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Interview mit einem Akzeptanzkriterium (Teil 2)

Wieder exklusiv aus Backlogsen: bor!sgloger-Reporter David Holzer.

In Teil 1 des Interviews war das Akzeptanzkriterium etwas aufgebracht, weil es Sehnsucht nach guter Kommunikation hat und die aber so selten bekommt. Heute geht es weiter – was wir schon immer wissen wollten:

Wie und womit werden Akzeptanzkriterien erarbeitet? 

Welche Fragen muss ich mir als Product Owner und Entwicklungsteam dabei stellen? 

Was sind die Merkmale „guter“ Akzeptanzkriterien?


David Holzer: Sie haben gesagt „Feedback, Feedback, Feedback“ sei die Voraussetzung, um Sie gut und nachvollziehbar zu erarbeiten. Das klingt simpel. Oder ist es das etwa nicht?

Akzeptanzkriterium: Wer Feedback gibt, sollte immer mit dem Empfänger seiner Nachricht rechnen. Etwas zu schreiben oder zu sagen heißt noch lange nicht, dass mich mein Gegenüber versteht, geschweige denn ein Bild von dem hat, was ich möchte. Und eins muss unbedingt klar sein: Eine noch so ausgefeilte Dokumentation ersetzt auf keinen Fall die Kommunikation. Feedback geben ist eine Kunst. Und je mehr Feedback, desto besser das Verständnis und desto verständlicher das Akzeptanzkriterium – also ich.

David Holzer: Und wie funktioniert das dann? Je besser das Feedback, desto besser werden Sie?

Akzeptanzkriterium: Bevor ich Ihnen darauf eine Antwort gebe, möchte ich gern die Frage etwas umstellen. Es ist weniger das Wie als vielmehr das Womit. Wissen Sie, womit Sie so richtig viel über mich erfahren können? Womit Sie mich aus der Reserve locken und ich Ihnen meine dunkelsten Geheimnisse offenbare? Na? (zwinkert den bor!sgloger-Reporter an)

David Holzer (zwinkert zurück): Na?

Akzeptanzkriterium: Zum Beispiel mit den richtigen W-Fragen. Damit können Sie Schlüsselwörter besser verstehen. Sie haben ganz große Augen, was ist los, geht es Ihnen nicht gut, kann ich Ihnen helfen?

David Holzer: Richtige W-Fragen? Schlüsselwörter? Hä?

Akzeptanzkriterium: Na gut, weil Sie es sind, erkläre ich es ganz langsam und zum Mitschreiben. Ich unterteile die W-Fragen erstmal in zwei große Kategorien. Kategorie 1, die User Story-Fragen: wer, was und wozu? Kategorie 2, die Akzeptanzkriterien-Fragen: wann, wohin, wie? „Wie“ meint Fragen wie beispielsweise „wie genau“, „wie oft“, „wie schnell“, welcher Bezugspunkt oder was passiert, wenn nicht. Schlüsselwörter sind Wörter in einer User Story, auf die es letzten Endes ankommt und die bei der Umsetzung einen Handlungsspielraum bei der Interpretation lassen: Verben, Adjektive, Umfassungswörter, Füllwörter, etc.

David Holzer: Und das heißt jetzt konkret?

Akzeptanzkriterium: Ok, ich seh schon, Sie brauchen ein Beispiel. Nehmen wir ein Internet-Portal für Leute, die eine Mitfahrgelegenheit suchen. Privatanbieter können dort Inserate einstellen und eine Mitfahrersuche schalten. Eine User Story könnte in diesem Zusammenhang lauten: Als Mitfahrer möchte ich eine unkomplizierte Bedienoberfläche, damit ich beim Suchen gut zurecht komme. Das Adjektiv „unkompliziert“ ist jetzt ein so genanntes Schlüsselwort. Was heißt „unkompliziert“? Welche Schritte sind notwendig, um „unkompliziert“ zu erhalten? Welche Nutzer sind zu berücksichtigen? Welche Zeitvorgaben sind zu beachten? Welche möglichen Standards gilt es zu beachten, wenn „unkompliziert“ umgesetzt werden soll? (mustert den Reporter) Sie sehen gerade so aus, als hätten Sie es verstanden.

