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Aus den Regeln wächst die Selbstorganisation

Ordnung ermöglicht „… richtige Erwartungen bezüglich des Restes zu bilden, oder doch zumindest Erwartungen, die sich sehr wahrscheinlich als richtig erweisen werden“ (von Hayek, 1980, S. 57). Diese Erwartbarkeit aufgrund von Ordnung ist wichtig, da Menschen sich bei der Verwirklichung ihrer Pläne darauf verlassen, dass andere Menschen in ihrer Gesellschaft gemäß ihrer Erwartungen handeln.

Wird von Selbstorganisation als einem überlegenen Ansatz gegenüber der klassischen Organisationsform gesprochen, meint man in der Regel nur eine mögliche Ausprägung bzw. Folgen von Selbstorganisation. Mit dieser Art der Organisation wird weiterhin assoziiert, dass keine Regeln mehr benötigt werden bzw. erst das Abschaffen von Regeln die Selbstorganisation möglich macht. Dieses Verständnis von Selbstorganisation erklärt, warum bei der Einführung bzw. Nutzung in vielen Fällen die gewünschten Erfolge ausbleiben oder bestimmte Verhaltensweisen überraschen. Von Hayek, der Denker des Urkonzeptes der Selbstorganisation in den Wirtschaftswissenschaften, sieht jedoch in der Bildung und Nutzung von Regeln den Kern der Ordnung und somit der Selbstorganisation.

Von Hayek (1980, S. 58ff) unterscheidet zwischen unterschiedlichen Arten von Ordnung: der gewachsenen, spontanten Ordnung (Kosmos) und der bewusst hergestellten Ordnung (Taxis). Organisationen sind in der Regel taxisch geordnet. Märkte, Sprache und Recht sind Beispiele für spontane Ordnung. Mit zunehmender Komplexität ist jedoch auch die Organisation darauf angewiesen, spontane Ordnung zuzulassen. Bewusst gesetzte Regeln sind allerdings entgegen mancher Annahmen kein Hinderungsgrund für spontane Ordnung.

Kosmos

(vgl. von Hayek, 1969, S. 97ff.; 1980, S. 60ff.)

Spontane Ordnung ist nicht beabsichtigt und deshalb nicht das Ergebnis eines „menschlichen Entwurfes“. Sie entsteht unplanmäßg durch das Handeln von Vielen nach bestimmten abstrakten, den Individuen nicht zwangsläufig bewussten Regeln. Die Gesamtordnung entsteht nicht durch gleiche Handlungen oder Umstände für Reaktionen, sondern durch die abstrakten Regeln, die bewusst oder unbewusst befolgt werden. Dafür ist es unerheblich, ob diese Regeln spontan, im Sinne von – von selbst, allmählich gewachsen –  entstanden oder „absichtlich entworfen“ (Göbel, 1998, S. 54) und somit dem System vorgegeben sind. Außerdem ist es trotz bzw. gerade aufgrund der Abstraktheit der Regeln möglich, dass individuelle Ziele verfolgt werden und nicht die Bildung einer Ordnung im Mittelpunkt steht. Stabilität auf Ebene der Ordnung durch die abstrakten Regeln wird mit Flexibilität auf Ebene der Individuen durch das Agieren gemäß der situativen Umstände verbunden. Das zerstückelte Wissen, also die Kenntnis über die Umstände des eigenen Handelns, wird besser genutzt (Göbel, 1998, S. 55). Von Hayek (1980, S. 49ff.) führt an, dass die Befolgung der Regeln wahrscheinlich wird, da sie vom ständigen genauen Analysieren und Abwägen entlasten. Aufgrund der Angepasstheit an die Umwelt, in der sie entstanden sind und die Berücksichtigung des Eigeninteresses der ,Befolger‘, verstärken sich die Regeln durch Einhaltung evolutionär selbst (von Hayek, 1980, S. 135). Eine Bewertung, ob es sich bei der funktionierenden Ordnung um eine „richtige“ Ordnung handelt, kann jedoch nur anhand anderer Systeme (Wertesystem, Ökosystem) erfolgen.

Taxis

(vgl. von Hayek, 1980, S. 59ff; 1969, S. 33ff.)

Eine Organisation ist nach von Hayek (1969, S. 34) „Eine Ordnung, die erzielt wird, indem die Teile nach einem vorgefaßten Plan in Beziehung zueinander gebracht werden (…)“. Diese Art von Ordnung wird bewusst von einem oder wenigen Individuen hergestellt. Daher kann sie bei direkter Anweisung (Befehl und Gehorsam) nur das Wissen des Organisators nutzen (von Hayek, 1980, S. 59). Eine Annäherung von Taxis und Kosmos sehen von Hayek und Göbel (vgl. Göbel, 1998, S. 56f) bereits bei einem Mindestmaß von Komplexität in Organisationen. Bereits dann muss auf Regeln zurückgegriffen werden, die nicht mehr durch die direkte Anweisung sondern durch allgemeinere Vorgaben bzgl. Methoden und Aufgaben das Wissen der Individuen mit einbeziehen. Nur so wird die Erreichung des Ziels der Organisation möglich. Diese Regeln in der Organisation unterscheiden sich von Regeln in einer spontanen Ordnung hinsichtlich bewusster Gestaltung, Bewusstsein bei den Individuen, Allgemeingültigkeit, Ausrichtung auf einen übergeordneten zu erfüllenden Zweck. Bei zunehmender Komplexität entstehen jedoch „Lücken“ (von Hayek, 1980, S. 73), mehr und mehr Raum für spontane Ordnungsbildung, da Befehle immer weniger abdecken und Regeln abstrakter werden (vgl. von Hayek, 1969, S. 42). Göbel (1998, S. 57) hält es außerdem für möglich, dass die befolgten Regeln nicht unbedingt bewusst sind und sich neben den vorgegebenen Regeln ergänzende oder außer Kraft setzende andere Regeln spontan bilden. Dabei können durchaus die Interessen der Organisationsmitglieder und die spezifischen Umstände berücksichtigt werden (Göbel, 1998, S. 57). Von Hayek (1980, S. 79) stellt explizit heraus, dass sich die Organisationen neben der Taxis auf die Selbstorganisation verlassen müssen, wenn sie anpassungsfähig und nicht nur auf das Wissen Weniger angewiesen sind.

Als Organisation bleibt einem laut Hayek also gar nichts anderes übrig, als Selbstorganisation zu nutzen. Und bei dem heutigen Komplexitätsgrad sind wir wahrscheinlich unbewusst bereits Profis. Nicht das bewusste Abschaffen von Regeln führt also zur Selbstorganisation, sondern der Mut zur Lücke reicht für den Anfang völlig aus.

 

Hayek, F. A. von (1969): Freiburger Studien, Tübingen

Hayek, F. A. von (1980): Recht, Gesetzgebung und Freiheit, Band 1: Regeln und Ordnung, München

Göbel, E. (1998): Theorie und Gestaltung der Selbstorganisation, Berlin.