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Warum Obama nur graue und blaue Anzüge trägt: Von Stabilität in Veränderungsprozessen

Wenn wir zu unseren Kunden gehen, dann immer mit der Absicht, etwas zu verändern. Wir implementieren Scrum, was einhergeht mit einer Veränderung der Rollen, Prozesse und Werte der Zusammenarbeit. Und wir möchten am liebsten, dass alle Mitarbeiter freudig aufspringen und rufen: „JA! Wir wollen uns verändern!“ Stattdessen jedoch sind viele Mitarbeiter erst einmal verhalten: „Ja, die agile Idee ist klasse und wir haben schon viel von Scrum gehört und gelesen, aber ich bin mal gespannt, wie ihr das hier machen wollt.“

 

Und dann starten wir mit ersten Trainings und damit, die ersten Teams auf Scrum umzustellen. Das bedeutet für die Mitarbeiter viel Veränderung: Die Teams werden neu gemischt, Mitarbeiter bekommen andere Rollen, wir implementieren Regelmeetings, alles wird transparent gemacht und wir sprechen plötzlich offen mit allen über Hindernisse in der Organisation. Uffz! So anstrengend haben sich die Mitarbeiter die Umstellung gar nicht vorgestellt. Plötzlich spürt man in den Teams den Gedanken: „Och, eigentlich war es doch immer ganz gemütlich hier. Können wir nicht wieder zurück?“ Dann bekommen die Consultants eine anstrengende Aufgabe, nämlich die angestoßene Veränderung konsequent weiter aufrecht zu erhalten. Die Veränderungen müssen im Verhalten der Mitarbeiter und den Prozessen im Unternehmen verankert werden.

Nicht zu früh abweichen!

Aber das Zurückrudern meinen die Mitarbeiter nicht böse – für diese Reaktion gibt es eine rein biologische Erklärung. Professor Gerhard Roth, Neurobiologe an der Universität Bremen sagt: „Für unser Gehirn gibt es kaum etwas schwierigeres, als Gewohnheiten abzulegen.“ Wir haben uns bereits an Verhaltensweisen gewöhnt und können sie automatisch anwenden. Das ist gut so, denn wir müssen selektieren, worüber wir uns Gedanken machen, sonst läuft unser Arbeitsspeicher im Gehirn voll.

 

Barack Obama trägt nur blaue und graue Anzüge. Warum? Er sagt: „Ich will mich nicht entscheiden, was ich anziehe oder esse, weil ich zu viele andere Entscheidungen treffen muss.“ Gewohnheiten und Routinen sind wichtig, um uns Luft zu verschaffen und sie geben uns Sicherheit. „Das Gehirn versucht unentwegt, so viele Handlungen wie möglich in Routinen zu verwandeln,“ sagt Professor Roth. Und daran arbeiten wir mit der Einführung unseres Scrum-Flows: eine neue Sicherheit und Routine herzustellen. Ja, ich weiß, das dauert ein paar Sprints, aber es funktioniert! Dazu müssen Mitarbeiter und Consultants großes Durchhaltevermögen beweisen und konsequent zusammenarbeiten.

 

Viele Teilnehmer in Trainings fragen mich: „Was ist der größte Fehler, den man bei der Einführung von Scrum machen kann?“ Und meine Antwort darauf ist: „Das zu frühe Abweichen vom Scrum-Flow und den Scrum-Grundlagen. Oder den vermeintlich nervenden Consultant zu früh nach Hause zu schicken.“ Mindestens die ersten drei Sprints sollten wirklich nach Lehrbuch umgesetzt werden. Da muss man sich durchbeißen, und konsequent sein. Das ist hart, aber danach wird der Scrum-Flow zur Routine und wir können uns stärker auf andere Dinge konzentrieren, wie z.B. Teamentwicklung oder Steigerung des Levels of Done. Jetzt beginnt also die Kür der Veränderung und damit der eigentlich spannende Teil. Daher lautet mein Rat zu Anfang: „Haltet durch! Land ist in Sicht“

 

Angelehnt an den Artikel „So besiegen Sie schlechte Gewohnheiten!“ (Elke Hartmann-Wolff) im  Focus 02/13 vom 07.01.2013