Drücken Sie Enter, um das Ergebnis zu sehen oder Esc um abzubrechen.

Nach dem Start erkennt man das Wichtigste

Im Marmot LIFE Magazin #4 (2012) schreibt Alpinist Stefan Glowacz: „So ist der Plan, die Realität sieht anders aus.“ Was war passiert? Ein Team von vier Experten in Patagonien, ein Berg (Fitz Roy), eine Route in der Ostwand und ein Sturm, der das Team in die Knie zwingt. Stefan Glowacz schreibt weiter: „In diesen Momenten bekommt der Mensch seine Grenzen gnadenlos aufgezeigt.“

By Winky from Oxford, UK (Flickr) [CC-BY-2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia CommonsViele der Grenzen, die uns umgeben, erkennen wir nicht so deutlich, wie ein Alpinist in einem Inferno von Wind, Kälte und Schnee. Nur die Natur zeigt uns treu und beharrlich, was wir nicht beherrschen. Meist erkennen wir erst nach dem Start, geschäftlich wie privat, was das Wichtigste auf unserer Reise sein wird. Ein Plan hilft, denn die Planung selbst war wertvoll. Ab jetzt heißt es: Erfahrungen machen und sich den Gegebenheiten anpassen, denn man weiß nicht, was als nächstes aus dem Nichts auftaucht. Ein Plan ist die letzte Schätzung, bevor es auf die Reise geht.

In der agilen Produktentwicklung akzeptieren wir unsere Grenzen. Wir gehen davon aus, dass wir vor dem Start nicht alles wissen, nicht alles planen können und akzeptieren, dass es auf unserem Weg zum Produkt stürmisch zugehen kann. Wir gehen auf eine Expedition. Sehen die Route durch die Wand, zum Gipfel hin aus der Entfernung unscharf vor unseren Augen und doch kennen wir das Ziel. Meter für Meter steigen wir hinauf, immer den nächsten Tritt, den nächsten Griff suchend. Jeder Abschnitt des Berges stellt eigene, neue Anforderungen an uns. Schrittweise verfeinern wir somit unsere Vision. Durch das Beschreiten des Weges beginnen wir zu verstehen – Etappe für Etappe mehr. Es wird greifbar, den Gipfel im Kopf, gehen wir die nächsten Meter an, soweit wir voraussehen können.

Stefan Glowacz schreibt: „Der limitierende Faktor im Himalaya ist bekanntlich die Höhe der Berge, in Patagonien sind es die unberechenbaren und gefürchteten Stürme. Rein statistisch gesehen stehen dem Kletterer nur zwei bis drei Schönwettertage […] zur Verfügung, […]“. In beiden Fällen ist die Zeit der begrenzende Faktor für die Expedition. Das ist in der Produktentwicklung nicht anders. Auch hier ist die Zeit knapp und zusätzlich ist es riskant, zu viel zu planen. Grund hierfür sind wie auch am Fels die externen Bedingungen, die sich stetig ändern. Neue Bedingungen stellen neue Anforderungen an uns, auf die wir uns einstellen müssen. Gerade das führt in der Produktentwicklung dazu, dass man keine Zeit an Anforderungen verlieren sollte, die sich ändern werden. Zu Beginn alle Anforderungen gleich zu behandeln ist verschwenderisch. Daher steigen wir mit einer soliden und grundlegenden Planung auf und haben die richtigen Fähigkeiten im Rucksack. Mit Disziplin und mentaler Stärke reagieren wir auf sich ändernde Bedingungen und haben auch den Mut, eine Expedition abzubrechen. Frei nach dem Motto: „Ein sehr guter Bergsteiger kommt wieder nach Hause.“

Was bringt uns in der Produktentwicklung sicher nach Hause?

Ein fernes Ziel haben, lässt uns die Route selbst wählen, jedoch die Richtung steht und wir richten uns daran aus. Nicht am Start alles im Detail planen, denn auf der Strecke werden wir wertvolle Entdeckungen und Erfahrungen machen, die wir vorher nicht erahnen konnten. Nicht alle Anforderungen gleich behandeln, sondern die wichtigen zuerst und den Rest hinten anstellen. Das vermeidet Verschwendung. Nicht zu viele Themen ins Backlog packen, denn ein zu großer Rucksack kann nicht weit getragen werden. Ein zu großes Backlogs zeigt nur, dass ein Team überlastet mit der geplanten Arbeit ist. In diesem Sinne: sicher starten und sicher ans Ziel kommen.