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Der Sinn des Dilettantismus in der agilen Produktentwicklungswelt

„Für sinnkonstituierende Systeme hat alles Sinn.“ (N. Luhmann)

Soll heißen: Auch der scheinbare Unsinn besitzt eine sinnstiftende Funktion.

In dem Artikel „Dem Amateur ist nichts zu schwör“ aus dem Magazin der Süddeutschen Zeitung (Nummer 24/ 20120615), wird der Scheinwerfer auf die Dilettanten in der Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gerichtet und auf das Faktum, dass nervige und zunächst substanzlos wirkende Fragen oftmals zum Nach- und Neudenken bewegen.

Berichtet wird unter anderem über das in New York beheimatete „Genspace“. Dabei handelt es sich um ein Labor, dessen Team aus Künstlern, Programmierern und einem einzigen Biologen besteht, das an zunächst sinnfrei erscheinenden Themen/Produkten forscht/entwickelt. Zum Beispiel möchte man, dass Zellen das tun, was man ihnen befiehlt oder dass Bakterien bei Schwarzlicht bunt leuchten. Zur Vorbereitung bekommen die Laien einen Einführungskurs in Genforschung und dann … werden sie losgelassen.

Es existieren nicht viele Gesetze, best practices, Rituale (auch verhaltensbasiert) dazu, was und wie man „es“ tut. Dadurch existieren auch die in der Vergangenheit von den „ausgebildeten Experten“ aufgestellten Denkblockaden – oder nennen wir es „creative thinking in a jail“ (Kreativität des Denken in einer Gefängniszelle) – nicht. Einen Beweis, dass ein Dilettantenteam etwas Gehaltvolles liefert, ist am Anfang nicht möglich. Es braucht Pioniere mit Mut, Courage und Verstand die es: einfach mal machen.

Naja die Süddeutsche würde aber nur ungern so etwas ohne Bewies veröffentlichen und hat bis heute gewartet, um ihre Leser mit Sicherheit einzulullen:

Vor Zwei Jahren wurde ein Artikel in Nature, dem wichtigsten Wissenschaftsmagazin der Welt, veröffentlicht, dessen Ergebnisse teilweise von Amateuren stammten, die in einer Art Computerspiel die Struktur von Proteinsträngen analysiert hatten.“

Tipps vom Dilettanten?

Ich erlebe in meiner Arbeit häufig Meetings, bei denen vermeintliche Dilettanten Feedback und Verbesserungstipps zu einem hochkomplexen Produkt geben, das soeben von – zumindest für dieses Produkt – gestandenen Professionellen gebaut wurde. Es sind die Reviews, in denen das Scrum-Team auf die User und Stakeholder trifft, um aus dem Meeting Input & Improvements mitzunehmen. Nun erlebe ich im Anschluss der Vorstellung eines ProduktInkrements öfters, wie Wünsche, Fragen, und Feature-Ideen aus dem Dilettantenkreis auftauchen, an die die Entwickler keinen Gedanken „verschwenden“ und direkt abwinken: „absurd“, „unmöglich“, „epic lol“…

Warum?

Sie bedienen sich des manifestiert Erlernten, bewegen sich somit in ihrem „creative thinking in a jail“, das genug Gesetze, Rituale, best practices kennt, um diese Ideen lebenslänglich in Einzelhaft zu nehmen. Mit viel Glück bekommt man noch ein „Jaaaa, in 10 Jahren vielleicht…“ und sofort darf ich eine Frage stellen: „Was müsste denn bis dahin geschehen?“ Das ist eine typische Frage, die in Startup-Unternehmen der Trigger ist, um innovative Produkte mit kreativen Lösungen für die Welt zu finden. Es ist die Freiheit, den Sinn der Gegebenheiten einmal zu ignorieren und seiner Kreativität dabei zu helfen, auszubrechen. Lösungen tatsächlich „out of the box“ finden zu müssen.

Dilettanten sind Erneuerer

Die Süddeutsche erinnert an folgende Tatsache: „In der Kulturgeschichte galten Dilettanten lange Zeit als Erneurer.“ Es ist nicht einfach, die Sinnfreiheit und den Dilettantismus zu nutzen, aber damit wir bei agiler Produktentwicklung wirklich etwas Neues schaffen, sollten wir es einfach mal machen.

Es war ja auch schon immer sinnfrei Jazz und elektronische Musik zu vereinen. Fragt dazu den ehemaligen Electromusic-Dilettanten Klaus Waldeck.

Es war ja auch schon immer sinnfrei, Klassik und elektronische Musik zu vereinen. Fragt dazu den ehemaligen Klassik-Dilettanten Henrik Schwarz.

Oder hört einfach mal in eure Produkte hinein. Um der Süddeutschen zu huldigen: Die beiden haben sich heute schon bewiesen und ihre Produktionen werden teilweise auf den wichtigsten Labels der Welt veröffentlicht.

  • Und hier kommt man dann auch wieder auf die eigentlich Wortbedeutung zurück:
    dilettare (it.) = sich erfreuen und Amateur (frz.) = der Liebhaber

  • Chris

    Vielen Dank für den Beitrag. Auch ich habe oft als Marketing-Typ oft Vorschläge an die Entwickler heran getragen, die zunächst abgewimmelt und später doch umgesetzt wurden. Das sah ich aber nur durch verstohlene Blicke auf fremde Screens. ;-)

    Wie auch immer, in meinem Team versuche ich jeden an der Verbesserung der Prozesse und bei der Erarbeitung der Ideen zu beteiligen. denn auch Praktikannten mit 0 Jahren Berufserfahrungen haben viele Ideen  – manchmal bessere als die „Alten Hasen“, weil sie eben nicht betriebsblind sind oder in ihrem Gefaengnis denken.

    • s.o.

    • Das ist die richtige Einstellung und dies verlangt sehr viel Courage „es zu zulassen“. 
      Es könnte ja auch sein das ein „einfacher“ Praktikant womöglich bessere Ideen oder Dissonanzen in so manchem Produktkonzept findet. Ein versierter Entwickler/ Manager sollte dies „aushalten“ und er wird garantiert mit so mancher Stecknadel im Heuhaufen belohnt.

  • Marvel

    Ich nehme an, dass die SZ von folding@home der PS3 gesprochen hat (http://folding.stanford.edu/German/Papers), da wird aber nur Rechenzeit von Delettanten genutzt (wie beim verteilten Rechnen halt üblich), aber kein geistiger Input…