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Warum sich gute ScrumMaster trotz und wegen Olympia ärgern sollten

Am 27. Juli wurden in London die Olympischen Spiele eröffnet. Es sind die dreißigsten. Ich weiß genau, dass meine Wochenenden ausschließlich im Zeichen der fünf Ringe stehen werden, zumindest war es jetzt am ersten genau so. Ich schaue mir alles an, wirklich alles. Selbst vollkommen unergründliche Sportarten wie Synchronschwimmen, Skeet oder Taekwondo erreichen durch das drei Wochen andauernde olympische Fieber einen Attraktivitätsgrad, der (jedenfalls bei mir) nur noch während einer Fussballweltmeisterschaft von Spielen der Deutschen erreicht wird.

Da fehlt jemand am Heiligen Rasen von Wimbledon

Besonders reizvoll ist in diesem Jahr das olympische Tennisturnier. Es findet auf dem Heiligen Rasen von Wimbledon statt. Dort, wo 1985 der Stern von Boris Becker aufgegangen ist, wo man sich beim Betreten des Center Courts vor einem Vertreter des Königshauses verneigt oder einen Knicks macht, dort, wo es einen Green Guard gibt, der sogar eine eigene Rasensorte erfunden hat. Und hier fängt auch die Geschichte meines Ärgers an.Thomas Haas, im Spätherbst seiner Karriere, die aktuelle Nummer 36 der Tennis-Weltrangliste und damit Deutschlands Nr. 3, wird das olympische Rasenturnier nur am Bildschirm verfolgen, weil er vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) nicht für Olympia nominiert wurde. Das ist erst mal nichts Ungewöhnliches. Allerdings hat Thomas Haas vor einigen Wochen das Rasenturnier in Halle gewonnen. Und zwar gegen keinen Geringeren als Roger Federer, die derzeitige Nr. 1 der Welt und Lichtgestalt im Tennissport. Ebenso war er erst kürzlich im Finale von Hamburg am Rothenbaum, und das ist ebenfalls nicht ganz so leicht. Diese bemerkenswerten Leistungen haben aber nicht ausgereicht, um Dr. Thomas Bach, Präsident des DOSB, ehrgeiziger olympischer Funktionär mit großen Ambitionen, Nachfolger von Jacques Rogge (IOC Präsident) zu werden, von einer Nachnominierung Haas‘ zu überzeugen. Zweifelsfrei wäre das ohne große Anstrengung möglich gewesen. Der DOSB hätte dafür lediglich den momentan stärksten deutschen Tennisspieler beim Internationalen Tennis-Verband für eine Wildcard (und damit die Möglichkeit, über den Umweg eines Qualifikationsturniers noch ins Starterfeld zu rücken) vorschlagen müssen. Der DOSB in der Person von Dr. Bach verwies jedoch (durchaus korrekt) auf den Normerfüllungsschluss. Haas habe das Turnier in Halle nach dem 11. Juni gewonnen und somit falle die Berücksichtigung dieser herausragenden Leistung nicht mehr ins Bewertungsraster. Das Argument steht. Das ist keine Frage. Aber wäre es wirklich so undenkbar gewesen, eine Formalität, wie den Antrag einer Wildcard, auszufüllen?

Zu viel Selbstherrlichkeit, zu wenig Transparenz

So viel Arroganz macht mich einfach nur wütend. Hier trifft (zu viel) Selbstherrlichkeit auf (viel zu wenig) Transparenz. Es ist die Art von Mentalität, die überdeutlich klarstellt: wir (Funktionäre) da oben, ihr (Mitarbeiter) Sportler da unten. Die Aktiven (Sportler) finden kaum oder zumindest wie in diesem Fall zu wenig (kein) Gehör. Der Fall „Thomas Haas“ ist kein Einzelfall. Ich vermisse bei den sportlichen Funktionären die gleiche Serviceorientierung im Sinne der Sportler, wie ich es vermisse, dass das Management die Voraussetzungen dafür schafft, damit der „unterstellte“ Bereich störungsfrei arbeiten kann. Viel zu selten werden von Seiten eines Managements Antworten auf Fragen gegeben wie: „Was kann ich noch verbessern, wie kann ich helfen? Sind unsere Regeln transparent genug? Geben wir für unsere Entscheidungen ausreichende und verständliche Erklärungen? Hinterfragen wir unser eigenes Handeln?“ Nicht selten erlebe ich in Unternehmen, dass agile Werte wie Respekt, Mut und Offenheit zwar nach außen propagiert und in den Leitlinien betont werden. In der Umsetzung jedoch wird Gegenteiliges nicht nur gelebt, sondern sogar gefördert. Null-Fehler-Kulturen und Selbstherrlichkeit auf der einen Seite, Entscheidungsängste und Kadavergehorsam auf der anderen beherrschen vielerorts den Arbeitsalltag und verhindern, dass Menschen Freude in ihrem täglichen Tun haben, Verantwortung übernehmen wollen/können und neue Wege ergründen. Ohne in die Pauschalierungsfalle zu treten und mir den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, dass ich das zu einseitig sehe: Bei meiner Ursachenforschung nehme ich überwiegend Erklärungsversuche für dieses Ungleichgewicht wahr, die zum Ausdruck bringen, dass es „die da oben“ sind, die alles dafür tun, damit „die da unten“ funktionieren und nicht auf „dumme Gedanken“ kommen.

