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Der Flügelschlag eines Schmetterlings

Habt ihr schon mal einen Weitspringer in seiner Vorbereitung auf einen anstehenden Wettkampf beobachtet? Akribisch genau misst er seinen Anlauf ab. Er hat seine Schrittzahl im Kopf, die er vom Absprungbalken aus abgeht und bis dorthin abzählt, wo er seinen Anlauf beginnen wird. Exakt dort platziert er ein persönliches Erkennungszeichen, damit er weiß, wo sein Anlauf startet. Wenn der Athlet an der Reihe ist, begibt er sich zu seiner Marke, geht den gesamten Sprungablauf noch mal in seinem Kopf durch, motiviert sich, läuft los und … übertritt (manchmal). Der Springer nimmt Blickkontakt mit seinem Trainer auf, der den Sprung beobachtet hat. Die beiden tauschen sich mit Zeichen aus. Der Springer nickt, geht zu seiner Marke und verschiebt sie um wenige Zentimeter nach hinten. Er nimmt wieder Anlauf, springt, trifft das Brett und landet: Bestweite!

 

copyright Dolores Omann

 

Eine kleine Intervention kann zu einer großen Veränderung führen. Natürlich ist das nicht der Normalfall und auch nicht planbar. Tritt ein solcher Effekt jedoch ein, dann spricht man vom Schmetterlingseffekt: In einem komplexen, nichtlinearen dynamischen System besteht eine große Empfindlichkeit auf kleine Abweichungen in den Anfangsbedingungen. Geringfügige Interventionen in den Anfangsbedingungen können im langfristigen Verlauf zu einer signifikant anderen Entwicklung führen.

In einer meiner letzten Retrospektiven, die ich als ScrumMaster begleiten durfte, kam mir spontan eine Intervention in den Sinn, die in ihrer Wirkung einem Schmetterlingseffekt nahe kommt. Schritt 3, die Beantwortung der Frage „Was lief gut“ war abgeschlossen. Nach dem Separator, einer kurzen Verschnaufpause, wollten wir uns der Frage „Was könnte verbessert werden?“ widmen. Mir war bereits im gesamten Sprint und auch in der Retrospektive aufgefallen, dass die Teammitglieder wenig Eigeninitiative und Selbstverantwortung übernommen hatten. Immer wieder klagten sie über Impediments, die sie an mich abgaben und die Schuldigen fanden sie ständig in anderen Teammitgliedern, den widrigen Umständen und/oder der verkrusteten Organisation.

 

Ich entschied mich spontan, die anstehende Frage leicht zu verändern bzw. eine Differenzierung vorzunehmen. Statt die Teammitglieder „nur“ mit der Frage zu konfrontieren, „Was könnte verbessert werden?“, bat ich sie, außerdem Antworten auf die Frage zu finden:

 

Was könntest DU als Teammitglied verbessern?


Ich habe schon viele Retrospektiven begleitet, beobachtet oder selbst durchgeführt. Ich habe allerdings selten eine so tiefgreifende Veränderung im Denken und Reflektieren erlebt. Die Zentrierung auf die eigenen Ressourcen, Möglichkeiten, Chancen und Sorgen hatte zu einer Perspektivenerweiterung beigetragen. So entstand eine spürbar intensivere Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle im Team und der Verantwortung mit dem individuellen Beitrag. Die Formulierung von Ich-Botschaften (statt der üblichen Man-Botschaft) kann als großer Erfolg verbucht werden. Das intrinsisch motivierte Übernehmen von Verantwortung ist ein großer Schritt auf dem Weg zu einer wirklichen Veränderung im Denken und Handeln.

 

Ich kann euch ScrumMaster nur einladen, diese Intervention auszuprobieren. Vielleicht hat sie ja die Kraft des Flügelschlags eines Schmetterlings.

  • Sven Winkler

    Sorry – Doppelpost :-)

  • Sven Winkler

    Hi David,

    kann Dich da unterstützen. Mit diesem Flügelschlag verlassen die Beteiligten meist ihren Kreis der Betroffenheit :-) hab sehr viel gute Erfahrung damit gemacht.

    Viele Grüße,
    Sven :-)

  • David Holzer

    Danke an O. Boeff für sein offenes Feedback via XING. Mehr davon – konstruktiv, direkt, klar und deutlich. Thx