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Vom Maß der Dinge – Bugs und Velocity

Bugs

„Die französische Kolonialherrschaft in Hanoi verabschiedete ein Gesetz: Für jede tote Ratte, die man ablieferte, gab es Geld. Damit wollte man der Rattenplage Herr werden. Das Gesetz führte dazu, dass Ratten gezüchtet wurden.“ (Rolf Dobelli)

Diese Geschichte erzähle ich gerne, wenn ich in Diskussionen über die Belohnung der Teams pro gefixten Bug gerate. Die einen sind dafür, die anderen dagegen. Manche meinen, dass Zero-Bug-Policy die einzige zulässige Möglichkeit ist. Es gibt jedoch keine eindeutig „richtige“ Antwort, denn Ausgangssituationen unterscheiden sich. Belohnungen pro gefixtem Bug könnten sinnvoll sein, wenn z.Bsp. ein Team anfängt, auf einer Plattform zu entwickeln, aber zuerst die Altlasten und frühere Verschulden aufräumen muss. Entstehen die Bugs jedoch in eigener „Produktion“ so deuten diese auf Optimierungspotentiale innerhalb der eigenen Entwicklung. In solchen Fällen sollte man „Ursachenforschung“ betreiben, Problembereiche identifizieren und Lösungsvorschläge erarbeiten. Eine „Belohnung“ pro gefixtem Bug, bzw. die Aufnahme in die KPI´s (je mehr gefixt desto besser) könnte in solchen Fällen am Ziel knapp vorbeischießen (siehe Beispiel oben). Bei der Frage, ob ein Team eine zusätzliche Vergütung pro gefixtem Bug kriegen sollte, ist daher die Antwort „Je nachdem“ angebracht. Zuerst sollte man sich mit der aktuellen Situation auseinandersetzen – in jenem Unternehmen, in jenem Team. Man braucht einen „second glance“.

Velocity

Vergleicht man zum Beispiel die Durchschnittsgehälter in verschiedenen Ländern, ohne dabei die Preise der Länder zu betrachten, könnte man zu falschen Schlüssen kommen. Die saloppe Betrachtung der in der Schweiz eingesetzten EUR 100,- liefert einen anderen Output, als der Einsatz der gleichen grünen Coupüre in Griechenland oder Deutschland.

Ähnliche Überlegungen könnte man beim Vergleich der Velocity zwischen Teams anstellen. Angenommen, Mitgliederanzahl und Sprintlänge der zu vergleichenden Teams sind gleich, diese Teams arbeiten an unterschiedlichen Features, befinden sich in unterschiedlichen Stadien der Produktentwicklung – die noch dazu eine unterschiedliche Komplexität in der eingesetzten Technik aufweist – und nicht zuletzt bestehen sie aus unterschiedlichen Menschen mit einzigartigen Erfahrungen. Also können geleistete 100 Storypoints von Team A eine andere Aussage haben, als geleistete 100 Storypoints von Team B. Ob ein Team performt oder nicht, kann man erst nach einer Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation sagen. There is a need for a  „second glance“.

Der Vergleich der Velocity innerhalb des Teams über einen Zeitraum ist auf jeden Fall zu empfehlen, darf jedoch nicht überbewertet werden. Ein Team könnte die Stories einfach mit höheren Werten, ausgedrückt in Storypoints, schätzen – dabei aber eine konstante Anzahl der Features liefern. Umgekehrt könnte ein Team User Stories niedriger schätzen, da Erfahrungswerte gesammelt wurden, Domainwissen vorhanden ist, etc. Die alleinige Betrachtung der Velocity-Entwicklung liefert außerdem keine Informationen über eventuell erhöhte Qualität, wenn ein Team zum Beispiel Altlasten aufgeräumt, Bugs gefixt hat, etc. Es empfielt sich, wie schon oben erwähnt, die Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation samt dem „zweiten Blick“ auf die Situation.

Die Metrik alleine ist bloß ein Zahl. Aus dem Zusammenhang gerissen und losgelöst interpretiert, könnte sie zu falschen Ergebnissen führen. Sogar die einfachsten Metriken, wie die Lufttemperatur, müssen als unterschiedlich wahrgenommen werden, wenn man eine weitere Metrik – Luftfeuchtigkeit in Betracht zieht: -10°C bei hoher Luftfeuchtigkeit werden kälter empfunden als -10°C bei einer niedrigeren Luftfeuchtigkeit. Und nimmt man auch noch die Windstärke dazu… Ein komplexes System einer Produktentwicklung – bestehend aus Menschen, Methoden, Maschinen, Materialen und der Umwelt – bedarf unbedingt einer Auseinandersetzung mit der gegebenen Situation. Die Interpretation der Zahl, immer wieder aufs Neue, soll die Ursache für die Veränderung bringen.

Literaturtipp
Ralf Dobelli: „Die Kunst des klaren Denkens“