionalitäten in die Hand), dafür steigt die Qualität eines bestehenden Prozesses.

Welche Investition ist die bessere?

Ich nehme zur Berechnung mein kostbarstes Kriterium: Zeit. Wenn ich durch den kombinierten Trockenautomaten 15 Minuten pro Wochenende spare, dann macht das knappe 14 Stunden Zeiteinsparung pro Jahr aus. Verglichen mit fünf Tagen in den Alpen ist das lächerlich.

Es fällt mir diesmal leicht, eine Entscheidung zu treffen. Wenn ich aber morgen das teure Markenwaschmittel kaufe, wird mich wieder das schlechte Gewissen befallen. Sollte ich statt dessen nicht besser für eine neue Waschmaschine sparen, ehe die alte eines Tages für immer den Geist aufgibt und mich mit meiner schmutzigen Wäsche alleine lässt?

 

Meine Vision ist mir heute jedenfalls klar geworden: Einen Haushalt zu haben, den ich auf Knopfdruck bedienen kann, um mich danach entspannt zurückzulehnen und die schönen Dingen dieses Lebens zu tun. Vielleicht wurde auf der CEBIT ja was Spannendes präsentiert. Die müssen sich ja mitterweile schon Gedanken zum modernen Haushalt gemacht haben. Vielleicht hat das Web 3.0 Textilien sogar schon abgeschafft und mein Problem damit erledigt. Aber das ist ein anderes Thema.

  • bgloger

    Hi Bernd – die Lösung heisst Haushaltshilfe :) Outsourcing statt Technik :))