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Wann ist ein Scrum ein Scrum?

Ein Trainingsteilnehmer fragte mich, welche Elemente von Scrum notwendig seien. Sicherlich könne man, so der Teilnehmer, das eine oder andere Meeting herausnehmen, ohne großen Schaden zu tragen. In manchen Konstellation, vermutete er, könne Scrum à la carte sogar hilfreich sein.

Eine Woche zuvor erklärte mir ein Teammitglied nicht ohne Stolz das vorbildliche Zusammenspiel seines Team-Backlogs mit dem Taskboard. Sein Team käme gut damit zurecht, sagte er. Ich selbst war beeindruckt vom souveränen Umgang des Teams mit seinen Artefakten. Und dann kam der Seitenhieb. Er sagte: „Wir machen das nicht, weil es Scrum heißt, sondern weil wir es gut finden. Wenn Scrum etwas anderes vorschreiben würde – wir täten es trotzdem so.“

 

 

Beide Erfahrungen werfen die gleiche Frage auf: Wann machen wir Scrum – und wann nicht?

Stell‘ Dir vor, es gäbe ein Land ohne Strafgesetze. In diesem Land wäre das Rasen keine gesetzlich verbotene Handlung. Bedeutet die Gesetzlosigkeit nun, dass die Bewohner dieses Landes keine guten Gründe haben, um das Rasen zu unterlassen? Natürlich nicht. Schließlich gibt es moralische Gründe, nicht zu rasen – und diese Gründe können sich auch ohne gesetzliche Festlegung behaupten. Man denke nur an den Raser, der einen Unfall verursacht, sein Leben lang ungeschoren davon kommt, und dennoch jede Nacht vom schlechtem Gewissen geplagt wird. Oder an den tugendhaften Menschen, der gar nicht darüber nachdenken muss, was das Gesetz ihm vorschreibt, sondern aus eigenen Motiven bereits richtig handelt.

Zugegeben: Scrum ist nicht so dramatisch wie das Strafrecht. Aber auch in einer Welt ohne Scrum gäbe es Menschen, die  eine agile Gesinnung mitbrächten. Menschen, die auf Kommunikation und Transparenz setzen. Menschen, die große Herausforderungen am liebsten sofort angehen, um schnell brauchbare Ergebnisse zu sehen. Menschen, die auf die innere Kraft von cross-funktionalen Teams setzen.

Solche Menschen würden dies und das ausprobieren, gute und schlechte Erfahrungen sammeln, sich austauschen. Und irgendwann würde sich aus diesen Aktivitäten ein Corpus aus Regeln, Empfehlungen und Interpretationen herauskristallisieren. Ein Rahmenwerk, das im Grunde nichts anderes als eine systematische Sammlung guter Erfahrungen wäre. Aus der Praxis für die Praxis. Ob dieses Rahmenwerk dann Scrum oder Murcs heißt, ist vollkommen egal.

 

Rahmenwerke sind Handlungshilfen

Wichtig ist allein: Rahmenwerke wie Scrum oder das Strafgesetzbuch sind ungemein wichtig, um gelingendes Handeln zu ermöglichen. Es fällt dem Autofahrer leichter, vernünftig zu fahren, wenn er neben seinen eigenen – zum Beispiel moralischen – Gründen auch noch die gesetzliche Vorschrift hat, nicht schneller als 120 km/h zu fahren. Der Rechtsphilosoph Joseph Raz nennt solche Gründe „auxiliär“, weil sie uns dabei behilflich sind, das Richtige zu tun. Auch mit Scrum fällt es uns leichter, agil zu handeln. Zum einen bietet Scrum einen Motivationsschub. Du weißt: Du bist nicht der Erste. Hinter Dir steht eine ganze Community, die damit arbeitet, darüber redet und erfolgreich ist. Zum anderen ist Scrum unmittelbar praxisrelevant: Du willst Deinem Team dabei helfen, besser zusammenzuarbeiten? Kein Problem: Scrum kennt da nicht nur ein Meeting (die Retrospektive) mit klar definiertem Ablauf, sondern zig Variationen zur Durchführung einer Retrospektive.

 

Wann machen wir also Scrum – und wann nicht? Scrum ist überall dort, wo Menschen sich in ihrem Handeln vom gleichnamigen Rahmenwerk leiten lassen. Ob sie das gut oder schlecht, virtuos oder stümperhaft machen, ist eine ganz andere Frage. Wer ein selbständiges Scrum-Team mit den drei Kernrollen hat, in Sprints arbeitet, an dessen Ende Lieferungen präsentiert, und darüber hinaus die eigene Zusammenarbeit regelmäßig überprüft – der macht das, war über die Jahrzehnte unter dem Namen Scrum zusammen gewachsen ist. Wer hingegen Scrum à la carte versucht – etwa Sprints ohne Retrospektiven oder Teams ohne eigenes Commitment -, der folgt in seinen Handlungen nicht dem Rahmen, den Scrum vorgibt. Er handelt dann wie der Raser, der nur bei Radarmeldungen das Tempo drosselt, ansonsten aber mit Vollgas über die Autobahnen brettert.  Insofern kann es kein halbes Scrum, auch kein Scrum à la carte geben. Entweder wir machen es oder wir machen es nicht.

 

Wer Scrum dann macht, wird mit der Zeit auch ein Gefühl für dessen innere Logik bekommen. Er muss dann nicht mehr jedes Mal auf die Regeln schauen, sondern wird vieles intuitiv richtig machen. Regeln sind für ihn dann nicht mehr Einschränkungen, sondern Spielräume für neue Ideen und Impulse. Was Faust in Bezug auf die Religion sagte, mag dann sogar hier zutreffen:

 

Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,
Nenn es dann, wie du willst,
Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott
Ich habe keinen Namen
Dafür! Gefühl ist alles;
Name ist Schall und Rauch,
Umnebelnd Himmelsglut.