David Holzer: Ich sehe nicht nur so aus, ich verstehe jetzt wohl wirklich, was Sie mit Kommunikation gemeint haben. Haben Sie für unsere Leser noch ein Beispiel für andere Schlüsselwörter?

Akzeptanzkriterium: Endlich versteht mich jemand! (seufzt laut auf) Selbstverständlich, ich habe noch tausende Beispiele, aber ich bleibe mal bei einem. Eine User Story könnte lauten: Als Admin möchte ich nicht ernstgemeinte Mitfahrannoncen sperren, um den Missbrauch der Seite zu verhindern. Das Verb „sperren“ ist ein Schlüsselwort. Wer sperrt? Und warum? Wie kann das „Sperren“ durchgeführt werden? Ab wann wird gesperrt? Wie kann ich überprüfen, dass der Sperrvorgang erfolgreich war? Was könnte „Sperren“ verhindern? Welche möglichen Fehleingaben müssen beim Sperren abgefangen werden?

David Holzer: Können auch Substantive Schlüsselwörter sein?

Akzeptantkriterium: Ja klar doch. Auch Substantive können Schlüsselwörter sein. Die User Story „Als User des Interportals möchte ich Benachrichtigungen bekommen, damit ich sofort neue und passende Angebote  sehen kann. Das Substantiv „Benachrichtigung“ ist ein Schlüsselwort. Welche Inhalte sollen dort enthalten sein? Wie sieht das Layout einer Benachrichtigung aus? Welche Inhalte von „Benachrichtigung“ sind nach welchen Regeln zu prüfen? Alles klar?

David Holzer: Jetzt wird mir einiges klarer. Eine Frage drängt sich mir aber auf. Inwieweit gibt es einen Widerspruch bei der Qualität einer Userstory (INVEST) und dem, was Sie gerade über die qualitativen Anforderungen eines Akzeptantkriteriums erzählen?

Akzeptanzkriterium: Wenn man sich an die drei C – Card, Conversation, Confirmation – hält, dann gibt es tatsächlich zwei Seiten einer Medaille, um nicht sogar zu sagen, einen Widerspruch. Wieso I-N-V-E-S-T, wenn meine Akzeptanzkriterien eigentlich eindeutig, widerspruchsfrei und nachweisbar sein sollen? Wieso ist eine Userstory SMALL, wenn es so viele Informationen darüber braucht? Könnte man die nicht alle gleich reinschreiben, dann muss man nicht mehr so viel fragen? Schaut man jedoch genauer hin, dann ist es kein Widerspruch, sondern zwingend erforderlich und auch durchaus handhabbar und sinnvoll.

David Holzer: Das müssen Sie mir erklären.

Akzeptanzkriterium: Eine User Story hat nie den Anspruch auf Vollständigkeit. Nie. Die Kürze dient dazu, ein Verständnis zu erlangen. Alles, was danach kommt ist ein kommunikativer Austausch über das, was zwischen den Zeilen steht, also, das was die Schlüsselwörter betrifft. Keine schriftliche Dokumentation dieser Welt wäre dazu in der Lage das zu leisten, was ein gutes, ausgiebiges Gespräch zwischen einem Product Owner, dem Verfasser der US und seinem Entwicklungsteam, den Umsetzern der Inhalte der US, schafft. Kommunikation ist essentiell und DER Erfolgsfaktor verständlicher, eindeutiger und vor allem widerspruchsfreier Akzeptanzkriterien. Natürlich erfordert das Übung und damit auch Zeit. Zeit, die wir eigentlich gar nicht haben. Allerdings zeigt sich eins und das nachhaltig: Wenn du dir für die Kommunikation von Akzeptanzkriterien nicht ausreichend Zeit nimmst und Fragezeichen akzeptierst, dann sparst du bei der Zeit am falschen Ende. Die Konsequenz ist fehlende Qualität. Fehlende Qualität bedeutet unzufriedene Kunden. Und das braucht ja nun wirklich niemand.

David Holzer: Der Meinung bin ich auch. Danke für das Gespräch!