Nicht, dass mir solche Meinungsbilder nicht bekannt wären und eher zu einem Déjà vu führen, als mich wirklich überraschen könnten. Allerdings verlieren gewohnte Bilder, Handlungs- oder in diesem Fall Reaktionsmuster in der Regel an Brisanz, wenn man sie ständig und immer wieder erlebt (das bedeutet nicht, dass sie dadurch weniger schlimm wären). Kurzum: Man stumpft einfach ab. Erst in Ausnahmesituationen, bei spontanen Gelegenheiten oder bei bloßen Zufällen kommt es zu einem Innehalten und die Intensität einer nicht zufriedenstellenden Situation oder eines Missstandes wird einem plötzlich wieder spürbar bewusst. Was folgt ist eine Reaktion oder vielmehr eine Aktion. Man möchte etwas tun, verändern. Und zwar so schnell wie möglich! Ich reagiere auch gerade so schnell wie nur möglich. Ich schreibe diesen „Ärger-Blog“.

Was hätte ein ScrumMaster getan?

Als ich von Thomas Haas‘ Nichtnominierung las, es kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen hatte und mein erster Ärger verflogen war, fragte ich mich: „Angenommen, Thomas Haas wäre in einem Scrum-Team und er hätte einen ScrumMaster gehabt. Was hätte dieser in einer solchen Situation unternommen?“ Ein guter ScrumMaster hätte auf alle Fälle nicht nichts unternommen. Er hätte alles dafür getan, Einfluss zu nehmen – egal wie. Auch auf die Gefahr hin, sich gegen das Wort eines „mächtigen Mannes“ aufzubäumen, hätte ein ScrumMaster schon aufgrund seiner Verantwortung gegenüber seinem Team die Pflicht zu intervenieren. Gute ScrumMaster haben gute Netzwerke und wissen, wie sie ihren persönlichen Einfluss einsetzen können und kennen die Machtgefüge eines Unternehmens. Sie wissen, an wen sie sich wenden müssen, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Vielleicht wäre es ihm gelungen, einen persönlichen Termin bei Dr. Bach zu bekommen, vorsprechen zu dürfen, Transparenz zu fordern – vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall hätte ein guter ScrumMaster dafür gesorgt, dass sich das (Management-)System durch die gewählte Intervention provoziert fühlt, etwas zu tun – selbst auf die Gefahr hin, entweder keinen Erfolg zu haben oder sogar danach geächtet zu sein. Wenn es die Situation erfordert, agieren ScrumMaster immer am Limit.

Ich möchte noch ein letztes Wort zu Thomas Haas und seiner Nichtnominierung verlieren. Am Sonntag, dem zweiten Wettkampftag,  ließ die derzeitige Nummer 1 des Deutschen Tennis, Philipp Kohlschreiber, einen Tag vor seinem ersten Spiel verlauten, dass er nicht am olympischen Turnier in Wimbledon teilnehmen wird, weil er verletzt sei. Die Nummer zwei Deutschlands, Florian Mayer, sagte ebenfalls ab. Sein Grund: London passe nicht in seinen Turnierkalender. Da fällt mir nichts mehr ein.  Ich glaube, ich werde vergebens auf eine öffentliche Entschuldigung von Dr. Thomas Bach warten. Von jenem Thomas Bach, der 1976 selbst Athlet bei den Olympischen Spielen war und Gold mit der Mannschaft im Fechten gewann. Heute kämpft Dr. Bach mit anderen Waffen.

  • „Olympia passt nicht in seinen Trainingsplan“?

    wow….

  • Smartn

    Da könnte ich noch viele Geschichten aus dem Leistungssport-Machtsumpf beitragen, aber das war in einem anderen Leben.

    öfter mal die Frage stellen. „Was kann ich für meine Mitarbeiter / Athleten / Firma  tun?“ als immer neue Regeln und Forderungen zu stellen.